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Großes Leid bleibt im Bewusstsein

Gedenkstätte Großes Leid bleibt im Bewusstsein

Die Gedenkstätte Münchmühle entstand auf den Fundamenten der Waschbaracke des gleichnamigen Lagers. Stacheldraht und Betonpfähle erinnern an das Leid von Tausenden in den Allendorfer Sprengstoffwerken.

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Das historische Foto zeigt das frühere Lager Münchmühle. Wann das Bild genau entstand, ist nicht bekannt. Das rechte Foto entstand bei der „Woche der Begegnung“ an der Gedenkstätte Münchmühle. Fotos: Archiv DIZ/Landkreis

Stadtallendorf. Die Baracken des Lagers Münchmühle verschwanden bereits kurze Zeit nach Kriegsende. Für rund 1000 ungarische jüdische Frauen, die als KZ-Häftlinge aus Auschwitz-Birkenau kamen, war das Lager Münchmühle beinahe 10 Monate lang Unterbringungsort. Das Arbeitslager Münchmühle bestand zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Jahren, eingezäunt, durch Stacheldraht gesichert. 13 Baracken gehörten zum Arbeitslager Münchmühle, bis zu 1200 Menschen ließen sich dort unterbringen.

In den Sprengstoffwerken der DAG und Wasag im damaligen Allendorf arbeiteten während des Zweiten Weltkriegs in Spitzenzeiten bis zu 17000 Menschen. Es waren Kriegsgefangene, Strafgefangene, Mitglieder des Reichsarbeitsdienstes und eben auch jene 1000 Frauen, KZ-Häftlinge. „Die wenigsten Menschen, die in den Werken arbeiteten, taten das freiwillig“, betont Fritz Brinkmann-Frisch, Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ) in Stadtallendorf.

Arbeitsbedingungen in den Sprengstoffwerken und Lagerleben entsprachen bei den jüdischen Frauen dem, was die Nationalsozialisten unter der menschenverachtenden „Vernichtung durch Arbeit“ verstanden. Von den 1000 Frauen wurden sieben im Laufe der ersten Monate nach ihrer Ankunft in Allendorf nach Auschwitz zurückgeschickt. Eine Frau starb im Lager Münchmühle.

Am 27. März 1945 wurde das Lager Münchmühle angesichts der näherrückenden amerikanischen Truppen evakuiert. Der Marsch der Frauen nimmt allerdings ein frühes Ende, sie erlangen ihre Freiheit schließlich wieder.

Nach der Befreiung nutzten die Alliierten das Lager Münchmühle noch kurze Zeit für die Unterbringung von früheren Zwangsarbeitern, im Amerikanischen wurden sie als „displaced persons“ bezeichnet. Diese Zeit dauerte bis November 1945. Danach verschwanden die Baracken bis auf die Fundamente.

Es dauerte bis in die 1980er Jahre, bis die Arbeit von Kirchhainer und Stadtallendorfer Schülern letztlich den Ausschlag dafür gaben, dass sich die Stadt Stadtallendorf und der Landkreis Marburg-Biedenkopf für die Errichtung der Gedenkstätte Münchmühle entschieden. Im Mai 1988 wurde sie eingeweiht. Die Gedenkstätte war auch ein zentraler Ort während der „Woche der Begegnung“. Ehemalige KZ-Insassen besuchten seinerzeit Stadtallendorf.

Ein Wiedersehen mit Eva Puztai

Unter den Frauen, die das Lager Ende März 1945 unter Bewachung verlassen mussten und Jahrzehnte später an der „Woche der Begegnung“ teilnahmen, war auch Eva Puztai, Sie brachte zahllosen Schülern im Kreis Marburg-Biedenkopf die Zeit der Zwangsarbeit in den Sprengstoffwerken in den zurückliegenden Jahrzehnten näher. Sie berichtete von den Frauen mit gelber Haut, vom Schleppen 50 Kilogramm schwerer Granaten, vom Rühren in flüssigem Sprengstoff ohne jeden Atemschutz. Heute wird die mittlerweile fast 88-jährige Puztai wieder an der Gedenkstätte Münchmühle sprechen. In einer gemeinsamen Gedenkstunde erinnern Stadt und Landkreis heute an den Bau der Gedenkstätte. Zu den Rednern zählen neben Puztai Bürgermeister Christian Somogyi und Landrat Robert Fischbach. Gäste sind zur Gedenkstunde, die um 17 Uhr beginnt, ausdrücklich willkommen.

Unter dem Motto „Wer Musik liebt und innig versteht, für den hat die Welt eine Dimension mehr“ gibt die Musikgruppe „mit mi(h)r“ heute ab 20 Uhr im Aufbaugebäude ein Benefizkonzert zu Gunsten des Erhalts und der Pflege der Gedenkstätte Münchmühle.

von Michael Rinde

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