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Frau geschlagen, Passanten schauen zu

Aus dem landgericht Frau geschlagen, Passanten schauen zu

Der Angeklagte aus dem Ostkreis hatte auch in zweiter Instanz keine Chance auf den erhofften Freispruch. Dazu waren die beiden Tatzeuginnen zu gut.

Ostkreis. Der 34-jährige Arbeitslose war am 12. Februar vom Amtsgericht Kirchhain wegen Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu einer Geldstraße in Höhe von 90 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt worden. Nach Feststellung des Gerichts, hatte der einschlägig Vorbestrafte am 5. Mai 2012 seine von ihm getrennt lebende Lebensgefährtin und Mutter zweier gemeinsamer Kinder vor einem Solarium aufgelauert, beschimpft, geschlagen und mit Wucht gegen ein Auto geschleudert, das davon eine Beule davon trug. Tatmotiv: Eifersucht. Weil er einen Nebenbuhler vermutete, hatte er das Handy der Frau überprüfen wollen und im Ringen um das Telefon einen Henkel der Handtasche abgerissen.

Vor der unter Vorsitz von Richter Hans-Werner Lange tagenden 8. Strafkammer des Marburger Landgerichts beantragte der Angeklagte, der sich selbst verteidigte, „Freispruch“ und begründete dies knapp mit „unschuldig“. Der Vorfall habe sich nicht so zugetragen, wie vom Amtsgericht festgestellt. Er sei zufällig an dem Solarium vorbei gekommen und habe dort mit seiner Lebensgefährtin das Gespräch gesucht. „Wir haben lautstark diskutiert, mehr war nicht“, sagte er.

Unaufgeregt, distanziert und ohne Belastungstendenzen schilderte das Opfer das Tatgeschehen, wie es im Kirchhainer Urteil festgehalten wurde. Und sie beschrieb den Vorfall aus ihrem damaligen Empfinden heraus, wie man es nicht erfinden kann. Sie habe große Angst verspürt und zugleich sei ihr die Sache peinlich gewesen, ob des Auflaufes einer trotz aller Attacken und Todesdrohungen gegen sie tatenlos zuguckenden Menschenansammlung. Erst als ein Lkw-Fahrer mitten auf der Hauptstraße hupend angehalten habe, sei ihr ehemaliger Partner geflohen.

Die 24-jährige Freundin des Opfers zappelte vor Aufregung im Zeugenstand, rang förmlich um jeden Erinnerungsfetzen. Und wenn das Gericht Stichworte wie „Handy“ oder „Handtasche“ nannte, sprudelte es nur so aus ihr heraus. Nur zur „Beule“ konnte die junge Frau, die ihre Freundin ins Solarium begleitet hatte, nichts sagen. Diesen Vorfall hatte sie nicht gesehen. Dafür habe sie um so mehr Angst gehabt, große Angst.

Prügel verhindern Aussage

Und die begleitete die Frau auch nach dem Zwischenfall. Ihr mit dem Angeklagten befreundeter Freund habe habe sie verprügelt, damit sie nicht gegen den Mann in Kirchhain aussage. Deshalb sei sie zum Gerichtstermin nicht erschienen. Jetzt habe ihr Partner gemerkt, „dass der Angeklagte kein guter Mensch ist.“

„Es war für einen Richter ein Erlebnis diese Zeugin zu hören, wie sie um die Erinnerung gekämpft hat, ohne dass es im Kern der Geschichte Brüche gab“, sagte Richter Hans-Werner Richter später in der Urteilsbegründung. Die Kammer wies auf Antrag der Staatsanwaltschaft wies das Berufungsbegehren zurück und bestätigte das Kirchhainer Urteil. Nur die Tagessatzhöhe senkte das Gericht auf 20 Euro, da der Vater von vier Kindern inzwischen von Hartz IV lebt.

Der Angeklagte fühlte sich bis zum Schluss zu Unrecht verfolgt und bezog dies auch auf alle früherer Verfahren wegen Körperverletzung und Nötigung. Deshalb ging er auch nicht auf den Rat des Gerichts ein, die Berufung kostensenkend zurückzunehmen. „Es ist alles nicht wahr, da können Sie die Leute anrufen. Ich will nur meine Ruhe haben“, verteidigte sich der Angeklagte. „Sie sind derjenige, der dafür sorgt, dass keine Ruhe eintritt“, antwortete der Richter.

von Matthias Mayer

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