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Gericht: Großmutter lässt sich nicht täuschen

Enkeltrick Gericht: Großmutter lässt sich nicht täuschen

Mit dem sogenannten ­Enkeltrick sollte eine ­ältere Frau aus dem ­Ostkreis um ihre Ersparnisse gebracht werden. Das ging gehörig schief. Der Kurier erhielt eine ­Bewährungsstrafe.

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Per Telefon leiten Betrüger, wie bei diesem Themenfoto, den als besonders hinterhältig geltenden Enkeltrick ein.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Schon früh klingelt das Telefon an einem warmen Morgen Ende August bei der älteren Dame. Am Apparat scheinbar ihre völlig aufgelöste Enkelin. Die erzählt der fürsorglichen Oma undeutlich von einem schrecklichen Notfall. Sie brauche Geld, und das sofort. Die Oma solle es richten, ihre Ersparnisse von 18 000 Euro zur Rettung der geliebten Verwandten zu verwenden.

Zum Schein geht die pfiffige Dame auf die herzzerreißende Bitte ein, hat das Ganze jedoch schnell als Betrugsmasche durchschaut. Mehrfach klingelt in den folgenden Stunden ihr Telefon, ein Termin mit einem angeblich vertrauensvollen Mitarbeiter ihres Anwaltes wird vereinbart.

Der junge, harmlos wirkende, kleine 18-Jährige steht schließlich vor der Wohnungstür, will das Geld in Empfang nehmen. Zu seiner Überraschung trifft er jedoch nicht auf die hilfsbereite Oma, sondern auf die wartenden Polizeibeamten, die die Großmutter längst alarmiert hat. Der Kurier wird festgenommen.

Gescheiterter Betrugsversuch im August

So ähnlich verlief ein missglückter Betrugsversuch im August diesen Jahres im Ostkreis. Am vergangenen Mittwoch gestand der ertappte „Geldabholer“, wie es in der Anklage heißt, vor dem Marburger Jugendschöffengericht den gemeinschaftlichen versuchten Betrug. Der heute 18 Jahre alte Schüler lebt eigentlich in Großbritannien, wurde von unbekannten Drahtziehern angeworben, um „schnell und einfach Geld zu verdienen“, wie üblich beim sogenannten Enkeltrick, erklärte sein Verteidiger Michael Euler.

Seit vier Monaten sitzt der Heranwachsende in Untersuchungshaft. Der Grund: Es war nicht seine erste Kurier-Tätigkeit: Zwei Jahre zuvor versuchte er im Auftrag von mehreren Strippenziehern dieselbe Masche in Norddeutschland bei einem älteren Mann.

Auch dieses ausgewählte Opfer hatte bereits von dem Enkeltrick-Betrug in der Zeitung gelesen, ging nur zum Schein auf den Hilferuf seines „Enkels“ ein und versprach eine Soforthilfe von 45 000 Euro. Die hinter dem Ganzen stehende Betrüger-Bande scheiterte auch dieses Mal.

Keine Angaben 
zu Hintermännern

In beiden Fällen konnten die eigentlichen Hintermänner, zu denen der Beschuldigte keine Angaben machen wollte, fliehen. Nur der angeklagte Geldabholer wurde festgenommen. „Er räumt beide Tatvorwürfe vollumfänglich ein“, betonte Euler.

Beide Rechtsanwälte des Angeklagten hoben dessen scheinbare Nebenrolle bei der Tat hervor: Wie so oft bei einem sogenannten Enkeltrick würden die unwissenden Kuriere im Dunkeln über die Auftraggeber gelassen, tragen dennoch das größte Risiko, so die Verteidigung. Auch der 18-Jährige wurde von den Hintermännern mindestens zweimal aus dem Ausland angeworben und vor Ort „vorgeschickt, um zu sehen, ob die Falle zuschnappt“, vermutete Verteidiger Sascha Marks.

Die Untersuchungshaft habe indes einen starken Eindruck bei dem jungen Mann hinterlassen. Derlei Taten wolle der Schüler „definitiv nicht mehr begehen“, so Marks, der sich wie sein Kollege für eine Bewährungsstrafe von etwa einem Jahr aussprach.

Dem stimmte der Angeklagte zu. „Ich möchte mich für alles entschuldigen, es war eine schwere Zeit, ich habe viel gelernt“, berichtete er über seinen Aufenthalt im Gefängnis. Nun wolle er nur noch zurück nach Hause und die Schule beenden, sich nie wieder zu einer Straftat verleiten lassen, „ich komme nie mehr zurück“, beteuerte der Beschuldigte.

Jugendlicher ar nicht vorbestraft

Das der 18-Jährige wohl eher Handlanger war, zudem bereits in Haft saß, hielt ihm Staatsanwalt Christian Laubach zugute. Dennoch wusste der sichtlich harmlos wirkende Geldabholer von seiner Rolle und den Tatumständen des Enkeltricks, eben dass gerade ältere Menschen ausgenutzt und betrogen werden sollten: „Eine große Schweinerei und eine ganz schwerwiegende Straftat, die sehr verwerflich ist“, machte Laubach seinem Unmut Luft.

Er sprach sich für eine Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung für den bislang nicht vorbestraften Heranwachsenden aus.

Das Jugendschöffengericht verurteilte den Angeklagten wegen gemeinschaftlichen versuchten Betruges in zwei Fällen zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und fünf Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der Beitrag des jungen Mannes sei noch „an der Grenze zur Hilfstätigkeit“, befand der Vorsitzende Richter Dirk-Uwe Schauß.

Dennoch wogen die beiden Taten schwer, auch wenn keine Gefahr bestand, an das erhoffte Geld zu gelangen, da die aufmerksamen Opfer nicht auf den Trick hereinfielen.

von Ina Tannert

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