Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Flüchtlinge fürchten den nahen Winter

Demonstration Flüchtlinge fürchten den nahen Winter

Mit einer spontanen und friedlichen Demonstration machten am Dienstagabend zwischen 100 und 150 Flüchtlinge vor dem Stadtallendorfer Zeltcamp ihren Unmut über die Unterbringung deutlich.

Voriger Artikel
Happy End für den Uhu im Weidezaun
Nächster Artikel
Bürger wollen das Haus der Begegnung

Zwei Flüchtlinge suchten gestern in einem Raum der Kleiderstube nach passender Kleidung für sich.

Quelle: Michael Rinde

Stadtallendorf. Zwei Ereignisse beschäftigten am Dienstagabend Polizei und Rettungskräfte. Gegen 18.10 Uhr hörte eine Wache der Bundeswehr den Schrei einer Frau im Waldgebiet nahe des Zeltcamps am Bundeswehr-Hallenbad. Eine Suchaktion von Polizei, der Hundestaffel des DRK und der Feuerwehr brachte kein Ergebnis. Sie endete gegen 22 Uhr. „Wir haben überhaupt keinen Hinweis auf eine Straftat. Die Gründe für den Schrei sind völlig unklar“, sagte Polizeisprecher Jürgen Schlick auf Nachfrage der OP am Mittwoch.

Gegen 19.20 Uhr traten nach Schätzungen der Polizei zwischen 100 und 150 Menschen vor das Zeltcamp, um ihren Unmut über ihre Unterbringung zu demonstrieren. Nach Hinzuziehung eines Dolmetschers endete die Kundgebung bereits nach 17 Minuten.Ausdrücklich betonte Schlick, dass es bei der Demonstration keinerlei Gewalt gegeben habe. Er schaffte damit Gerüchte aus der Welt, die am Mittwoch in Stadtallendorf kursierten.

In Zelten ist es jetzt schon zu kalt

Sechs Streifenwagen aus dem Kreisgebiet waren zeitweise in Stadtallendorf im Einsatz, vor allem im Zusammenhang mit der Suchaktion.

Wie ist die Stimmung im Camp? Ein 29 Jahre alter Iraner, der am Mittwoch das Begegnungscafé in der Stadtkirche besuchte, machte deutlich, dass die Angst vor einem Winter in Zelten unter den Bewohnern immer größer werde. „Es ist dort jetzt schon zu kalt“, berichtete er. Manchmal fielen die Heizungen der Zelte auch kurz aus.

Camp-Betreiber im Auftrag des Landes ist der DRK-Kreisverband Marburg. Dessen Geschäftsführer Christian Betz bestätigte gegenüber der OP die Aussage der Polizei, dass Gespräche mit Dolmetschern die Situation schnell geklärt hätten. „Natürlich ist die Zeltunterbringung Thema im Camp“, sagt Betz.

DRK kann an der Situation nichts ändern

Am Mittwoch sei die Situation unter den Bewohnern sehr entspannt gewesen, wie ihm die Einrichtungsleitung berichtet hätte. Den Bewohnern sei aber bewusst, dass das DRK als Betreiber die Situation nicht ändern könne. Natürlich wollten alle, dass die Bewohner schnell in festen Häusern unterkämen, unterstrich Betz.

Doch das liegt allein in der Verantwortung des Landes. Besucher der Ausschuss-Sitzung im Rathaus hörten die Martinshörner der Einsatzfahrzeuge. In der Ausschuss-Sitzung stand zu diesem Zeitpunkt auch ein kurzer Sachstandsbericht zum Flüchtlingscamp an. Ihm sei mitgeteilt worden, dass es zu „95 Prozent sicher sei“, dass die Menschen aus den Zelten in Gebäuden der Hessen-Kaserne untergebracht werden sollten. Dies erklärte Bürgermeister Christian Somogyi, der die Kommunikationspolitik des Landes kritisierte.

Keine Antwort aus dem Sozialministerium

Die OP hatte am Samstag ausführlich darüber berichtet, dass das Land nun doch die Hessen-Kaserne nutzen will, nachdem der frühere Mobilmachungs-Stützpunkt in der Scharnhorststraße als Container-Standort fallengelassen wurde. Die Flüchtlinge warten ebenso wie Camp-Betreiber DRK auf Informationen, wie es für sie weitergeht. Auf eine Nachfrage der OP nach dem Stand der Planungen gab es am Mittwoch keine Antwort aus dem Sozialministerium.

Der 29-jährige Iraner, den die OP am Mittwoch traf, lebte bisher in einer Stadt im Iran. Dort sollte er unter massiven Drohungen gezwungen werden, seinen christlichen Glauben aufzugeben und zum Islam zu konvertieren. Aktuell leben in Stadtallendorf 220 Flüchtlinge, die in Wohnungen untergebracht sind, im Camp sind es nach den letzten Zahlen 538. Ehrenamtlich geschieht viel für diese mehr als 750 Menschen in Stadtallendorf. Auf einer Übersicht, die die Koordinierungsstelle Flüchtlingsinitiativen erstellt hat, sind 36 Angebote verzeichnet, in denen ehrenamtliche Helfer eine Rolle spielen. Einiges davon ist in Planung, anderes läuft bereits seit längerem. „Es werden weiterhin Helfer gebraucht, das Interesse hat nachgelassen“, erklärte Markus Harder von der Stadtverwaltung in der Ausschuss-Sitzung.

Kleiderstuben-Team reagiert auf Andrang

Die Kleiderstube der evangelischen Kirchengemeinde hatte ihre Öffnungszeiten erweitert, um Flüchtlingen zu helfen. Helfer der Gemeinde richten mittwochs ein Begegnungscafé in der Kirche aus, um die Situation für Wartende zu verbessern. Am Mittwoch ging es teilweise ruppig zu. Flüchtlinge standen bereits an der Straße, warteten auf Kleiderspender, vor allem auf solche mit Koffern oder Taschen.

Auf dem Kirchplatz gab es massiven Streit zwischen Wartenden um einen Koffer. Andere Flüchtlinge schlichteten. Die Stimmung war angespannt, die Menschen wirkten gestresst. Im Inneren der Kleiderstube drängten sich sowohl Flüchtlinge, die auf warme Kleidung hofften, wie auch Stadtallendorfer, die Kleidung abgeben wollten.

Keine Spendenannahme während der Öffnungszeiten

Gebraucht werden weiterhin vor allem Rucksäcke und Koffer. In den Zelten gibt es für Flüchtlinge, anders als in Zimmern der Erstaufnahme, keine Möglichkeiten, Kleidung unterzubringen. „Wir brauchen Männerpullover in Größe S, Schals oder Decken“, sagte eine Helferin.

Am Mittwoch reagierte das Kleiderstubenteam mit Pfarrer Thomas Peters auf die Situation. Ab sofort erfolgt die Annahme von Kleiderspenden nicht mehr während der Öffnungszeiten. Es gibt ab nächster Woche einen separaten Termin nur für die Abgabe jeweils dienstags von 15 bis 17 Uhr.

von Michael Rinde

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr