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Glaubwürdigkeit des Opfers entscheidet

Elf Jahre Haft Glaubwürdigkeit des Opfers entscheidet

Als sich gestern während der Verhandlungspause vor der Urteilsverkündigung zwei Polizisten dem Saal 104 näherten, muss für den Angeklagten eine Welt zusammengebrochen sein. Bis zuletzt hatte er auf eine Bewährungschance gehofft.

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Missbrauchsprozess: Nach dem Urteil wird der Angeklagte von Polizisten abgeführt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg / Stadtallendorf. Die Präsenz der Polizeibeamten sprach für etwas völlig anderes:

  • Die 3. Große Jugendkammer des Marburger Landgerichts hat sich offensichtlich für eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung entschieden.
  • Die Verhaftung des Angeklagten steht unmittelbar bevor.

Der zweite Verhandlungstag hatte mit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft begonnen. Kerstin Brinkmeier sprach gut 30 Minuten lang. Unaufgeregt, klar strukturiert und konzentriert richtete die Staatsanwältin den Blick auf die wichtigsten Details dieses komplexen Falls und bewertete diese ausgewogen. Ihr Schlussvortrag geriet derart überzeugend, dass ihn sich das Gericht am Ende inhaltlich zu eigen machte.

Nach Überzeugung der Staatsanwältin hat die Beweisaufnahme folgende Tatbestände bewiesen:

  • Im Zeitraum zwischen dem 20. April 1998 und dem 21. April 2002 hat der angeklagte Familienvater seine zu Beginn der Tatserie elf Jahre alte Tochter mindestens einmal binnen zwei Wochen während der Frühschicht der Mutter im elterlichen Schlafzimmer zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Dabei verdeckte er ihr Gesicht mit einem Kissen. Abweichend vom sonst stets gleichen Tatmuster ereigneten sich zwei Vergewaltigungen im Bad und zwei Vergewaltigungen während der Spätschicht der Mutter.
  • Das nicht aufgeklärte Mädchen wusste bei der ersten Tat nicht wie ihm geschah. Während des Eindringens des Vaters weinte das Kind und bat vergeblich: „Papa lass das, das tut weh.“
  • Der Angeklagte nutzte die völlige Schutzlosigkeit seiner Tochter aus. Während der Tat befand sich nur noch der jüngere Bruder in der Wohnung, der seine Schwester unmöglich schützen konnte. Im Gegenteil: Aus Angst vor dem Vater hat es der Bruder, der mit seiner Schwester ein Etagenbett teilte, noch nicht einmal gewagt, seine Schwester nach deren frühmorgendlichen Verschwinden zu suchen. Der einzige Versuch landete vor der Tür zum Schlafzimmer. Die sonst immer angelehnte Tür war verschlossen.

Die Staatsanwältin führte noch weitere Indizien an, die auf Feststellungen der Mutter und Aussagen zweier ehemaliger Freunde des Opfers beruhen. Diese sollen ebenso zum Schutz der Intimsphäre der heute 28 Jahre alten Frau unerwähnt bleiben, wie auch die Ereignisse, die die Staatsanwaltschaft dazu bewogen, den Tatzeitraum und damit auch die Zahl der angeklagten Taten von 106 auf 84 zu reduzieren.Das gewichtigste Glied in Kerstin Brinkmeiers Argumentationskette: Die Glaubwürdigkeit der Tochter, die als Nebenklägerin am zweiten Verhandlungstag nicht mehr teilnahm. „Schon die Aussage-Genese spricht gegen jede unrechtmäßige Belastung des Vaters“, erklärte die Staatsanwältin und verwies darauf, dass nicht das Opfer, sondern der damalige Freund der jungen Frau es war, der im November 2012 ohne deren Wissen mit einem Anruf bei der Polizei das Verfahren gegen den Vater in Gang gesetzt habe.

Sie sah ein konstantes Aussageverhalten der Zeugin ohne überschießende Belastungstendenzen. Unter dem Eindruck der väterlichen Drohung habe sie das Geschehen über Jahre erduldet und für sich behalten. Motor ihres Schweigens sei die Angst vor dem Vater gewesen, die sie in ihrer nicht öffentlichen Aussage nur schwer in Worte habe fassen können. Das wiederum hätten Mutter und Bruder des Opfers sowie zwei Schwestern des Angeklagten im Zeugenstand nachhaltig getan mit ihren Schilderungen von einem Angst und Schrecken verbreitenden Mann, vor dem alle Familienangehörigen stramm standen.

Die Aussagen des Angeklagten, sich höchstens zehn- bis zwölfmal an seiner Tochter vergangen zu haben, ohne dabei in sie eingedrungen zu sein, bewertete die Staatsanwältin als Schutzbehauptung. Für den Angeklagten sprächen lediglich als Ablassen von seiner Tochter, als die sich 16-jährig erstmals verweigerte und das unbescholtene Leben des nicht vorbestraften Mannes in den vergangenen zwölf Jahren. Gegen den Angeklagten sprächen der schwere sexuelle Missbrauch an dem Kind vor dessen 14. Geburtstag und das Absinken der Hemmschwelle durch den langjährigen Missbrauch.

Wegen Vergewaltigung in 84 Fällen, tateinheitlich mit 42-fachen schweren sexuellem Missbrauch eines Kindes beantragte die Staatsanwältin eine Gesamtfreiheitsstrafe von 12 Jahren und sechs Monate - nicht weit weg von der Höchststrafe von 15 Jahren. An Einzelstrafen beantragte sie für die erste Vergewaltigung 3 Jahre und 6 Monate, für die Taten bis zum vollendeten 14. Lebensjahr jeweils drei Jahre und für die späteren Taten je 2 Jahre und 6 Monate. Die Vertreterin der Nebenklage folgte dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft. Sie bezeichnete die Aussagen ihrer Mandantin als glaubwürdig und schlüssig.

Zugleich zeigte sie frappierende Ähnlichkeiten im Tatmuster der Vergewaltigungen, die die Angeklagte an seiner Tochter und vor mehr als 30 Jahren an seiner Schwester begangen hat. Ihre Mandantin empfinde heute noch Ekel und Scham, könne nicht über die Taten sprechen, die bei ihr zu schulischen und beruflichen Problemen geführt hätten. Die Pflichtverteidigerin machte sich die Aussagen ihres Mandanten zu eigen: Nur zehn bis 12 Fälle, kein Eindringen in den Körper. Im Gegensatz zu dem Kind sei der Mann sexuell erfahren, ihm sei zu folgen.

Außerdem monierte sie, dass bei den Fall-Hochrechnungen Krankheitstage und Betriebsferien nicht eingerechnet worden sei. Sie beantragte eine Freiheitsstrafe unter zwei Jahren zur Bewährung. Der Angeklagte wiederholte in seinem Schlusswort, dass er seine Familie liebe und weiter unterstützen wolle. Und er bekannte: „Ich kann mit meiner Wahrheit sehr gut leben.“ Das Gericht aber nicht. Die unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf tagende Kammer verurteilte den Angeklagten wegen 66-facher Vergewaltigung in Tateinheit mit 40-fachen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Freiheitsstrafe von 11 Jahren. Die Kammer habe nicht die geringsten Zweifel an der Schuld des Angeklagten.

Die Beweisaufnahme habe Realkennzeichen in großer Menge und passende Empfindungen gebracht. Für das Gericht ganz wichtig: Die fehlenden Belastungstendenzen des Opfers. „Sie hat in typischer Opfermanier erkennen lassen, dass sie sich teilweise mitschuldig fühlt“, sagte der Vorsitzende. Die Abweichung vom Antrag der Anklage begründete Dr. Wolf mit der zu Gunsten des Angeklagten reduzierten Zahl der verurteilten Taten und mit den glücklicherweise vergleichsweise geringen Folgeschäden des Opfers. Gleichwohl betonte der Richter die verzweifelte Schutzlosigkeit des Opfers: „Es gab keine Hilfe im Haus und keine Fluchtmöglichkeit. Wohin soll ein kleines Kind morgen um 5.30 Uhr hin?“

von Matthias Mayer

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