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Findet sich nichts, droht die Isolation

Stadtallendorf Findet sich nichts, droht die Isolation

Mancher Rollstuhlfahrer, den der Verein fib betreut, sucht schon seit Jahren nach einer geeigneten Wohnung, in der er wirklich selbstständig leben und sich bewegen kann.

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Stufen sind nur eines von mehreren Problemen, die Rollstuhlfahrer lösen müssen. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Stadtallendorf. Über die Suche nach einer Wohnung, in der er sich mit seinem Rollstuhl bewegen kann, könnte er vieles berichten. Das alles habe ihn schon sehr viel Kraft und Zeit gekostet, berichtet ein Betroffener. Derzeit lebt er in einer Übergangswohnung, die der „Verein zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen“, kurz „fib“ in seinem Gebäude in der Wetzlarer Straße anbietet. Doch das ist maximal sechs Monate möglich. Was kommt dann für Betroffene? „Dann droht soziale Isolation in den eigenen vier Wänden, aus denen man nicht rauskommt, oder die Suche nach einem Platz im Pflegeheim“, sagt Kenan Gülmez vom Verein fib.

Er berät und unterstützt Menschen mit Behinderungen. Die Geschichte dieses Rollstuhlfahrers ist aber beileibe kein Einzelfall, sondern seiner Erfahrung nach eher die Regel. „Es fehlt einfach in Stadtallendorf, aber nicht nur dort, an geeigneten barrierefreien Wohnungen“, fasst es Gülmez zusammen. Willi Fischer vom fib nickt mit dem Kopf. Fischer sitzt selbst im Rollstuhl, hat zuletzt auch die Stadt Stadtallendorf beim Thema Barrierefreiheit beraten. Ihm allein seien 15 bis 20 Betroffene bekannt, die geeignete Wohnungen suchten, aber nicht fänden. Kenan Gülmez betreut zurzeit allein vier Kunden, für die er sucht. Er berichtet von einem Ehepaar, das in einer Wohnung im zweiten Stock in einem Haus ohne Aufzug lebt. Beide sind auf Rollatoren angewiesen. Willi Fischer betont, dass fehlender barrierefreier Wohnraum kein spezifisches Stadtallendorfer Problem sei. Eine ähnliche Situation kennt er aus Nachbarstädten auch. Hauptproblem bei vorhandenen Wohnungen seien häufig die Toiletten, die sich nicht so ohne weiteres umbauen ließen. Es mangele einfach am nötigen Platz.

Nach Fischers und Gülmez‘ Erfahrung muss eine rollstuhlfahrergerechte Wohnung schon mindestens rund 60, besser noch 80 Quadratmeter groß sein.

Viel Unwissenheit über Förderungen

Der Verein fib hofft auf private Investoren, die bei Wohnungsbauprojekten gleich an die Barrierefreiheit denken. Mit einzelnen Bauherren ist der Verein im Gespräch, informiert unter anderem über die Fördermöglichkeiten.

Fischer weiß aus seinen Beratungsgesprächen: „Da gibt es noch viel Unwissenheit über die Möglichkeiten, die es staatlicherseits gibt.“ Wohnungsbaugesellschaften, auch das ist dem fib-Team bewusst, verfügen in Stadtallendorf nur über wenige geeignete Wohnungen. Das bestätigen Anfragen der OP.

Beispiel Nassauische Heimstätte/Wohnstadt: Das Unternehmen verweist zunächst auf die Begrifflichkeiten, die in der Tat ein Thema für sich sind (siehe Kasten). Eine Wohnung, die als barrierefrei einzustufen ist, muss einer DIN-Norm entsprechen. Die Wohnstadt vermietet in Stadtallendorf 911 Wohnungen, zu einem größten Teil sind sie im Laufe der Jahre modernisiert worden. Bei weiteren Modernisierungen bemühe sich das Unternehmen, möglichst barrierearm zu planen und zu bauen. Aber: Die wenigsten Wohnungen sind ebenerdig, die wenigsten Gebäude verfügen über Aufzüge. Nach Angaben der Nassauischen Heimstätte/Wohnstadt verfügen lediglich 34 Wohnungen in der Gießener Straße über einen ebenerdigen Zugang und ist ein ein Aufzug vorhanden. Bei weiteren Wohnungen in der Richard-Wagner-Straße gebe es einen ebenerdigen Zugang.

Aber: Als behindertengerecht im Sinne der DIN-Norm sind auch diese Wohnungen nicht einzustufen.

Beispiel Siedlungsgenossenschaft Herrenwald: Nach Angaben von Friedhelm Steidl, einer der Geschäftsführer, verfügt die „Herrenwald“ über rund 650 Wohnungen. Hinzu kommen die seniorengerecht geplanten 29 Wohnungen, die in der Niederkleiner Straße entstehen werden, und die die Awo Nordhessen komplett anmietet, um sie weiterzuvermieten. Laut Steidl stuft die „Herrenwald“ zehn Wohnungen in ihrem Bestand als behindertenfreundlich ein. Weitere Modernisierungen sind derzeit nicht geplant. „Wir konzentrieren uns zurzeit ganz auf das Projekt in der Niederkleiner Straße“, sagt der Geschäftsführer. Eine zentrale Erfassung aller vorhandenen barrierefreien Wohnungen gibt es nicht. Das Problem, dass es angesichts des demographischen Wandels und seiner Folgen einen weiter steigenden Bedarf an zumindest behindertenfreundlichen oder seniorengerechten Wohnungen geben wird, ist auch dem Magistrat bewusst. „Deshalb begrüßen wir auch solche Initiativen, wie sie sich zwischen der Siedlungsgenossenschaft und der Awo ergeben haben, sehr“, sagt Erster Stadtrat Otmar Bonacker. Er hoffe, dass es nicht die einzige dieser Art bleibe.

Beim Gespräch mit Kenan Gülmez und Willi Fischer vom Verein fib taucht der Gedanke an einen „runden Tisch“ von Verein, Wohnungsbaugesellschaften und Vertretern der Stadt auf. Bei den Wohnungsbaugesellschaften stößt die Anregung ebenso auf Interesse wie bei der Stadt.

Der Verein fib steht derzeit mit möglichen privaten Bauherren in Kontakt, die in der Stadt weiteren barrierefreien Wohnraum schaffen wollen. „Vielleicht wird daraus was“, hofft Gülmez. Interessenten für die entstehenden Wohnungen sähe er genügend.

Beratungsangebot des fib: Der Verein fib bietet Bauherren eine Beratung zu Fördermöglichkeiten an: dienstags von 11 bis 13 Uhr und freitags von 16.30 bis 18 Uhr nach Voranmeldung unter 06428/9264034 oder 9264033, außerdem nach Vereinbarung.

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