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"Es ist doch mein Fleisch und Blut"

Gericht "Es ist doch mein Fleisch und Blut"

Ein Äthiopier soll sein sieben Monate altes Kind so fest an sich gepresst haben, dass dem Säugling die Luft weg blieb. Wollte der Mann das Kind töten? Er selbst verneint das vehement.

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Rauschenberg. „Ich wollte das Kind nicht umbringen. Es ist doch mein Fleisch und Blut“, sagte der Angeklagte am ersten Verhandlungstag im Marburger Amtsgericht.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen vor, das Baby wenige Tage vor Weihnachten des vergangenen Jahres in der Flüchtlingsunterkunft in Rauschenberg mit beiden Armen an seinen Brustkorb gedrückt zu haben, sodass der Säugling kurzzeitig nicht mehr atmen konnte. „Ich mache mein Kind tot“, soll der Äthiopier dabei laut Anklage gesagt haben. Erst der Hausmeister habe durch sein beherztes Eingreifen den Griff lösen und das Kind unverletzt befreien können. Beim Verlassen des Hauses soll der Angeklagte gedroht haben, er werde das Baby und dessen Mutter - mit der er noch verheiratet ist - umbringen.

Schwurgerichtskammer geht von Körperverletzung aus

Der Mann ist unter anderem wegen versuchten Totschlags angeklagt - ein Vorwurf, für dessen Verhandlung normalerweise die Große Strafkammer des Landgerichts zuständig ist. Wie Richter Cai Adrian Boesken erklärte, gehe die Schwurgerichtskammer im Fall des Äthiopiers nach einer ersten Bewertung allerdings „nur“ von Körperverletzung aus. Deshalb wird die Sache vor einem Strafrichter des Amtsgerichts verhandelt.

Was die Anschuldigungen betrifft, empfindet der Angeklagte sein Handeln missverstanden. Über Verteidiger Thomas Strecker ließ er zunächst eine Erklärung abgeben. Der Anwalt berichtete von einem „zerrütteten Familienverhältnis“. Das Baby sei zwar ein „absolutes Wunschkind“ gewesen, Vater und Mutter hätten sich jedoch nach der Flucht von Äthiopien nach Deutschland überworfen. Der 28-Jährige lebte schon vor den Ereignissen im Dezember getrennt von seiner Familie in einer Flüchtlingseinrichtung in Marburg.

An jenem Tag kurz vor Weihnachten, so fuhr der Verteidiger fort, habe der Angeklagte Geschenke und ein Kleidungsstück in Rauschenberg vorbeibringen wollen. Scheinbar hatte er bereits zwei Liter Bier getrunken, als er in der dortigen Unterkunft ankam und sein Kind in die Arme nahm. „Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Mutter. Er wollte das Kind nicht wieder herausgeben, hat es fest umklammert. Doch nichts lag ihm ferner, als es zu verletzen“, so Strecker. Hintergrund der Diskussionen sei demnach ein Streit um das Sorgerecht gewesen. Der Angeklagte habe mehr Kontakt gewollt. So müsse schließlich auch das „Umklammern“ interpretiert werden.

Verhandlung wird am 9. November fortgesetzt

Am Ende habe der Mann nicht seiner Familie gedroht, sondern gesagt: „Wenn ich das Kind nicht haben kann, dann will ich auch nicht mehr leben.“ Zu Tathergang und dem Zustand der Ehe hätte die Frau des Angeklagten Einiges beisteuern können, die 26-Jährige machte allerdings von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. „Das wird sich nicht entscheidend auf die Verhandlung auswirken“, sagte Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier gegenüber der OP, „es gibt noch genügend andere Zeugen.“

Diese sollen während der Fortsetzung der Verhandlung am Mittwoch, 9. November, 12 Uhr, in Saal 159 des Amtsgerichts vernommen werden.

von Yanik Schick

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