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"Es gibt keine angemessene Strafe"

Brandstiftungs-Prozess "Es gibt keine angemessene Strafe"

Der 51-jährige Mann und die 46-jährige Frau, die im März 2015 den Brand in der Straße In der Spaltanlage in Stadtallendorf verursacht hatten, sind zu einer zehn sowie einer acht Monate langen Bewährungsstrafe verurteilt worden.

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In dieser Wohnung im Untergeschoss des Mehrfamilienhauses entstand das verheerende Feuer, das einen Mann das Leben kostete.

Quelle: Florian Gaertner

Stadtallendorf. „Das Ergebnis der Straftat kann nicht durch das Gesetz gesühnt werden“, sagte Richter Joachim Filmer nach dem Urteil im Amtsgericht Kirchhain in Richtung der Nebenklägerin. Ihr Mann war bei dem Brand in Folge einer Rauchgasvergiftung ums Leben gekommen. „Es gibt keine angemessene Strafe, die diesen Verlust aufwiegen könnte“, so Filmer. Schon vor der Urteilsverkündung hatte die Frau unter Tränen ein Bild ihres verstorbenen Mannes in den Gerichtssaal und den Zuschauerraum, der fast bis auf den letzten Platz gefüllt war, hochgehalten.

Die beiden Brandverursacher wirkten bedrückt, hielten sich mit Worten des Bedauerns aber knapp. „Es tut mir leid“, brachte die Angeklagte hervor. Der neben ihr sitzende Mann sagte: „Wir können nicht rückgängig machen, was passiert ist.“

Es ist der 18. März 2015, an dem sich die Tragödie im Haus In der Spaltanlage 1a in Stadtallendorf ereignet. Der 51-jährige Mann und die 46-jährige Frau kehren am frühen Morgen von Bekannten zurück in die Wohnung im Kellergeschoss, in der sie gemeinsam leben. Beide haben extrem viel Alkohol getrunken. Der Mann hat zu diesem Zeitpunkt 2,9 Promille, die Frau knapp 2,6 - wie eine spätere Untersuchung durch die Polizei ergibt. Strom gibt es in der Wohnung schon längere Zeit nicht mehr, weil der 51-Jährige seine Rechnung nicht bezahlt hat. Er zündet also zwei Kerzen an und stellt sie behelfsmäßig in Trinkgläser auf den mit Rollen ausgestatteten Wohnzimmertisch. Einen richtigen Kerzenständer besitzt der Mann nicht. Danach trinkt er noch ein Glas Schnaps, geht ins Schlafzimmer und legt sich ins Bett. Unterdessen geht die Frau ins Bad, sodass niemand mehr die wackelige Konstruktion mit den beiden brennenden Kerzen im Auge behält. Es ist mittlerweile halb sechs am Morgen, als es in der Wohnung stark zu qualmen beginnt.

57-Jähriger stirbt

Die Frau wird zuerst darauf aufmerksam, kommt zurück und sieht, wie das Sofa bereits in Flammen steht. Sie weckt den Mann, der mit Wasserkrügen zu löschen versucht, was nicht mehr zu löschen ist. Beide flüchten aus der Wohnung, lassen dabei die Tür allerdings einen Spalt offen, sodass der Rauch in den Flur des Mehrfamilienhauses aufsteigt. Ein 57-jähriger Bewohner im oberen Stockwerk, der sich gerade auf den Weg zur Arbeit machen will, verliert völlig die Sicht und schafft es nicht mehr nach draußen. Feuerwehr und Rettungsdienst, die zeitweilig mit 120 Einsatzkräften vor Ort sind, bringen den Mann nach draußen. Im Krankenhaus stirbt der 57-Jährige Stunden später an den Folgen der Rauchgasvergiftung, einem „zentralen Regulationsversagen“. Manche Bewohner schaffen es noch rechtzeitig durch den Flur ins Freie, andere sind durch den Qualm derart eingeschnürt, dass sie den Weg durch die Fenster suchen.

Im zweiten Stock knoten vier Menschen Bettlaken zusammen, klettern daran nach unten und verletzten sich zum Teil bei den Sprüngen. Einer bricht sich bei der Aktion das Sprungbein, noch heute kann er kaum länger als eine halbe Stunde schmerzfrei laufen.

Wie genau es dazu kam, dass die Kerzen die Wohnung in Brand steckten, konnten sich die beiden Angeklagten in der Verhandlung nicht erklären. Die Frau verwies zum Teil auf Erinnerungslücken wegen des hohen Alkoholpegels, der Mann betonte, er habe - wie immer - Wachs auf den Boden der Gläser geträufelt um sicherzustellen, dass die Kerzen stabil stehen.

Ein Sachverständiger versicherte jedenfalls, dass das Feuer mit höchster Wahrscheinlichkeit durch eine der Kerzen erzeugt wurde. Er hatte das Haus nach dem Brand untersucht. „Es kommen nur eine Zigarette oder eine Kerze als mögliche Auslöser in Betracht. Wobei es bei einer Zigarette länger gedauert hätte, bis es brennt“, stellte er klar.

Im Plädoyer pochte der Verteidiger des 51-Jährigen auf Freispruch. „Wie man ihm strafrechtlich etwas vorwerfen will, ist mir schleierhaft“, sagte er. Der Mann habe die Kerzen sorgsam aufgestellt und sich dann ins Bett gelegt. „Wer schläft, sündigt nicht“, so die Argumentation des Rechtsanwalts. Die Verteidigerin der Frau erkannte dagegen die Fahrlässigkeit des Handelns ihrer Mandantin an. Richter Joachim Filmer verurteilte beide jeweils wegen fahrlässiger Tötung in Tateinheit mit schwerer Brandstiftung in zwei tateinheitlichen Fällen sowie in Tateinheit mit Körperverletzung.

Angeklagte waren nicht voll schuldfähig

Der Mann bekam aufgrund seines langen Vorstrafenregisters eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung, bei der bis zu diesem Vorfall unbescholtenen Frau waren es acht Monate. „Schon Kleinkindern bringt man unter dem Weihnachtsbaum bei, dass offenes Feuer in der Wohnung im Auge behalten werden muss“, entgegnete Filmer den Ausführungen des Verteidigers. Darüber hinaus muss der 51-Jährige im Rahmen der Bewährung 150 Stunden und die 46-Jährige 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Für beide traf wegen des hohen Alkoholspiegels zum Tatzeitpunkt der Zustand verminderter Schuldfähigkeit zu. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

30 Hausbewohner mussten nach dem Feuer in Ersatzquartieren untergebracht werden. Unter anderem stellte Ferrero Werkswohnungen bereit. Die Brandkatastrophe hatte eine Welle der Hilfsbereitschaft in Stadtallendorf ausgelöst (die OP berichtete).

von Yanik Schick

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