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"Geale Rehfoan" sind begehrt

Würzwisch-Wanderung "Geale Rehfoan" sind begehrt

Am Ende der dreistündigen Himmelsberger Würzwisch-Wanderung nahmen alle Wanderer einen bunten Kräuterstrauß mit nach Hause.

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Am Ende nahmen alle Wanderer ihren Würzwisch mit nach Hause. Willibald Preis (kleines Foto links) führte die Gruppe zu den Standorten der Kräuter. Fotos: Karin Waldhüter

Kirchhain. Sie heißen „Stolzer Heinrich“, „Geale Rehfoan“, „Bloutkop“, „Stolzer Konrod“ und „Foxschwanz“. Hinter den volkstümlichen Namen verbergen sich Kreuz- und Geiskraut, Rainfarn, der große Wiesenkopf, Johanniskraut und Weiderich. Neben Alant, Beifuß, Frauenflachs, Sumpfgarbe, Teufelsabbiß, Wasserhanf und Wermut bilden die zusammen die zwölf Himmelsberger „Wirzweschkräuter“.

Das Sammeln von Heilkräutern zu verschiedenen Marienfesten, ganz besonders aber zu Mariä Himmelfahrt geht auf eine Jahrhundertealte Tradition zurück. Zur Himmelsberger Würzwisch-Wanderung hatte am Sonntagmorgen der Arbeitskreis Extratour Himmelsberg in Abstimmung mit der Region Burgwald und die Stadt Kirchhain eingeladen.

Willibald Preis, Himmelsberger und Kirchhains Stadtverordnetenvorsteher, zeigte sich dabei als fachkundiger Kräuterkenner. Auf der sieben Kilometer langen Strecke, die zu Teilen der Extratour Himmelsberg folgte, fesselte Preis die Teilnehmer mit der volksheilkundlichen Bedeutung der Kräuter, geschichtlichem Wissen über Himmelsberg und interessanten Informationen rund um die Extratour Himmelsberg. Mit Handschlag hatte er am Sonntagmorgen vor dem Dorfgemeinschaftshaus jeden der 20 Teilnehmer persönlich begrüßt.

Vom Dorfgemeinschaftshaus aus mussten die Wanderer nur wenige Schritte gehen, um das Leinkraut (Frauenflachs), den ersten Bestandteil des Würz-wischs, zu finden. Früher habe es Leinkraut in derart rauen Mengen gegeben, dass man es mit der Sense hätte mähen können, erzählt Preis. Heute dagegen sei es, auch bedingt durch das Absicheln der Wege, schwerer zu finden. Vorbei an Himmelsbergs Wahrzeichen, der über 1066 Jahre alten Tanzlinde, ging es dann für weitere Erläuterungen in die Himmelsberger Kirche. Bis in die heutige Zeit hat sich die Feier der Kräuterweihe in Himmelsberg erhalten. Der Tag der „Wirzweihe“ ist der Sonntag nach Mariä Himmelfahrt. Die Kräuter, die nicht aus dem Hausgarten kamen, brachte man beim Futterholen aus dem Wiesengrund Bartenhausen mit. Bis 1964 sei der Würzwisch in Himmelsberg vor der Kirchentür geweiht und während des Gottesdienstes auf das Grab eines Angehörigen gelegt worden. Zu Hause angelangt sei er dann auf dem Dachboden aufgehängt worden.

„Man vertraute den Heilkräften, wenn eine Kuh am Kalben war und es schwierig zu werden schien“, so Preis.

Das Kräutersammeln sei früher vielfach von Kindern durchgeführt worden und selten seien im Kräuterbund alle Pflanzen eingebunden gewesen. Beim Binden der Kräuter gab es feste Regeln: So kam der Alant stets in die Mitte, und die äußere Umrandung bildeten Beifuß und Wermut. „Der Bund wurde so üppig ausgestattet, dass er von einer Kinderhand nicht zu umfassen war“, berichtete Preis und verwies auf den Niederkleiner Mundartforscher Ortwin Koch. Dieser habe festgestellt, dass früher 37 verschiedene Kräuter zu einem Kräuterbund gebunden wurden, wobei die Zusammensetzung von Ort zu Ort unterschiedlich gewesen sei.

Als Zimmerschmuck, getrocknet und aufgehängt finde er auch heute noch vielfach seinen Platz. Erst dann, wenn der neue „Wirzwesch“ im Haus war, seien die verbliebenen Reste des vorjährigen Kräuterbundes verbrannt worden. Von den 12 Kräutern findet man den Alant und Wermut heute vielfach in Himmelsberger Hausgärten. Alle anderen Pflanzen, bis auf den Wasserhanf, wachsen an dem Bahndamm entlang der ehemaligen Wohratalbahn und dem Grabenlauf, der daran entlangführt.

Unterwegs stießen die Kräutersammler gleich auf den gelben Reinfarn. Laut Willibald Preis stärkt er den Magen, vertreibt Winde, tötet den Wurm und reinigt die Nieren. Der Rückweg führte über den steilen Roßberg nach Himmelsberg, wo unter der Anleitung von Willibald Preis der Würzwisch an der Tanzlinde fertig gebunden wurde.„Ich fühle mich zurückversetzt in meine Kindheit“, erklärte am Ende Marita Sturtz aus Ginseldorf begeistert.

von Karin Waldhüter

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