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Frauen sitzen unten, Männer oben

Mengsberg auf dem Weg zum Bundesentscheid Frauen sitzen unten, Männer oben

Eigenleistung und Engagement sind essentielle Bestandteile des Lebens in Mengsberg - das bewiesen die Bürger schon vor weit mehr als 100 Jahren, als sie maßgeblichen Anteil am Wiederaufbau ihrer Kirche hatten.

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Friedhelm Vauth ist stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes und kümmert sich unter anderem um die Wartung der Turmuhr.Fotos: Florian Lerchbacher

Mengsberg. Als im September 1875 ein Feuer vielen Bürgern das Dach über dem Kopf raubte, brannte auch die Kirche nieder. „Obwohl viele Menschen selbst betroffen waren, kümmerten sie sich auch um um den Wiederaufbau ihres Gotteshauses. Sie brachten sich ein - durch Hand- und Spanndienste und in finanzieller Art. Das zeigt ihre Verbundenheit mit dem Glauben“, sagt Christoph Müller, der seit fünf Jahren Pfarrer in Mengsberg ist, und freut sich: „Das Miteinander und Sich-Identifizieren mit der Kirche und dem Ort ist etwas ganz Besonderes.“

Auch in einer Zeit, in der sich viele Menschen vom Glauben abwenden, spielt die Kirchengemeinde im evangelisch geprägten Mengsberg eine wesentliche Rolle. An Weihnachten oder bei Konfirmationen sei das Gotteshaus voll mit Menschen, sonst kämen zwischen 20 und 30 Gläubige zu den Gottesdiensten, berichtet Müller und betont: „Damit liegen wir über den Durchschnittszahlen von Kurhessen-Waldeck. Im Verhältnis Bewohner/Besucher kommen bei uns im Vergleich zu Städten fast doppelt so viele Menschen in die Kirche. Aber natürlich würden wir uns mehr wünschen.“

In der reformierten Kirche hängen keine Bilder und es gibt auch keinen Taufstein oder steinernen Altar - trotzdem ist das Gotteshaus sehr farbenfroh: Rot dominiert. Zudem hält sich eine Tradition - zumindest in Ansätzen. Männer sitzen zumeist oben auf der Empore und teilen sich nach verheiratet und unverheiratet auf, die Frauen sitzen unten im Schiff. Bei ihnen war früher an den unterschiedlichen Trachten zu erkennen, ob sie verheiratet sind oder nicht.

Der Brauch hält sich. Fast noch neu ist indes der Name des ehemaligen Kirchspiels Mengsberg-Wiera-Florshain, das inzwischen Elisabeth-Kirchengemeinde heißt. „Das Leben aus der Nächstenliebe war ausschlaggebend. Noch dazu führt der Elisabethpfad durch den Dreimärkerpunkt. Es gibt also eine inhaltliche und eine geografische Verbindung zur heiligen Elisabeth“, erklärt der Pfarrer.

Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft scheinen Eigenschaften, die für Mengsberger typisch sind: Veranstaltet die Kirchengemeinde zum Beispiel am Lindenplatz besondere Gottesdienste oder Feste, so würden plötzlich Menschen helfen, die er davor lange nicht gesehen habe, freut sich Müller. Ein anderes Beispiel ist im Gemeindehaus der von den Motorradfreunden gestaltete Raum für den Kindergottesdienst.

Immer samstags kümmern sich dort fünf ehrenamtliche Helferinnen um den Nachwuchs ab drei Jahren. „Kinder sind die Zukunft. Wenn wir sie nicht im jungen Alter mit dem Glauben konfrontieren, dann wird das nichts“, hebt Friedhelm Vauth, der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes hervor. „Es gehört zur Erziehung, dass wir den Kindern weitergeben, was uns wertvoll ist“, wirft Müller ein und erinnert sich an seinen ersten Besuch im Dorf: Ihm und seiner Frau Anne seien mehrere Kinder unterschiedlichen Alters begegnet, die zusammen spielten und das Paar grüßten: Dieser hervorragende erste Eindruck sei ein Grund gewesen, warum er sich vor rund fünf Jahren entschloss, die Pfarrstelle anzunehmen.

Inzwischen hat der Abenteurer - seine Urlaube verbringt der Pfarrer unter anderem mit Skifahren am Polarkreis, beim Tauchen oder mit Kampfsportkursen - in Jakob (2) selbst einen Sohn. Entsprechend versucht er, sich mehr Zeit für seine Familie zu nehmen. Die Gläubigen scheinen dies zu akzeptieren, was kein Wunder ist angesichts der Erklärung Müllers: „Ich kann kein guter Pfarrer sein, wenn ich nicht für meine Familie sorgen kann.“

Die „Familie der Gläubigen“ weiß sich indes auch selbst zu helfen, wenn der Pfarrer einmal keine Zeit haben sollte: „Der Kirchenvorstand ist sehr aktiv. Die hohe ehrenamtliche Beteiligung spiegelt sich im bunten, abwechslungsreichen Gemeindeleben wider“, betont Müller: Ehrenamtliche Mitarbeiter erstellen den „Gemeindekäfer“, der alle drei Monate herauskommt, veranstalten Kinderbibeltage, organisieren alle vier Wochen ein Kirchen-Café, das an den Gottesdienst anschließt, oder helfen bei Besonderheiten wie Osterandachten im Freien oder Hubertusmessen. Des Weiteren gibt es einen rund 20 Mitglieder zählenden Frauenchor und einen Frauenkreis, der sich mittwochs um 14.30 Uhr trifft.

Neuestes Projekt ist ein Erzählcafé, das die Generationen zusammenbringen soll. Als Vorbild fungierte der Verein „Leben und alt werden in Mardorf“. Eine Art Besuchsdienst, wie ihn die Amöneburger anbieten, brauche Mengsberg allerdings nicht, sagt der Pfarrer: „Der Zusammenhalt ist groß, das Miteinander eng. Wenn jemand Unterstützung braucht, helfen Familie, Freunde und Nachbarn.“

Lob vom Gemeindekonvent gab es im vergangenen Jahr für den extra eingerichteten Raum für den Kindergottesdienst, auf den Vauth besonders stolz ist. Um die Jugend, die ebenfalls im Gemeindezentrum über einen eigenen, gut ausgestatteten Raum verfügt, kümmert sich derweil die Jugendpflege der Stadt Neustadt beziehungsweise Sebastian Habura und Anika Leineweber vom Verein bsj. „Die Zusammenarbeit mit der politischen Gemeinde ist gut“, sagt der stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes, der seine Frau Irmgard einst in Mengsberg kennenlernte und inzwischen fester Bestandteil der Gemeinschaft ist. So kümmert sich der gebürtige Westfale unter anderem um das Geläut der Kirche und wartet die Turmuhr - was für den ehemaligen Hubschraubertechniker kein Problem ist.

Kirchliche Jugendarbeit gibt es derzeit zwar nicht, es sei jedoch geplant, einmal im Jahr konfessionsunabhängige Freizeiten anzubieten. „Kirche im Ort“ bestehe schließlich aus allen Bürgern, sagt Müller. Außerdem sei geplant, aus einem Glaubenskreis, auf den die Resonanz hervorragend war, einen Hauskreis oder Bibelgesprächskreis wachsen zu lassen.

Und dann wäre da noch ein Vorhaben, das stark an das Mengsberg Ende des 19. Jahrhundert erinnert: Seit acht Jahren verhandelt die Gemeinde mit der Landeskirche wegen der Sanierung des Kirchturms. Nun ist geplant, einen Förderkreis zu gründen. Die Mengsberger wollen sozusagen als Initiator fungieren und den Anstoß für die Renovierung geben, wie Vauth erklärt: „Wo bereits Spendenmittel da sind, da fließen letztendlich auch Gelder.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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