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Eva Pusztai lebt Versöhnung vor

Ehrenbürgerin Eva Pusztai lebt Versöhnung vor

Stadtallendorfs neue Ehrenbürgerin Eva Pusztai selbst sprach am Donnerstagabend nur wenige Sätze, doch die wirkten nachhaltig auf die Besucher des Festaktes.

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Eva Pusztai trug sich am Donnerstagabend in das goldene Buch der Stadt ein. Fotos: Michael Rinde

Stadtallendorf. August 1944, 1000 jüdische, ungarische Frauen kommen aus dem NS-Vernichtungslager Auschwitz nach Allendorf, in das Lager Münchmühle. Unter ihnen war Eva Pusztai. Im April 1945 gehört sie zu den Frauen, die KZ und Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen überlebt hatte.

Am Donnerstagabend ernannte die Stadt Stadtallendorf sie zur Ehrenbürgerin (die OP berichtete). Es war ihr insgesamt 17. Besuch in Stadtallendorf. Heute fliegt sie zurück nach Budapest. Mit ihr reisten dieses Mal ihre Tochter Judith Lukács und ihr Enkel Mihaly Hartai. Lukács erwies sich am Abend als eine hervorragende Pianistin, spielte Werke von Liszt und Debussy.

In seiner Laudatio erinnerte Bürgermeister Christian Somogyi zunächst an das Leid, das Eva Pusztai widerfuhr. Sie verlor durch die Shoa, die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis, ihre Familie in Ungarn. Sie litt im KZ Auschwitz und später im Sprengstoffwerk der DAG in Allendorf. Dort arbeitete sie in einer der Granatenfüllstellen. Mehr als 50 Kilogramm wogen die Granaten, die die zierliche Frau bewegte. Doch geehrt wurde die 89-Jährige dafür, was sie in den vergangenen mehr als 25 Jahren getan hat. „Sie leben Versöhnung wirklich vor“, sagte Landrätin Kirsten Fründt exemplarisch.

Monika Hölscher, Leiterin des Referats Gedenkstätten der hessischen Landeszentrale für politische Bildung, erinnerte daran, dass es auch bei Eva Pusztai zunächst Jahrzehnte gedauert hatte, bis sie in der Lage dazu war, über Erlebtes in Deutschland zu sprechen. Eva Pusztai hat dies inzwischen ungezählte Male getan, vor hunderten Schülern, in Städten in ganz Deutschland, am häufigsten in Stadtallendorf. Ein früherer Lehrer der Georg-Büchner-Schule hatte Eva Pusztai wie auch andere Zeitzeugen in Klassen zu Gast. „Ihr Besuch war immer etwas Besonderes“, sagte er am Rande des Festaktes gegenüber der OP.

In einem von Somogyi verlesenen Grußwort würdigte das Internationale Auschwitz-Komitee in Berlin die 89-Jährige als einen „wunderbaren Menschen und eine große Europäerin“.

Im Jahr 2004 erschienen die Erinnerungen Pusztais, zuerst auf Deutsch, erst ein Jahr später auch auf Ungarisch. Sie tragen den Titel „Anima Rerum - meine Münchmühle in Allendorf“.

Am Donnerstagabend fasste sich Eva Pusztai in ihrer eigenen Rede kurz. Als sie vom Bürgermeister erfahren habe, dass sie Ehrenbürgerin werden solle, habe sie das als eine „wundervolle Nachricht“ aufgenommen. Sie sei eigentlich ja schon lange eine alte Allendorferin, erklärte Pusztai mit Blick auf ihren Lageraufenthalt. Dass sie sich seit Jahrzehnten als Stadtallendorferin sieht, hatte sie bei früheren Besuchen immer wieder hervorgehoben. Am Donnerstagabend gab es von ihr eine klare Ankündigung: „Ich bin ja noch jung, ich werde noch oft in mein Stadtallendorf kommen.“

Bei diesem Besuch in Stadtallendorf hat Pusztai auch einen ganz neuen Kontakt geknüpft. Wilma Pieler, sie stammt aus Siebenbürgen, hatte ihr Bücher überreicht. Seit Jahrzehnten verfolgt Pieler die Berichterstattung über Pusztais Besuche in Stadtallendorf.

von Michael Rinde

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