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Für Opfer ist "das Leben zerstört"

Überfall-Prozess Für Opfer ist "das Leben zerstört"

Alle drei Täter, die vor fünf Jahren auf besonders brutale Weise ein Juweliergeschäft in Stadtallendorf überfielen, sind mittlerweile gefasst. Der erste Räuber wurde bereits verurteilt.

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Vor dem Landgericht Marburg wird aktuell gegen den zweiten mutmaßlichen Beteiligten des Überfalls auf einen Stadtallendorfer Juwelier verhandelt. Archivfoto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. Jahre nach der Gewalttat ging der Polizei auch der zweite Räuber ins Netz, der nach dem Überfall ins Ausland flüchtete. Der gebürtige Litauer wurde in seinem Heimatland erwischt und ausgeliefert. Er muss sich wegen schweren Raubes verantworten. Am 24. November 2011 überfiel der heute 36-Jährige gemeinsam mit zwei Komplizen ein alteingesessenes Juweliergeschäft in der Stadtallendorfer Innenstadt.

Im Vorfeld sollen die Täter das Geschäft ausgekundschaftet haben, traten erst ein, nachdem zwei weitere Mitarbeiter den Laden verlassen hatten. Zurück blieb der Inhaber, der gerade einige Schmuckstücke prüfte, als er auf einen der Täter aufmerksam wurde. Der Mann stellte sich vor den Verkaufstresen. Da er kein Deutsch sprach machte er mit einer Geste deutlich, dass er angeblich an Ohrringen interessiert sei. Urplötzlich langte er jedoch über die Theke, ergriff den überraschten Verkäufer am Hals und drückte ihn auf die Glasplatte. Der zweite Angreifer, der mittlerweile hinter den Tresen gelangt war, riss den Geschädigten sofort zu Boden. Räuber Nummer drei, der derzeitige Angeklagte, kniete sich laut Anklageschrift auf das sich zur Wehr setzende Opfer und hielt es fest.

Schmuckwaren im Wert von 115.000 Euro

Mindestens einer der Männer soll den am Boden Liegenden umgehend mit Schlägen und Fußtritten traktiert haben. Als wäre dies nicht genug, zückte einer der Männer einen Elektroschocker und versetzte dem Ladeninhaber einen schmerzhaften Stromschlag am Bein. Spätestens mit dieser Behandlung versetzte er das Opfer „in Todesangst“, heißt es in der Anklageschrift. „Ich dachte ich muss sterben“, berichtete auch der Geschädigte unter Tränen.

Während die beiden Komplizen ihn hinter der Theke festhielten, räumte der Dritte die Auslage aus und stopfte die Beute - Ringe, Ketten, Armreifen, Uhren und Ohrringe - in eine mitgebrachte Tasche. Laut Inhaber erbeutete das Trio Schmuckwaren im Wert von 115.000 Euro. Im Anschluss begaben sich alle drei Männer Richtung Ausgang, dort stellte sich ihnen der Geschädigte in den Weg, wollte laut eigener Aussage eigentlich nur die blockierte Tür öffnen, „damit sie endlich gehen“.

Angeklagter bestreitet Beteiligung an Angriffen

Er wurde wieder angegriffen, „mit Schlägen und Tritten erneut zu Fall gebracht“.

Der Mann erlitt durch die Misshandlungen mehrere Platzwunden an Kopf und Körper. Er musste über eine Woche in einer Klinik behandelt werden. Der Mann kämpft immer noch mit den seelischen Folgen der Tat. „Ich kann das einfach nicht vergessen, mein Leben ist zerstört“, berichtete das Tatopfer unter Tränen von den Folgen der Misshandlungen. Er musste sich nach dem Überfall therapeutisch behandeln lassen, entwickelte nach eigener Aussage ein hohes Maß an Misstrauen und versperrte lange Zeit aus Angst die Tür seines Geschäfts, ließ Kunden nur nach dem Anklopfen herein.

Die brutale Behandlung habe er bis heute nicht überwinden können, diese bestimme nach wie vor sein Leben. Ob sich der Angeklagte, der seit Mai in Untersuchungshaft sitzt, an den gewalttätigen Übergriffen beteiligte, konnte bislang nicht geklärt werden. Der 36-Jährige bestreitet eine Gewaltanwendung seinerseits, die angeklagten Vorwürfe gibt er indes zu: „Ich gestehe, diese Tat begangen zu haben und ich ­bereue es“, erklärte der Mann, der die mehrstündige Verhandlung scheinbar ruhig und mit unbewegtem Gesichtsausdruck verfolgte. Ob er zugeschlagen habe - daran könne er sich nicht mehr erinnern, „das kann sein“.

Per Anhalter nach Litauen

Auf dem Überwachungsvideo des Geschäfts scheint er zumindest beim Verlassen des Ladens handgreiflich geworden zu sein, „man sieht, dass er den Weg frei macht“, relativierte Verteidiger Robert Funk die Aussage. Der Angeklagte entschuldigte sich bei dem Opfer, stellte sich dabei eher als unwissender Mitläufer dem Gericht vor und ließ sich angeblich durch seine jahrelange Heroinsucht zu der Tat verleiten. Ursprünglich kam er auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland. Er suchte nach einer Möglichkeit, an Geld und vor allem an weitere Drogen zu kommen. „Das brachte mich dazu, diese Tat zu begehen“, teilte er mit. Für seine Beteiligung versprachen ihm die Mittäter eine nicht näher bestimmte Menge an Heroin, die er indes nie erhielt. Nach der Flucht trennte sich das Trio. Per Anhalter fuhr er am nächsten Tag zurück nach Litauen.

Seinerzeit wurde zunächst nur einer der Täter, erst 23 Jahre alt, gefasst. Anfang Juli 2013 wurde er, unter Einbeziehung einer vorangegangenen Straftat, zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt waren seine beiden mutmaßlichen Mittäter noch auf der Flucht. Der dritte, jahrelang flüchtige Mann, wurde vor kurzem gefasst und befindet sich derzeit in Litauen in Auslieferungshaft.

Der laufende Prozess wird am Montag, 7. November, 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt.

von Ina Tannert

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