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„Fleißig, tatkräftig und wohlhabend“

750 Jahre Schiffelbach „Fleißig, tatkräftig und wohlhabend“

„Von naut kemmt naut.“ Mit dieser Schiffelbacher Redewendung wird die Chronik des Dorfes von 1263 bis 2013 eingeleitet, die nun rechtzeitig zur 750-Jahr-Feier vorgestellt wurde.

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Der Arbeitskreis Chronik des Schiffelbacher Heimat- und Kulturvereins ist stolz auf das 544-seitige Werk, von links Heinz Schmidt, Walter Kohl, Heinz Grosch, Gastredner Armin Sieburg, Heinz-Jürgen Hammer, Jens Berkenkopf, Heinrich Schmidt und Dr. Heide Schwöbel. Foto: Frank Seumer

Schiffelbach. Zum verlängerten Jubiläumswochenende zwischen Donnerstag, 30. Mai und Sonntag, 2. Juni werden auch zahlreiche Besucher aus dem Marburger Land erwartet, gehörte doch der heutige Gemündener Stadtteil bis zur Gebietsreform 1974 zum damaligen Landkreis Marburg. Enge Verbindungen nach Wohratal und Rauschenberg haben sich bis in die Gegenwart erhalten. Während der Präsentation des 544 Seiten zählenden Buches im vollbesetzten Dorfgemeinschaftshaus hielt der Marburger Historiker Armin Sieburg den Festvortrag. Sieburg beschrieb in seinem Festvortrag die Lage Schiffelbachs im 18. und 19. Jahrhundert. Er zitierte aus Dokumenten der Jahre 1780, 1844 und 1858. In Katastern und Steuerbüchern wird Schiffelbach als „adeliges Dorf“ beschrieben.

54 Männer, 64 Weiber, 12 Knechte und 50 Ochsen

Das Leben wurde durch die in der Burg ansässigen Gerichtsherrn, nicht durch den Landesherrn von Hessen-Kassel, bestimmt. 1780 lebten in Schiffelbach 54 Männer, 64 Weiber, 68 Söhne, 66 Töchter, 12 Knechte und 18 Mägde. Genau überliefert ist auch der Viehbestand: 6 Pferde, 50 Ochsen, 30 Kühe und 240 Schafe.

Das Unterdorf war früher nach Regenfällen häufig überschwemmt, die Besoldung von Pfarrer und Lehrer erfolgte teilweise mit Naturalien.

Sieburg hatte auch die Niederschrift einer Schulvisitation aus 1844 im damaligen Landkreis Kirchhain ausgewertet. Der Schiffelbacher Lehrer Johann Valentin Bender unterrichtete damals 63 Kinder in einer Klasse. Ihre Leistungen wurden überwiegend mit gut und sehr gut beschrieben.

Im Jahr 1858 werden die Schiffelbacher als fleißig, tatkräftig, sparsam und wohlhabend beschrieben. Auf den Feldern wurden Korn, Hafer und Gerste angebaut. Auch Obstbäume spielten damals eine große Rolle bei der Versorgung. 39 Schiffelbacher besaßen Waldanteile. Die Feuerwehr wurde gemeinsam mit dem Dorf Josbach gestellt. Lebendig verpackt und trotzdem fundiert zog Sieburg die Schiffelbacher mit seinem rund einstündigen Vortrag in seinen Bann.

Die komplette Geschichte des Dorfes haben acht Männer und Frauen in zweijähriger Arbeit für die Chronik zusammengetragen. Anneliese Balzer, Jens Berkenkopf, Heinz Grosch, Heinz-Jürgen Hammer, Walter Kohl, Heinrich Schmidt, Heinz Schmidt und Dr. Heide Schwöbel bilden das Autorenteam.

Orts-Chronist forschteüber 40 Jahre

Walter Kohl würdigte auch die Verdienste des vor wenigen Wochen verstorbenen Dr. Hermann-Otto Schwöbel, der seit 40 Jahren die Geschichte des Dorfes erforschte und viele Grundlagen für die Chronik lieferte. Weitere Beiträge stammen von Georg Corell, Reinhold Dellit, Eckhart Haberkorn, Christina Jung, Hermann Noll, Heiko Lingelbach, Friedrich-Wilhelm Obermann, Elisabeth Pletsch, Georg Richberg, Wilhelm Scriba, Armin Sieburg, Dirk Sohl und Werner Stellmach.

Die Chronik sei Darstellung, Erinnerung, Erzählung, Bewahrung und Anregung zugleich, betonte Kohl. Im Mittelpunkt der Dorfgeschichte stehen die Menschen.

Walter Kohl charakterisierte die Schiffelbacher als heimatverbunden und weltoffen. Sie hätten über Generationen Geschichte geschrieben, gelebt, erlebt und weitergegeben und seien die „eigentlichen Chronisten“.

Jens Berkenkopf stellte die 15 Kapitel der Chronik vor. Sie beginnt mit einem „Gang durch die Jahrhunderte“ in Form einer Zeittafel. Das zweite Kapitel behandelt die Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Mündliche Überlieferungen von Flugzeugabstürzen oder Stationen von Schiffelbacher Soldaten stammen von Zeitzeugen. Das dritte Kapitel „Gemarkung und Dorf im Wandel“ besteht aus vielen Karten und Flurnamen. Im Kapitel „Infrastruktur“ sind die Post, der Friedhof, die Wasserversorgung und das Gefrierhaus beschrieben. Viele Fotos prägen die Zusammenstellung von Häusern und Höfen.

Vokabelsammlung inSchiffelbacher Mundart

Fast 80 Seiten umfasst die Beschreibung der Kirche und des Gemeindelebens. Es folgen die Schulgeschichte und die Repräsentanten der Gemeinde. Eine große Bedeutung besitzen seit Jahrhunderten die Landwirtschaft und der Wald. In der Rubrik „Wirtschaftsleben“ wird das Warenangebot aus 1892 mit 2012 verglichen.

Auch Vereine und Gruppen des Dorfes finden sich im Buch wieder. Erstmals wird auch eine Vokabelsammlung der Schiffelbacher Mundart veröffentlicht. Mit Brauchtum und besonderen Ereignissen wird die Chronik abgerundet. Die Chronik wird für 25 Euro verkauft.

von Frank Seumer

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