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Für Hektiker ungeeignet

Neujahrsmarkt Für Hektiker ungeeignet

Viele Tausend Menschen besuchten am Dienstag den Neujahrsmarkt. Wer Kirchhains inoffiziell höchsten Feiertag wirklich genießen will, braucht vor allem eines: Geduld.

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Tausende schlängelten sich durch die Innenstadt.

Quelle: Florian Lerchbacher

Kirchhain. Es geht gemächlich zu in der Innenstadt. Stück für Stück schieben sich die Menschen durch die Fußgänger­zone, bleiben aber immer wieder stehen und sorgen für kleinere Staus - entweder, weil sie sich das Angebot der Stände anschauen wollen, oder aber, weil sie alte Bekannte und Freunde treffen. „Lange nicht mehr gesehen!“, ist ein Ausruf, der ob der aus ganz Deutschland extra heimkehrenden Kirchhainer ganz weit vorne zu finden sein dürfte, sollte jemals eine Statistik über die meist geäußerten Neujahrsmarkt-Sätze erhoben werden. Zusammen mit der Frage: „Noch einen Glühwein?“ -wobei „Glühwein“ wahlweise durch „Bier“ ersetzt werden kann (selbstverständlich erst nach Anpassung des vorangestellten, unbestimmten Artikels).

Wie dem auch sei: Wer schnell über den Neujahrsmarkt kommen möchte, ist fehl am Platz. Das muss der ein oder andere hektischere Besucher schnell merken - und sich damit abfinden oder eben sein Nervenkostüm strapazieren lassen.

Sicher ist allerdings auch: Wer nur an den Ständen vorbeiflitzt, wird die Details der Angebote nicht entdecken. Zum Beispiel vertut der Hektiker die Möglichkeit, den Kopf über ein als Handgranate getarntes Feuerzeug zu schütteln. Und er weiß auch nicht, wie einfach sein Leben sein könnte, da er sich nicht über die Vielzahl der natürlich extrem unterschiedlichen Gemüseschäler, Schuhputzwundermittel oder Fensterreiniger, deren Vorteile und die einfache Bedienung informieren lässt. Er bekommt auch nicht mit, dass zum Beispiel Uhren viel mehr als Uhren sind, nämlich „Modeschmuck für das Handgelenk mit Zeitangabe“, wie sich die kölsche Frohnatur Christine Sommer auszudrücken beliebt. Außerdem bleibt dem Hektiker die Formel verborgen, mit der sich ein anderer Händler bei Kunden für ihr Interesse und ihre Zeit bedankt (und sich natürlich beliebt macht): „Schönheit zieht Schönheit an - der Schrott geht weiter.“

"In Kirchhain läufts besser"

Aber die Neujahrsmarktbesucher bummeln nicht nur, sie zücken auch das Portemonnaie: „Auf dem Johannismarkt in Stadtallendorf waren die Leute extrem zögerlich. In Kirchhain läuft es besser“, fasst Steffen Müller zusammen, der mit seinem Spielzeug nicht nur Kinder an den Stand lockt. Ähnlich sieht das Alexander Knötig, der seine „Wok Solution“ erfolgreich anpreist: „Den Ferrari für die Küche - braucht man nicht, ist aber einfach geil.“

Spaß hat, wer sich auf die Händler ein- und sich zudem treiben lässt. Und natürlich, wer die Möglichkeit Bekannte zu treffen und zu feiern nutzt. Das Gelände jedenfalls war etwas größer als in den Vorjahren. Was gut war, da sich der Markt etwas entzerrte. Manch einen jedoch auch auf die Suche schickte. Der eingefleischte Kirchhainer Hans-Jürgen Sitt zum Beispiel musste die TSV-Handballer, deren Stand an ungewohnter Stelle aufgebaut war, erstmal finden. Als das geschehen war, genoss er seinen einzigen Glühwein des Jahres, den er traditionell immer bei den Handballern trinkt. Und er kommentierte den Umzug mit weisen Worten, die er gelassen aussprach: „Der Neujahrsmarkt besteht nur aus Traditionen. Wenn sich etwas verändert, fällt es sofort auf.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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