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Genossenschaft fehlen die Mitglieder

Problem Genossenschaft fehlen die Mitglieder

"Ich weiß nicht, was dagegenspricht." Vorstandsvorsitzender Dr. Bernhard Traulich kann sich einfach nicht erklären, warum die Mardorfer so zögerlich sind, der Bioenergiegenossenschaft beizutreten.

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Ein Bagger würde an der Biogasanlage zwar schon bereitstehen – der Bau eines Nahwärmenetzes steht allerdings noch in den Sternen.Foto: Florian Lerchbacher

Mardorf. Einen Monat nach Gründung der Bioenergiegenossenschaft sollte die Welt in Mardorf eigentlich in Ordnung sein: Das Dorf könnte es seinem Nachbarn Erfurtshausen gleich tun, einen Beitrag zur Energiewende leisten und gleichzeitig in den Genuss von günstigen Heizkosten kommen.

Doch weit gefehlt: Lediglich 70 von 210 Haushalten, die bei einer Befragung Interesse an einem Anschluss an ein Nahwärmenetz gezeigt hatten, sind bisher der Genossenschaft beigetreten. Warum dem so ist, können sich die Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates nicht erklären. „Ich dachte, dass die Menschen spätestens, wenn es sich positiv auf das Portemonnaie auswirkt, offen sind“, sagt Vorstandsmitglied Karl-Heinz Krähling, in dessen Stimme ein Ansatz von Verzweiflung hörbar ist. Es gebe eigentlich keine Argumente, die gegen einen Beitritt sprechen, und dennoch verschließen sich zahlreiche Mardorfer der Initiative. Die einen wollen nicht, dass ihre Straße aufgerissen wird, die anderen sorgen sich um ihren Bürgersteig, wieder andere führen den Verkehr, den die Biogasanlage verursacht, als Argument an. Doch die Anlage existiert bereits: „Warum also nicht davon profitieren?“, fragt Traulich, während er verärgert sagt: „Es ist erschreckend, wie groß die Ignoranz der Leute ist.“

Dorf gilt als "konservativ" geprägt

Natürlich sei zunächst eine Investition notwendig - diese rechne sich jedoch bereits nach wenigen Jahren. „Auf der einen Seite spricht alles für uns, auf der anderen Seite gibt es scheinbar ein Bauchgefühl, das die Menschen vom Beitritt zur Genossenschaft abhält - auch wenn sie es nicht erklären oder begründen können“, sagt Traulich und fügt hinzu: „Ökologisch und ökonomisch rechnet sich unser Projekt - eigentlich müssten alle in Jubelstimmung verfallen.“

„Mardorf ist schon etwas besonderes“, meint Krähling. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich das Dorf gegen die Ansiedlung der Firma Will gewehrt, die letztlich in Neustadt eine dankenswerte Heimat fand. In den 1960er Jahren sprachen sich die Bürger gegen die Einrichtung einer Gesamtschule aus, die dann in Heskem unterkam.

Dass das Dorf eher konservativ geprägt ist, ist keine Neuigkeit. „Wir dürfen uns dem Fortschritt nicht verschließen“, gibt Krähling als Parole aus und hofft, dass die Mardorfer ihre Meinung in naher Zukunft ändern. „Die Genossenschaft ist keine Mogelpackung und wir sind weder eine gekaufte Truppe noch ein Haufen Spinner“, betont Traulich. Viel eher seien sie Mardorfer, die ein lohnenswertes Projekt vorantreiben.

Und so leicht aufgeben, wollen sie auf keinen Fall: „Information statt Resignation“ könnte ihr Motto lauten. Ende September/Anfang Oktober wollen sie eine dritte Bürgerversammlung veranstalten, um die zahlreichen Vorteile eines Nahwärmenetzes noch einmal herauszustellen, Fragen zu beantworten und Bedenken zu zerschlagen.

Fachberater wollen informieren

Bis dahin besteht für jeden Mardorfer die Chance, montags um 20 Uhr die Vertreter der Bioenergiegenossenschaft im Gemeenshaus aufzusuchen, ihre Bedenken zu äußern oder Fragen zu stellen. Oder sie nehmen Kontakt zu den Freiwilligen auf, die seit Monaten für ein Nahwärmenetz werben und darüber informieren. Oder sie lassen sich einen „Fachberater“ vermitteln, die es in der Genossenschaft seit neuestem gibt: Dies sind Mitglieder, die sich mit bestimmten Themen auseinandergesetzt haben und nun im Detail Bescheid wissen, zum Beispiel über die Haustechnik, Finanzfragen, den Grabenaushub oder ähnliches.

„Wir wissen nicht, was die Hemmnisse sind, daher sollen die Menschen auf uns zukommen“, ruft Traulich auf und betont: „Sie sollen uns sagen, was sie wollen oder woran sie zweifeln.“ Eine Umplanung des rund 5,5 Millionen Euro teuren Projektes kommt für die Genossenschaft zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls nicht in Frage, denn sie möchte auf keinen Fall Teile Mardorfs ausschließen, wie Traulich hervorhebt: „Ein Nahwärmenetz wäre eine große, gemeinschaftliche Aktion, die uns auch sozial guttun würde - das ganze Dorf könnte profitieren!“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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