Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Flugplatz, Volkssturm und eine Flucht

Ein 15-Jähriger und der 2. Weltkrieg Flugplatz, Volkssturm und eine Flucht

Ende September 1944 mobilisierte Nazi-Deutschland mit der Bildung des „Volkssturms“ die letzten Reserven für den schon verlorenen Krieg. Zeit­zeuge Heinrich Weigel ­erinnert sich daran.

Voriger Artikel
Gericht widmet sich vielen „Mosaiksteinen“
Nächster Artikel
Opposition will Alles auf Anfang

Die unnatürlich ebene Fläche oberhalb von Bracht-Siedlung lässt den ehemaligen Flieger-Horst noch erahnen. Von hier aus wurden ab 1940 Luftangriffe auf Frankreich geflogen. Viele hundert Arbeiter haben dort zwischen Herbst 1934 und Mai 1936 den Wald gerodet und das Planum hergestellt. Fotos: Matthias Mayer / Sammlung Heinrich Weigel

Bracht. Bei der Durchsicht seiner Unterlagen stieß der im 89. Lebensjahr stehende Brachter auf ein Dokument mit der NSDAP im Briefkopf vom 31. März 1944, in dem ein Truppführer Sauerwein aus Betziesdorf alle Männer im Alter von 18 bis 65 Jahren aus den umliegenden Dörfern dazu auffordert, sich an Schießübungen und an einem Mannschaftsschießen zu beteiligen. Wie ernst diese Aufforderung gemeint war, verdeutlicht der klagende Hinweis des Absenders, dass in Sindersfeld zu der Übung unter dem Motto „Volk ans Gewehr“ nur 35 von 45 im Dorf lebenden Männern erschienen waren. Der damals 15-Jährige kam um diese paramilitärische Ausbildung für den Volkssturm herum, weil er als Fronthelfer der Hitlerjugend eingezogen wurde. Vom 16. September bis zum 25. Oktober musste er beim Bau einer Rollbahn am nahegelegenen Brachter Flugplatz dienen, dessen Areal heute fast vor seiner Haustür liegt. Seit dem 10. Mai 1940 war die III. Gruppe des Kampfgeschwaders 28 auf dem zwischen 1934 und 1936 erbauten Flugplatz stationiert und flog Einsätze gegen Frankreich.Aufgabe der vielen Jugendlichen war es, eine bereits gerodete 20 Meter breite Schneise in den Wald zu planieren. Zweck der Übung: Die Flugzeuge der Luftwaffe, die auf freiem Feld unter Tarnnetzen standen und feindlichen Fliegern ein leichtes Ziel boten, sollten in der Schneise geschützt parken. Doch dazu kam es nicht mehr. „Als wir mit den Arbeiten fertig waren, gab es keine Flugzeuge mehr“, stellt Heinrich Weigel lakonisch fest. Dafür hatte er während der Dienstzeit einen Fliegerangriff miterlebt, bei dem eine unter Dampf stehende Lok auf dem Bahngleis, über das der Flugplatz unter anderem mit Munition und Treibstoff versorgt wurde, zerschossen wurde. Die letzte Hoffnung:Segelflugzeuge An das Werden des Flugplatzes kann sich Heinrich Weigel noch erinnern. Hunderte ­Arbeiter hätten Tag und Nacht geschuftet, 100 Hektar Wald seien seiner Erinnerung nach gerodet worden. Danach sei die riesige Fläche mithilfe großer Seilzugbagger planiert worden. 1937 landete dort eine Ju 52 mit der­ ­alkoholkranken Nazi-Größe ­Robert Ley an Bord.Die letzten deutschen Militärflugzeuge, die in Bracht landeten, waren Lastensegler. Diese­ mit zehn Infantristen besetzten Segelflugzeuge wurden nach Heinrich Weigels Erinnerung zum Kriegsende genutzt, um Soldaten aus der Luft hinter die feindlichen Linien zu bringen. Die Segler, die von ­Motorflugzeugen hochge­schleppt wurden, wurden auf der Flucht vor der Westfront von Neheim-Hüsten über Köln nach Bracht verlegt, verloren aber nach einer Zwischenlandung in Gießen bei einem Luftangriff bis auf zwei Ausnahmen ihre Schleppflugzeuge. Die Lastensegler sollten von Bracht aus nie abheben. Die Flugzeuge wurden ausgeschlachtet. Mancher Gurt fand als Hosenträger oder Gürtel eine neue Verwendung, erzählt Heinrich Weigel. Für den Brachter Jungen sollte es im November 1944 ernst werden. Einberufung zum Reichsarbeitsdienst in Hessisch-Lichtenau. Dort blieb er nicht lange. Mit seinen jungen Kameraden landete er in Vöhl am Edersee in einem Ausbildungslager der Waffen-SS. „Die SS hatte im Osten schwere Verluste erlitten. Die ganz jungen Leute sollten offenbar die Lücken schließen“, mutmaßt Heinrich Weigel. SS-Angehörige bildeten 220 Jungen aus. „Dazu gab es Gesinnungsunterricht, an dessen Ende wir aufgefordert wurden, freiwillig­ der Waffen-SS beizutreten. Nur zehn Jungs zeigten auf“, erzählt der Brachter. Er gehörte nicht dazu und wurde, wie die anderen 210 Rekruten auch, beschimpft und mit dem „heiligen Geist“ bedroht, wie die nächtlichen Prügel mit Gummiknüppeln und Lederriemen genannt wurde. Heinrich Weigel entschied sich, statt mit Prügel sich lieber ohne Prügel in die Liste einzutragen. Als der erste Geschützdonner von der Westfront zu hören war, rückten die nicht uniformierten Jungs vom Edersee ab und zogen die Eder talwärts. Dabei wurden sie von SS-Leuten mit durchgeladenen Gewehren bewacht. Wer sich von der Truppe entfernt, wird erschossen. Heinrich Weigel wagt es trotzdem, überquert nachts auf einer Sandbank die Eder und läuft drei Tage lang durch den Wald Richtung Frankenberg. Dann erkennt er Bottendorf und läuft durch den Burgwald nach Hause. Zwei Wochen später sind die Amerikaner da. Der Krieg ist beendet und der zuvor gesprengte Flugplatz Geschichte.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr