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Film erinnert an Leid und Neuanfang

Holocaust-Überlebende Film erinnert an Leid und Neuanfang

Es dauerte Jahrzehnte bis Edith Goldberger-Klein erstmals über das, was sie im KZ Auschwitz und bei der Zwangsarbeit im Sprengstoffwerk der DAG erlebte. Ihr Sohn startete daraufhin ein Filmprojekt.

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35 befreite ungarische Jüdinnen kamen 1945 zunächst in einer Schule in Eschwege unter. In der Mitte steht Rabbi Marcus Chaplain, links von ihm Edith Klein. Foto: Archiv DIZ

Stadtallendorf. Sie ist inzwischen 86 Jahre alt. Ihr Schicksal, das ihr zur NS-Zeit widerfuhr, ist inzwischen unter dem Titel „Bomben für meinen Feind“ verfilmt worden. Der Titel der Dokumentation von Filmemacher Joram Holtz deutet es bereits an. Edith Goldberger-Klein war eine der Menschen, die im Werk Allendorf, dem Sprengstoff- und Munitionswerk der DAG, zur Zwangsarbeit gezwungen wurde. Sie gehört zu jenen 1000 jüdischen Frauen aus Ungarn, die im Herbst 1944 im Lager Münchmühle ankamen. Wie einst auch Eva Pusztai, der die Stadt Stadtallendorf die Ehrenbürgerwürde verleihen wird.

Im Lagerverzeichnis vom Oktober 1944, das im Dokumentations- und Informationszentrum Stadtallendorf archiviert ist, wurde die Ungarin nur unter ihrem Mädchennamen Klein geführt. Sie heiratete erst später in der Schweiz, in die es sie zog.

Erst im Jahr 2004 habe sie angefangen, über das, was sie in Auschwitz und Allendorf erlebte, zu sprechen, erläutert Fritz Brinkmann-Frisch, der Leiter des DIZ, im Gespräch mit der OP. Folglich war sie auch bei der berühmten Begegnungswoche in den 90er Jahren in Stadtallendorf dabei. „Auch für ihre Familie war das, was sie erlebt hatte, noch unbekannt“, sagt Brinkmann-Frisch. Er hat sie und Angehörige im Februar, bei einem Besuch in Basel kennengelernt. Dort wurde der Film bei einer Veranstaltung der Israelitischen Gemeinde Basel erstmals öffentlich gezeigt.

Ihr Sohn, Ronaldo Goldberger, hat sich seinerzeit dafür entschieden, das Leben seiner Mutter festzuhalten - und entschied sich dafür, dies in Form eines Filmes zu tun. Er nahm Kontakt mit dem Filmemacher Holtz auf, der sich des Projektes annahm. Es folgten Reisen. Eine davon führte schließlich auch nach Stadtallendorf. Brinkmann-Frisch organisierte Touren, unter anderem auch zur Gedenkstätte Trutzhain. Im DIZ brachte er Goldberger und Holtz das Lagerleben wie auch die Situation im Werk der DAG näher.

Edith Goldberger-Klein hatte ein besonderes Schicksal. Gezeichnet vom Leben im Vernichtungslager Auschwitz kam sie bereits extrem geschwächt im Lager Münchmühle an. „In ihrer Baracke in Auschwitz hat sie im Nassen gelegen“, sagt Brinkmann-Frisch. Er hält es für ein kleines Wunder, dass Edith Goldberger-Klein überhaupt überlebt hat. Im Werk Allendorf arbeitete sie in einer der Säuregruppen. Säuren waren notwendiger Bestandteil der Sprengstoff-Herstellung. Die jüdische Zwangsarbeiterin bekam es mit Salpeter- und Salzsäure zu tun - ungeschützt. Wie ihre Mithäftlinge erhielt sie täglich eine Tasse Milch zur Entgiftung, ansonsten die üblichen Lagerrationen.

Die Folge: Nach der Befreiung litt Edith Goldberger-Klein an Knochen-Tuberkulose. 18 Monate verbrachte sie im Gipsbett, in einer Klinik. Nur so hat sie letztlich überlebt.

Damit erging es ihr besser als ihrer Familie. Eltern und Geschwister wurden von den Nazis ermordet, wie sie leidvoll feststellen musste.

Fritz Brinkmann-Frisch beschreibt Edith Goldberger-Klein als sehr warmherzig und offen für Gespräche. So hat er selbst sie kennengelernt. Die Dokumentation will er in den nächsen Monaten einer breiteren Öffentlichkeit in Stadtallendorf zugänglich machen. Im Film ist auch die Reise der Familie Goldberger nach Brooklyn in den USA festgehalten. Dort leben Lagerschwestern, weitere Überlebende, mit denen sie in Kontakt bleiben will. Ob sie in naher Zukunft einmal selbst nach Stadtallendorf kommen wird, ist ungewiss. Sie lebt in Basel.

„Dass ihr Sohn sich dafür einsetzt, ihr Leben festzuhalten, findet sie gut“, sagt Brinkmann-Frisch.

von Michael Rinde

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