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Furnieren, schnitzen, schnüren, nähen

Biedermeiersofa aus Goethes Freundeskreis Furnieren, schnitzen, schnüren, nähen

Dass die Familie Jesberg alten Dingen und der Bewahrung von Kulturdenkmälern zugetan ist, verrät schon ihr Zuhause. Siehaben eine alte Scheune zum Wohnhaus undArbeitsplatz ausgebaut.

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Markus und Franziska Jesberg legen in ihrer Rauschenberger Werkstatt letzte Hand am Rückenpolster eines Biedermeiersofas an. Das Sofa gehörte einst einer Jenenser Familie, die mit Goethe befreundet war. Fotos (3) Matthias Mayer

Rauschenberg. Gegenüber des liebevoll restaurierten Fachwerkgebäudes rottet eine Scheune vor sich hin. „Das ist jammerschade, denn das ist eine jüdische Scheune - die wohl letzte im Landkreis, die hebräische Inschriften trägt“, sagt Markus Jesberg, der sich als Raumausstattermeister und staatlich geprüfter Restaurator den Erhalt wertvoller Antiquitäten zur beruflichen Aufgabe gemacht hat. Unterstützt wird er dabei von seiner Tochter Franziska, die seit sechs Jahren im Betrieb arbeitet.

Was Tochter und Vater jetzt in ihrer Rauschenberger Werkstatt aufarbeiteten, gehört selbst für ihren etablierten Restaurationsbetrieb nicht zum Alltagsgeschäft: Das Biedermeiersofa einer Jenenser Familie, die mit Goethe gut befreundet war.

Der Dichterfürst liebtesein Kanapee

Ob der Frankfurter Bürgersohn, Dichterfürst, Weimarer Geheimrat und Minister vielleicht sogar auf diesem Sofa gesessen hat, ist nicht verbrieft - aber auch nicht ausgeschlossen. Schließlich liebte Goethe den Meinungsaustausch mit seinen Freunden bei einer Flasche Wein und war Polstermöbeln von Herzen zugetan. Besonders in seinen letzten Lebensjahren ruhte er gern und ausdauernd auf dem Kanapee.

Das Möbelstück aus der Hochzeit der deutschen Klassik zog mit seinen Eigentümern von Jena nach Schweinsberg und landete schließlich in Marburg. Heute gehört es einem Kieler Professor, der die Restaurierung in Auftrag gab.

Die war bitter nötig, denn das Sofa befand sich in einem schlechten Zustand, wie Markus Jesberg berichtet. Das Sofa sei fünfmal aufgepolstert worden, was die Nagelleisten zerstört habe. „Ein Zierelement musste neu geschnitzt und abgeplatzte Furniere erneuert und ergänzt werden“, erzählt der Restaurator von aufwendigen Holzarbeiten.

Nicht weniger arbeitsintensiv war die Wiederherstellung der ursprünglichen Polsterung mit der für Biedermeiersofas charakteristischen scharfen Kantenausbildung. Markus Jesberg nennt die Arbeitsschritte für das Sitzpolster: Gurtbespannung, Aufbringen der Federn, die mit französischem Leinen abgedeckt und mit festen Schnürfäden in Form gebracht werden.Die Oberfläche wird mit Leinen abgedeckt, das wiederum mit den Federn vernäht wird. Als Nächstes wird das Grundpolster aus Flachs aufgebracht, in leichtes Leinen eingepackt und durchgesteppt. Auf dieses Grundpolster wird gelbes Rosshaar aus Frankreich aufgetragen. Die Abdeckung aus Nessel wird stramm vernäht. Erst dann kann der eigentliche Bezugsstoff aufgespannt und vernäht werden.

Im Gegensatz zu der weichen Clubpolsterung, die das Sofa nach Schätzung von Markus Jesberg um 1900 erhielt, besitzt das Biedermeiersofa jetzt wieder eine ganz straffe Polsterung.

Immer wiedernähen und ziehen

Wie bekommt man das ohne Maschinen hin? Franziska Jesberg, die den Großteil der Arbeiten an dem Sofa ausführte, sieht das Geheimnis im stets strammen Vernähen der einzelnen Schichten. „Man muss schon richtig an den Fäden ziehen und das geht mächtig in die Arme“, erzählt die begeisterte Reiterin, die auch außerhalb des Familienbetriebs Restaurationserfahrungen gesammelt hat. Sie restaurierte in Potsdam im Raum der Königin Luise, dessen Wände mit handbemalter Seide bespannt sind.

Markus Jesberg ist froh, dass seine Tochter Begabung und Interesse für den Beruf mitbringt, denn die Branche leide unter enormem Nachwuchsmangel. Dabei hat sie Arbeit genug, wobei viele Schäden an historischen Möbeln nach Jesbergs Erfahrung durch unsachgemäße Behandlung entstehen. Sein Tip: Antiquitäten niemals praller Sonneneinstrahlung aussetzen und dafür sorgen, dass die Luftfeuchtigkeit im Raum auch im Winter nicht unter 50 Prozent absinkt. Zu trockene Luft lässt Furniere abplatzen.

von Matthias Mayer

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