Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
„Es hat wuff gemacht“

Letzter Zege brachte Wende „Es hat wuff gemacht“

Der dritte Verhandlungstag vor der 8. Strafkammer des Landgerichts erwies sich für den angeklagten Polizeibeamten als emotionale Achterbahnfahrt, an deren Ende der Tiefpunkt stand: eine neuerliche Verurteilung.

Marburg / Ostkreis. Bis zum Schluss hatte der Familienvater nach 21 Dienstjahren ohne Fehl und Tadel seine Unschuld beteuert und für einen Freispruch gekämpft, und zunächst sah es so aus, als könnte dies gelingen. Die Anklage warf den Mann Körperverletzung im Amt in Tateinheit mit Freiheitsberaubung vor. Der Beamte soll am 24. November 2011 in der Stadtallendorfer Eichenhain-Siedlung gegen 17.30 Uhr während der Fahndung nach Juwelenräubern einen irrtümlich festgenommenen Mann zweimal getreten und einen weiteren Mann zur Identitätsprüfung festgenommen haben, obwohl er wusste, dass der nichts mit dem Raub zu tun hatte. Die unter Vorsitz von Richter Hans-Werner Langen tagende Kammer setzte die ohnehin schon umfangreiche Beweisaufnahme mit der Vernehmung von acht Zeugen fort, von denen lediglich vier Wichtiges zur Wahrheitsfindung beitrugen.

Die Ärztin, die den Geschädigten am Abend des 24. November in der Stadtallendorfer Bereitschaftsdienst-Zentrale untersucht hatte, schilderte dem Gericht zwei von ihr festgestellte Verletzungen. Sie habe am rechte Oberarm des Mannes eine gerötete Prellmarke und am rechten Oberbauch eine Schürfwunde entdeckt und mit einem Handy fotografiert. Der Patient habe ihr von zwei Tritten, von seiner Opiat-Abhängigkeit, seiner vergrößerten Milz und der durch eine Hepatitis in Mitleidenschaft gezogenen Leber berichtet. „Eine so geschädigte Leber kann durch einen Schlag durchaus reißen. Deshalb habe ich dem Patienten dringend empfohlen, zur Untersuchung ins Klinikum zu gehen“, sagte die Medizinerin.

Der aus Frankfurt angereist Rechtsmediziner erklärte, dass die beiden Verletzungsmerkmale durch zwei Tritte entstanden sein könnten. Ebenso gut könnten aber auch ein fester Polizeigriff, ein Sturz auf einen Gegenstand oder andere stumpfe Gewalteinwirkung ursächlich sein.

Erheblich entlastet wurde der Angeklagte durch einen Polizeibeamten, der als Fachbereichsleiter für das Einsatztraining Operativer Einheiten zuständig ist. Einer solchen Einheit gehörte der angeklagte Beamte an, der allerdings nicht durch diesen Polizisten ausgebildet wurde. Hans-Werner Lange schilderte dem Fachmann alle erörterten Szenarien der Festnahme-Situation und befragte diesen zu etwaigen Fehlleistungen und Grenzüberschreitungen. Das Ergebnis: Im Grundsatz hat der Angeklagte, so der Beamte, weder polizeitaktische Fehler gemacht noch seine Befugnisse überschritten. Das gelte auch für den oder die Tritte und für die vorläufige Festnahme des „dritten Mannes“.

Der Beamte berichtete von einer ungünstigen Festnahme-Lage. Statt der angestrebten Überzahl-Situation sei die Festnahme in Unterzahl erfolgt: Zwei Beamte vor Ort, drei Festzunehmende. Und er erklärte dem Gericht, dass auch von einem auf dem Bauch liegenden Mann mit auf dem Rücken gefesselten Händen (Flucht-)Gefahr drohte. Fast jeder Mensch sei in der Lage, sich aus dieser Position ziemlich fix aufzurichten. Polizisten seien auf diese Situation vorbereitet. Der Angeklagte hatte schon am ersten Verhandlungstag darauf hingewiesen, dass er den Geschädigten nach einer ruckartig ausgeführten Bewegung unbedingt mit einem Fußstoß gegen dessen Oberarm habe stoppen müssen. Dabei habe er gleichzeitig den „dritten Mann“ festhalten müssen.

Dem widersprach der besagte „dritte Mann“ gestern im Zeugenstand. Nach seinen Angaben lagen er, der Geschädigte und dessen Begleiter gefesselt auf dem Boden und unterhielten sich leicht amüsiert über den falschen Festnahmegrund Raubüberfall, als es zu dem Tritt kam. „Es hat wuff gemacht“, gab er seine akustische Wahrnehmung des von ihm beobachteten Tritts wieder, von dem er nicht sagen konnte, wer diesen verübte. Im Gegensatz zum Geschädigten und dessen Begleiter sprach er nur von einem Tritt.

Dem folgten auch die Anklage und die Kammer. Oberstaatsanwalt Holger Willanzheimer bescheinigte dem Zeugen, „vorbildlich, ohne Belastungstendenzen und überzogene Empörung“ ausgesagt zu haben. „Er hat die entscheidende Aussagen gemacht. Das „wuff“ steht für die Heftigkeit des Tritts“, sagte Willanzheimer, der zu Gunsten des Angeklagten davon ausging, dass dieser tatsächlich eine Fluchtgefahr angenommen hatte. Er beantragte, den Schuldspruch des Kirchhainer Amtsgerichts zu bestätigen. Allerdings sehe er wegen der Stress-Situation des Angeklagten einen minderschweren Fall, der mit einer Geldstrafe von 75 Tagessätzen à 80 Euro zu ahnden sei.

Rechtsanwältin Irma Lomen, die den Nebenkläger vertrat schloss sich der rechtlichen Würdigung der Anklage an. Auch ihr Mandant habe keinerlei Belastungstendenzen gezeigt. Ohne die Verhöhnung ihres Mandanten auf der Wache hätte es keine Anzeige gegeben.

Die Verteidigung hatte wegen vieler widersprüchlicher Aussagen Freispruch für den erfahrenen Polizisten gefordert, der - so der Beamte in seinem Schlusswort - für eine Geldauflage in Höhe von 2000 Euro eine Einstellung des Verfahrens hätte erreichen können.

Für die Kammer hat er bei dem Tritt „die Erforderlichkeitsschwelle deutlich überschritten“, so Richter Lange während der Urteilsbegründung. Die Freiheitsberaubung hätte in Kirchhain nicht behandelt werden dürfen, da diese nicht Bestandteil des Anklagesatzes gewesen sei. So bliebe die Körperverletzung im Amt.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis