Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Filmriss nach Wein und Schlaftablette

Böses Erwachen im Autowrack Filmriss nach Wein und Schlaftablette

Geradezu gespenstisch wirkte die Geschichte, die gestern früh ein Angeklagter vor dem Kirchhainer Amtsgericht erzählte. Dort musste er sich wegen einer Trunkenheitsfahrt verantworten.

Voriger Artikel
Kritik ist da, Alternativen werden gesucht
Nächster Artikel
Parlament billigt Hallenbadpläne trotz hoher Mehrkosten

Gerichtshammer, Gesetzgebung, Rechtsprechung, Richter, Hammer, Gericht, Urteil

Kirchhain. Der in Hofheim im Taunus lebende Angeklagte vermochte dem unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer tagendem Gericht nur bruchstückhaft erklären, was sich am Abend des 14. April und am frühen Morgen des 15. April ereignet hatte. Der Arbeitslose gab an, in dieser Zeit massive Probleme gehabt zu haben. An diesem Abend habe es Streit gegeben - zunächst mit seiner Frau und dann mit der ganzen Familie.

Nach eigener Schilderung verließ er das Haus mit zwei Flaschen Wein und einer Schlaftablette, um es sich auf der Rückbank seines auf einem Parkplatz am Rande von Hofheim geparkten Auto gemütlich zu machen. Was dann passierte? Filmriss. Er sei in seinem auf dem Dach liegenden und völlig zerstörten Auto wieder aufgewacht und durch ein Fenster ins Freie gekrabbelt. Ort des Geschehens: Nicht Hofheim sondern eine Straße 100 Kilometer weiter nordöstlich in der Nähe von Schweinsberg.

Der Angeklagte kannte weder Schweinsberg noch hatte er irgendwelche Beziehungen in den Raum Marburg. Also eine völlig unsinnige Fahrt. Zudem war es für ihn nicht erklärlich, wie er in seinem Zustand am Steuer eines Autos noch 100 Kilometer weit gekommen war. Nur indirekt brachte er die beliebte Variante vom großen Unbekannten ins Spiel, als er davon berichtete, dass sowohl sein Navigationsgerät als auch eine Dokumentenmappe mit seinem Führerschein und seinem Ausweis aus dem Auto verschwunden sei.

Die dritte aktenkundige Trunkenheitsfahrt

Auf den Vorhalt des Gerichts, dass die Polizei bei der Durchsuchung seiner Wohnung den Ausweis gefunden habe, bekannte der Angeklagte: „Es ist mein Auto. Und ich muss es auch irgendwie gefahren haben.“ Und das im Zustand absoluter Fahruntüchtigkeit, wie die Blutprobe ergab: 1,78 Promille.

Ungeübte Trinker können in diesem Zustand, darauf verwies Jochim Filmer, „noch nicht einmal ein Auto anlassen.“ Und diese Tatsache veranlasste den Richter zu der Frage, ob der Angeklagte ein Alkoholproblem habe. Dieser verneinte das, seit dem Unfall trinke er überhaupt nicht mehr. Bei der Besichtigung des Wracks sei im deutlich geworden, was ihm und anderen Menschen bei diesem Unfall hätte passieren können.

Gleichwohl brachte der Mann eine Alkohol-Vergangenheit mit in die Hauptverhandlung. 2006 und 2008 war er wegen Trunkenheitsfahrten verurteilt worden. Da diese Urteile bereits aus dem Bundeszentralregister getilgt sind, war der ansonsten nicht vorbelastete Mann als Ersttäter zu behandeln, wie Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer erklärte. Der Anklagevertreter sprach von einer völlig sinnlosen Tat, da der Angeklagte überhaupt nicht in den Raum Marburg habe fahren wollen. Er sah den Tatbestand einer fahrlässigen Trunkenheitsfahrt als erwiesen an und beantragte für den Hartz-IV-Bezieher eine Geldstrafe in Höhe von 40 Tagessätzen à 15 Euro. Zudem beantragte Holger Willanzheimer eine neunmonatige Sperrfrist, vor deren Ablauf die Führerscheinstelle die Fahrerlaubnis nicht neu erteilen darf.

Richter Joachim Filmer folgte im Urteil den Anträgen der Staatsanwaltschaft. „Sie haben unheimliches Glück gehabt. Das gilt auch für die vielen tausend Verkehrsteilnehmer, denen sie begegnet sind,“ sagte Joachim Filmer. Nach der dritten Trunkenheitsfahrt wäre auch eine deutliche längere Sperrfrist möglich gewesen. Er habe darauf verzichtet, da die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) ohnehin zum großen Problem für den Angeklagten werde. Gleichwohl kündigte der Richter an, dass er in das Urteil die Empfehlung schreiben werde, bei einer neuerlichen einschlägigen Verfehlung über eine Sperrfrist von mindestens fünf Jahren nachzudenken.

Angeklagter und Staatsanwaltschaft erklärten Rechtsmittelverzicht, so dass das Urteil sofort Rechtskraft erlangte.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr