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Für Mardorfer endete der Krieg früher

70 Jahre Kriegsende Für Mardorfer endete der Krieg früher

Otmar Schick und Anne Traulich widmen sich in den "Zeitzeichen" Erinnerungen, die Mardorfer im Krieg niederschrieben. Besonders spannend wird es jedoch, wenn sie über persönliche Erfahrungen sprechen.

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Anne Traulich und Otmar Schick stehen bei dem Bildstock, an dem die Mardorfer an Gründonnerstag 1945 ihre Waffen ablegten.

Quelle: Florian Lerchbacher

Mardorf. Der 8. Mai 1945 ist der Tag des offiziellen Endes des Zweiten Weltkrieges. Im Empfinden der Mardorfer war der Krieg laut Zeitzeugen aber bereits in der Karwoche Ende März 1945 vorbei, als die deutschen Soldaten zerlumpt, verdreckt, verschwitzt und abgemagert auf der Flucht vor den Alliierten durch ihr Dorf zogen. Von da an gab es laut Zeitzeuge Otmar Schick nur noch einen Wunsch: „Hoffentlich kommen die Amerikaner - und nicht die Russen.“ Denn Letzteren eilte der Ruf voraus, zu plündern und mit Gräueltaten Angst, Schrecken und Leid zu verbreiten.

Relativ schnell war klar, dass die Amerikaner nach Mardorf kommen würden. Die Bürger hängten weiße Fahnen an ihre Gebäude, gerieten allerdings noch einmal in Panik, als die wenigen im Ort lebenden Nationalsozialisten kolportierten, dass die SS im Dorf sei: „Nur der Pfarrer ließ die Fahne am Kirchturm und verhinderte auch, dass irgendjemand sie abhängt“, berichtet Schick, der sich dem überzeugten Nazi-Gegner Dr. Martin Hannapel und dessen Niederschriften über die Zeit des Zweiten Weltkrieges ausführlich in der sechsten Ausgabe der „Mardorfer Zeitzeichen“ widmet. „Die Mardorfer hatten mehr Angst vor der SS als vor den Alliierten“, ergänzt Anne Traulich.

Am Gründonnerstag rückten die Amerikaner in Mardorf ein, wo sich laut Pfarrer Hannapel kaum ein Bürger vom Naziwahn hatte infizieren lassen. Die Kinder riefen nach „Chocolate“ - oder eben auf hessisch-amerikanisch nach „Schoklääd“. „Das Wort kannten wir sehr schnell“, erinnert sich Schick, der damals fünf Jahre alt war. Die Soldaten hätten lässig in ihren Jeeps gesessen, Zigaretten geraucht und es habe verführerisch nach Kaugummi gerochen: „Das zog uns magisch an.“

"Niemand sprach von Angst"

„Viele Mardorfer sahen auch erstmals farbige Menschen“, ergänzt Traulich, die damals noch nicht lebte, für die „Mardorfer Zeitzeichen“ aber zum einen die Schriften von Lehrer Müller, seines Zeichens bekennender Nazi, durchging, aber vor allem auch zahlreiche Gespräche über den Krieg mit Zeitzeugen und einst ihrem Vater führte. „Ein Farbiger, ein riesiger Bursche, kam morgens früh bei uns ins Schlafzimmer und durchsuchte die Schränke nach nationalsozialistischer Literatur“, berichtet Schick. Angst hätten er und seine Familie aber nicht gehabt: „Nein, nein. Der Soldat war äußerst freundlich.“

„Ich war angenehm überrascht, wie die Zeitzeugen mir den Gründonnerstag und die Reaktion der Bürger auf die Amerikaner beschrieben“, sagt Traulich. „Die Menschen reagierten äußerst stoisch. Niemand sprach von Angst.“ Sie seien eben froh gewesen, dass die Amerikaner und nicht die Russen einmarschierten, wirft Schick ein.

Nur eine ledige Frau hatte Angst und trug diese auch nach außen: Sie streckte ihr Gewehr durchs Fenster und hatte die Straße im Visier. Pfarrer und Nachbarn hielten sie jedoch zurück. Letztendlich kamen die Mardorfer morgens um 11 Uhr am Bildstock im Ortskern zusammen, um auf Anweisung des Bürgermeisters ihre Waffen abzuliefern. „Ich vermute, jegliche militärische Auseinandersetzung sollte um jeden Preis verhindert werden“, erklärt Schick.

Ablehnung und Widerstände waren spürbar

Dies gelang und so bleibt Gründonnerstag 1945 laut Pfarrer Hannapel „der Tag der Erlösung von der Nazityrannei. Gott sei Dank!“

Neben der Karwoche sind „Flüchtlinge“ ein zentrales Thema der „Zeitzeichen“. Mehrere Hundert - zunächst vornehmlich aus zerstörten Städten - suchten einst in Mardorf, „auf dem Land“, Schutz und Nahrung. Und fanden sie auch: „Wir in Mardorf hatten immer genug zu essen. Wir waren auf landwirtschaftlicher Grundlage Selbstversorger“, schrieb Hannapel. Der Bürgermeister recherchierte, wie viel Platz in den Mardorfer Häusern ist und teilte die Flüchtlinge zu. „Bei uns lebten eine Frau aus Oberhausen, eine Familie aus Velbert und ein Schmied aus Ostpreußen“, erinnert sich Schick und betont, dass die Erwachsenen im Gegenzug für Essen und Unterkunft in der Landwirtschaft geholfen hätten. Nachts indes wurden sie bewacht. Das Dorf habe sich den Flüchtlingen gegenüber insgesamt sehr offen gezeigt - was Traulich angesichts der Erlebnisse ihres Vaters anders sieht. Dieser habe im Zweiten Weltkrieg Haus und Hof verloren und sei auf der Suche nach einer neuen Heimat geflohen. Im katholisch geprägten Mardorf habe er um Akzeptanz kämpfen müssen: „Die Flüchtlinge waren zumeist nicht katholisch und trafen auf eine eigentlich geschlossene Gesellschaft“, sagt sie und ergänzt: „Das ist aber auch irgendwie verständlich: Auf einmal kommen Fremde ins Dorf, die eine ganz andere Prägung haben. So gab es Spannungen, als sie sich hier niederlassen wollten.“

Eine „Willkommenskultur“ habe es nicht gegeben, was viele Flüchtlinge dazu brachte, weiterzuziehen. Traulichs Vater blieb. „Später als Postbeamter war er anerkannt“, kommentiert Schick. Bis dahin sei es aber ein weiter Weg gewesen, entgegnet Traulich: „Die Menschen waren skeptisch. Zuvor war Mardorf ein in sich geschlossenes Dorf, das wenig Kontakt zu den anderen Dörfern hatte - es sei denn, diese waren katholisch. Und dann kamen die Flüchtlinge.“ Ihr Vater habe Ablehnung gespürt und selbst nach einigen Jahren erst Widerstände überwinden müssen, um Bauland zu erhalten - aber viele seien auch weitergezogen, um anderswo ihr Glück zu suchen.

Bogen in die heutige Zeit gespannt

Das Thema Flüchtlinge ist heute aktueller denn je, entsprechend überlegt Schick, in einer weiteren Ausgabe der Hefte voller Dorfgeschichte und Dorfgeschichten genauer darauf einzugehen. Ein markanter Unterschied sei allerdings, dass damals Sprache kein Hindernis gewesen sei.

Insgesamt ein Jahr dauerten seine Recherchen für die sechste Ausgabe der „Mardorfer Zeitzeichen“. Die Zeit sei ähnlich emotional gewesen wie bei Ausgabe Nummer fünf, in der er sich dem Ersten Weltkrieg gewidmet hatte: „Insgesamt aber intensiver: Jeder hat seine Geschichte und seine Erinnerungen“, betont Schick, der durch Kriegshandlungen seinen Vater verlor - und auch seine Mutter hatte einiges zu durchleiden: Sie habe nach Kriegsende wie viele andere Frauen auf Nachricht von oder über ihren Mann gewartet und sei in ihrer Verzweiflung sogar zu einer Wahrsagerin gegangen, um Informationen zu erhalten. „Diese sagte, dass er lebt - aber in Wirklichkeit war er tot“, sagt Schick und ergänzt: „Meine Mutter war katholisch und streng erzogen. An so einen Kokolores wie eine Wahrsagerin hätte sie nie geglaubt - aber die Zeit riss den Menschen einfach den Boden unter den Füßen weg.“

von Florian Lerchbacher

"Mardorfer Zeitzeichen"
Die „Mardorfer Zeitzeichen“ gibt es in der Sparkassenfiliale in Mardorf und bei allen Mitgliedern des Arbeitskreises Dorfgeschichte, unter anderem bei Hildegard Kräling, Telefon 06429/405. Neben dem Zweiten Weltkrieg ist „Tod und Trauer in Mardorf in der Zeit vor 1968“ (von Anne Traulich) ein Thema der sechsten Ausgabe. Zudem gibt es einen bunt bebilderten Gastbeitrag von Reinhard Forst mit dem Titel: „Mardorf in Ansichtskarten.“
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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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