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„Für mich muss Arbeit Spaß machen“

Olaf Hausmann im OP-Interview „Für mich muss Arbeit Spaß machen“

Olaf Hausmann ist heute seit 100 Tagen Bürgermeister der Stadt Kirchhain. Hausmann hatte sich am 6. März bei der Direktwahl deutlich durchgesetzt und sein Amt am 1. August angetreten.

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Olaf Hausmann ist seit 100 Tagen Bürgermeister in Kirchhain.

Quelle: Matthias Mayer

Kirchhain. Aus diesem Anlass gab der Sozialdemokrat der OP ein Interview.

OP: War Ihr Wechsel aus der Wirtschaft an die Spitze einer Kommunalverwaltung ein kleiner Kulturschock für Sie?

Olaf Hausmann: Einerseits ja, andererseits nicht, weil ich aufgrund meiner kommunalpolitischen Erfahrung mit dem einen oder anderen gerechnet habe. Zudem hatte ich schon vorher eine gewisse Nähe zu den Mitarbeitern, insbesondere zu den Fachbereichsleitern, die mir aus vielen Sitzungen bekannt sind. Aber grundsätzlich sind die Arbeit in einem Industrieunternehmen und in einer öffentlichen Verwaltung definitiv zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

OP: Lässt sich das an einem bestimmten Punkt festmachen?

Hausmann: In der Industrie trifft man jeden Tag Entscheidungen: Man geht Kompromisse ein, arbeitet Konditionen aus, bereitet Verträge vor, schließt täglich Verträge ab, ohne dass die generellen Vereinbarungen vorher jedes Mal umfassend überprüft werden. Die Entscheidungswege in einer öffentlichen Verwaltung sind länger, weil die gesetzlichen Vorgaben viel enger gefasst sind. So ist beispielsweise beim Haushaltsplan oder bei dem Haushaltssicherungskonzept zu überprüfen, dass sie den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen.

„Eine Rechnung geht bei uns durch sieben Hände“

OP: Der gewesene Manager Olaf Hausmann muss sich in Geduld üben? Hausmann: Manchmal schon, aber positiv ist aus meiner Sicht, dass beide Seiten voneinander lernen können. Das wird bei einigen Schnittstellen deutlich, die wir gleich nach meinem Einzug ins Rathaus in Arbeitsgruppen ausgearbeitet haben mit der Fragestellung, wo können wir besser, schneller und bürgerfreundlicher werden.

OP: Sie haben in den ersten Wochen viel Zeit für Einzelgespräche mit allen Mitarbeitern investiert. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?

Hausmann: Das war für mich eine hervorragend investierte Zeit. Es ist wichtig, jeden Mitarbeiter zu kennen - unabhängig ob es der Fachbereichsleiter ist oder die Küchenhilfe im Kindergarten. Wer mit 150 Mitarbeitern spricht, die Probleme und die persönliche Aufgabe anspricht und auch die Frage stellt „was würdest Du als Bürgermeister tun?“, bekommt viele interessante Antworten. Manche Antworten wiederholen sich.

Dies ist möglicherweise ein Punkt, wo es Ansätze zur Verbesserung gibt. Daraus haben sich die bereits erwähnten Arbeitsgruppen entwickelt. Wir haben gemerkt, dass es einige Prozesse gibt, die wir schneller und effektiver machen können. Ein konkretes Beispiel: Bis eine Rechnung bei uns im Haus bezahlt ist, ist sie durch sieben Hände gegangen. Da stellt sich die Frage: Ist das notwendig oder können wir das Procedere vereinfachen und schneller machen?.

Ein weiteres Beispiel ist das Bürgerbüro. Wir haben derzeit 29 Wochenstunden Öffnungszeit für unsere Bürger. In den Arbeitsgruppen sind wir übereingekommen, die Öffnungszeiten in Zukunft auf 38 Wochenstunden auszuweiten. Das bedeutet mehr Bürgernähe.

OP: Ihre ersten 100 Tage waren geprägt von einer zeitlich sehr aufwändigen Tour durch die Vereine, Institutionen und Ortsbeiräte in allen zwölf Stadtteilen. Was nehmen sie aus den Begegnungen mit?

Hausmann: Es ist für mich als Bürgermeister eine wesentliche Aufgabe, Präsenz zu zeigen, für die Bürger Ansprechpartner zu sein. Bei den Gesprächen geht es oft nur darum, kleine Probleme schnell zu lösen. Das sind Dinge, die ich sehr gern annehme. Außerdem lassen sich durch die Gespräche vor Ort die Belange und die Notwendigkeiten viel besser einschätzen als vom Schreibtisch aus. Dafür besuche ich Vereine, Ortsbeiräte, mache Ortsbegehungen, um im Bedarfsfall schnell helfen zu können. Das geht nicht immer, aber oft lässt sich ein Problem lösen, indem man an kleinen Stellschrauben dreht.

„Man muss den Stadtteilenzuerst zuhören“

OP: „Starke Stadt, starke Stadtteile“ lautete Ihr Wahlslogan. Dieser hat besonders in den zwölf Stadtteilen eine erhebliche Erwartungshaltung geweckt. Fürchten Sie angesichts der Haushaltslage, an diesem Slogan zu scheitern?

Hausmann: Nein, weil ich glaube, dass man den Stadtteilen zuerst zuhören muss, was ich in den Ortsbeiräten und den Gesprächen vor Ort mache.

Dabei werden Projekte an mich herangetragen, und wir müssen klären, welche sind umsetzbar und in welchem Zeitrahmen kann das geschehen. Wir haben auch schon einiges umgesetzt. In Anzefahr ist ein Baugebiet seit langem Thema. Wir haben jetzt den Aufstellungsbeschluss für das Baugebiet am Friedhof gefasst. Das ist der erste Schritt. Wir werden auch in den anderen Stadtteilen schauen, wo wir anpacken können. Die Erwartungshaltung ist da, die wir durch Präsenz und Kommunikation sukzessive abarbeiten werden.

OP: Der Ortsbeirat Schönbach hat einstimmig beschlossen, Ihren Haushaltsentwurf in dieser Form abzulehnen.

Hausmann: Das kann passieren. Es ist immer so, dass man gewisse Dinge nicht für den Haushalt berücksichtigen kann. Für Schönbach haben wir 10.000 Euro Planungskosten für den Ausbau des Radweges Richtung Bürgeln in den Haushaltsentwurf eingestellt. Wir können uns nur im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten bewegen, wissend, dass die Wunschliste in allen Stadtteilen lang ist. Durch die Haushaltssperren der vergangen Jahren haben wir einen großen Sanierungsstau, den wir Schritt für Schritt abbauen müssen.

OP: Die Ortsbeiräte haben die Möglichkeit, Nachmeldungen zum Haushalt einzubringen. Das klingt nach einem Scheinangebot, denn es steht Ihr Wort, dass Nachmeldungen ohne Vorschlag zur Gegenfinanzierung nicht berücksichtigt werden. Diese Option haben die Ortsbeiräte nicht. Die Schönbacher können schlecht den Himmelsbergern ein Projekt weg kürzen.

Hausmann: Das ist richtig. Aber es spricht nichts dagegen, Nachmeldungen anzumelden. Gleichzeitig ist es sinnvoll festzulegen, welche Priorität haben wir im Dorf. Es gilt festzulegen, was 2017 erledigt werden sollte und was 2018 oder 2019 gemacht werden kann. Jedes Dorf soll regelmäßig berücksichtigt werden. Das ist mein Ziel. Aber es wird nicht alles auf einmal funktionieren.

„Ich hoffe auf eine breite Mehrheit für den Haushalt“

OP: Am 12.Dezember soll der erste von Ihnen verantwortete Kirchhainer Haushalt verabschiedet werden. Fürchten Sie ob der knappen Mehrheit von SPD und Linke eine Abstimmungsniederlage?

Hausmann: Nein. Der Haushalt 2017 war bei meinem Amtsantritt schon in Vorbereitung, aber ich habe versucht, meine und die Ideen von SPD und Linke mit einzubringen. Dazu gehören die Vereinsförderung, der Ausbau des Gewerbegebiets, die Aufstockung des Bauhofs um einen Mitarbeiter. Und wir haben in Absprache mit den Fachbereichsleitern den Fachbereich 5 Familien und Soziales initiiert, von dem wir glauben, dass er wichtig ist für die Zukunft der Stadt. Wir werden für die Leitung des Fachbereichs eine zusätzliche Stelle schaffen, die wir durch eine interne Stellenausschreibung besetzen wollen. Die übrigen Mitarbeiter werden innerhalb der Fachbereiche umgesetzt. So hoffe ich auf eine breite Mehrheit für den Haushalt. Aber natürlich wird die Opposition Punkte suchen, was man anders machen könnte.

OP: Ihr Partner Die Linke hat bislang alle Kirchhainer Haushalte abgelehnt, weil ihr die soziale Komponente unzureichend erschien. Sie werden angesichts der weiter schwierigen Haushaltslage nicht im Gewand des Wohltäters mit der Gießkanne in der Hand durchs Ohmtal ziehen. Fundamentale Unterschiede zu den von Jochen Kirchner verantworteten Haushalten gibt’s im Etatentwurf 2017 nicht.

Hausmann: Wie schon gesagt: Mit dem Fachbereich Familie und Soziales und der geplanten Neuausrichtung der Vereinsförderung finden sich im Haushalt schon Punkte, die das Thema Soziales widerspiegeln. Die generelle Ablehnung des Kirchhainers Haushalts in der Vergangenheit durch die Linke war auch Ausdruck für die generelle Unzufriedenheit an der Sozialpolitik der Bundesregierung . . .

OP: … an der sich unter der Beteiligung der SPD in Berlin nichts geändert hat …

Hausmann: … wer politische Verantwortung übernommen hat, muss diese auch tragen. Die Linke muss prüfen, ob ihr soziales Profil im Kirchhainer Haushalt abgebildet ist. Ich glaube, dass die Fraktion im Haushalt durchaus ein linkes Portfolio wiederfinden wird.

OP: Die Verbesserung der städtischen Einnahmesituation gehört zu ihren wichtigsten Wahlzielen. Sind Sie schon ein Stück vorangekommen? Hausmann: Wir gestalten den Haushalt 2017 ausgeglichen - mit einem kleinem Überschuss von 180000 Euro im Ergebnishaushalt …

OP: … wie in den vergangenen drei Jahren auch …

Hausmann: … Richtig. Wir werden trotz KIP und der mit dem Programm verbundenen Investitionen von 1,7 Millionen Euro keine Nettoneuverschuldung haben. Was Mehreinnahmen angeht, arbeiten wir an zwei Punkten. Wir wollen unsere Infrastruktur stärken, um Kirchhain als attraktive Wohnstadt zu erhalten. Dem dient die Ausweisung von Neubaugebieten in der Kernstadt, in Anzefahr und in Kleinseelheim. Mit den anderen Stadtteilen führen wir Gespräche, um dort die Innenentwicklung voranzutreiben. An der Einwohnerzahl orientiert sich unser Einkommenssteuer-Anteil, der Kirchhains wichtigste Einnahmequelle ist.

Der zweite wesentliche Punkt ist das Gewerbegebiet Ost. Wir wollen das Gewerbegebiet besser vermarkten und setzen auf einen Strategiewechsel. Wir wollen kleinere Parzellen vermarkten und die Anbindung aus Richtung Stadtallendorf an das Gewerbegebiet voranbringen, um es für Firmen wie Kunden attraktiver zu machen. Davon erhoffen wir uns mittelfristig mehr Gewerbesteuer-Einnahmen. Das ist ein Thema, mit dem ich mich intensiv beschäftige. Es wurden bereits einige Gespräche geführt. Das ist Chefsache.

OP: Lässt sich nach jetzigem Stand der barrierefreie Ausbau des Bahnhofs finanzieren?

Hausmann: Mein Ziel ist eine breite Zustimmung für einen barrierefreien Bahnhof, der zur Attraktivität der Wohnstadt Kirchhain beiträgt. Voraussetzung fürs Gelingen sind für mich die Reduzierung der Kosten, das Bauvorhaben möglicherweise zu strecken und eine erfolgreiche Verhandlung mit der Bahn mit dem Ziel, dass diese sich an den Baukosten beteiligt oder eine Finanzierung über einen längeren Zeitraum ermöglicht.

„Das Team um mich herum funktioniert hervorragend“ OP: Sie wirken als Bürgermeister zugleich konzentriert, aber auch entspannt und gelassen. Was ist ihre Kraftquelle für dieses fordernde Amt. Hausmann: Mir helfen positives und zukunftsorientiertes Denken sowie Freude an der Arbeit in meinem neuen Amt. Ich sehe positiv nach vorn.

Ich kann nichts ändern, was in der Vergangenheit war. Ich kann daraus nur für die Zukunft die richtigen Lehren ziehen. Das Team um mich herum funktioniert hervorragend. Wir arbeiten in der Verwaltung gemeinsam an dem Ziel, Kirchhain weiter zu entwickeln. Das macht nicht nur mir, sondern auch den Mitarbeitern großen Spaß. Sonst hätten sich nicht über 50 von 150 Mitarbeitern freiwillig für die Arbeitsgruppen gemeldet. Es macht Spaß, Dinge zu bewegen. Und für mich muss Arbeit Spaß machen, um gute Ergebnisse zu erreichen. Natürlich muss auch ich abschalten. Es gelingt mir aber in der Familie, beim Sport oder bei Kulturereignissen auch mal, die Stadt Kirchhain hinter mir zu lassen.

von Matthias Mayer

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