Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Es ist noch einmal gut gegangen

Aus versuchtem Totschlag wird fahrlässige Körperverletzung Es ist noch einmal gut gegangen

Mit zwei Küchenmessern in den Händen zu einem klärenden Gespräch zu erscheinen ist keine gute Idee. In Stadtallendorf hätte diese am 19. Juni vergangenen Jahres beinahe zu einer Katastrophe geführt.

Voriger Artikel
Jahresdefizit sinkt um rund 200000 Euro
Nächster Artikel
Zwei-Punkte-Plan gegen Raser auf der Umleitung

Mit zwei Küchenmessern in den Händen betrat der Angeklagte eine Wohnung, in der ein „Klärungsgespräch“ stattfinden sollte. Symbolfoto: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Der heute 34-Jährige Stadtallendorfer Handwerker hatte zunächst zwei ehemalige Mitarbeiter aus Bulgarien mit einer sms aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Sonst werde er ihnen beiden in die Stirn schießen. Am Abend des 19. Juni sollten Geldstreitigkeiten zwischen dem Handwerker und den Saisonarbeitern in deren Unterkunft ausgeräumt werden. Zu diesem Gespräch erschien der Mann mit zwei Küchenmessern in den Händen.

Die verdutzten Bulgaren vermuteten einen Angriff ihres aggressiv auftretenden ehemaligen Chefs. Diesen verhinderte einer der beiden mit einem gezielten Faustschlag ins Gesicht. Der Stadtallendorfer stürzte rückwärts zu Boden, die beiden Messer fest in den Händen. Auch der Boxer verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Stadtallendorfer. Dabei fiel er in die Messer und zog sich erhebliche Verletzungen zu. Eine Stichverletzung am Brustkorb erwies sich glücklicherweise nur als oberflächlich. Ein Stich in den rechten Oberschenkel verletzte dagegen zwei Arterien, was zu einem erheblichen Blutverlust führte. Ohne die schnelle Hilfe hätte der Mann verbluten können. Das Opfer war als Zeuge geladen, aber in seiner bulgarischen Heimat für die Justiz offenbar nicht auffindbar.

Angeklagter sollte fremde Schulden begleichen

Wegen der Schwere der Verletzungen war anfangs gegen den Stadtallendorfer sogar wegen versuchten Totschlags ermittelt worden. Da aber die Tatzeugen gegenüber der Polizei das Geschehen als einen unglücklichen Unfall und nicht als gezielten Angriff werteten, musste sich der 34-jährige nur wegen versuchter Nötigung und fahrlässiger Körperverletzung vor dem Kirchhainer Amtsgericht verantworten.

Über seine Rechtsanwältin Nadin Nitz räumte der Angeklagte die beiden angeklagten Taten ein. Die Verteidigerin sprach von einer belastenden Situation zur Tatzeit. Die beiden Bulgaren seinen im Jahr 2012 für zweieinhalb Monate gute und zuverlässige Mitarbeiter ihres Mandanten gewesen. Deshalb habe er sich für diese verantwortlich gefühlt, als diese 2013 nach Stadtallendorf zurückgekehrt seien. Da er selbst keine Arbeit für das Duo gehabt habe, habe er die Männer an einen anderen Auftraggeber vermittelt. Löhne, die dieser Auftraggeber nicht bezahlt habe, hätten die Bulgaren bei ihrem Mandanten eingefordert und diesen extrem unter Druck gesetzt.. An dem fraglichen Abend hätte die Bulgaren angekündigt, ihren Mandanten in dessen Wohnung aufsuchen wollen. Das habe ihr Mandant aus Sorge um seine Kinder abgelehnt. Stattdessen habe er die Bulgaren in deren Unterkunft aufgesucht und zuvor zwei Küchenmesser eingesteckt. Das sehe ihr Mandant heute als großen Fehler an.

„Sie haben beide Messer gleichzeitig gezückt und sind rabiat aufgetreten. Das ist grenzwertig“, bewertete Oberamtsanwalt Peter Heinisch das Tatgeschehen. Glückliche Umstände hätten dazu beigetragen, dass es letztlich nur um eine fahrlässige Körperverletzung gehen. Ohne schnelle Hilfe hätte das Opfer verbluten können, stellte der Anklagevertreter fest. Er beantragte gegen den wegener zweier Verkehrssachen und einer Körperverletzung vorbestraften Angeklagten Geldstrafen: 15 Tagessätzen à 35 Euro für die versuchte Nötigung und 60 Tagessätzen à 35 Euro für die fahrlässige Körperverletzung. Gesamtstrafe: 70 Tagessätzen à 35 Euro.

Die Verteidigung schloss sich dem „maßvollen Antrag“ der Staatsanwaltschaft an und auch Richter Joachim Filmer folgte diesem im Urteil. Der Richter sprach von einer komplizierten und wohl nicht völlig aufklärbaren Vorgeschichte. „Klärungsgespräche dieser Art laden oft vor Gericht. In diesem Fall ist es noch einmal gut gegangen“, sagte Filmer unter Hinweis auf die gelungene Not-OP im Uni-Klinikum. Der Angeklagte habe noch am Tatort versucht, seinem Opfer zu helfen. Und er habe vor der Polizei und vor Gericht großes Schuldbewusstsein gezeigt. Das rechtfertige das milde Strafmaß. Das Urteil wurde durch Rechtsmittelverzicht sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr