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„Es gibt auf allen Seiten nur Verlierer“

Gerichtsverfahren gegen Todesfahrer „Es gibt auf allen Seiten nur Verlierer“

Ein Jahr und drei Monate - ausgesetzt zur Bewährung auf drei Jahre - sowie eine Geldstrafe in Höhe von 3000 Euro. So lautet das Urteil für einen 26-jährigen Stadtallendorfer, der am 3. Oktober auf der Bundesstraße 62 unter erheblichem Alkoholeinfluss einen Unfall verursachte, bei dem eine Anzefahrerin verstarb und drei Mädchen schwer verletzt wurden.

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Seit dem tödlichen Zusammenstoß steht ein Grablicht an der Unfallstelle.

Quelle: Florian Lerchbacher

Kirchhain. Mit einem Blutalkoholwert von 1,39 Promille hatte ein 26-jähriger Stadtallendorfer am 3. Oktober 2015 um 2.40 Uhr auf der Bundesstraße 62 einen Unfall verursacht, bei dem eine Anzefahrerin verstarb und drei Mädchen schwer verletzt wurden. Nun musste er sich wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Gefährdung des Straßenverkehrs vor Gericht verantworten. Richter Joachim Filmer verurteilte den Auszubildenden zu einem Jahr und drei Monaten – ausgesetzt zur Bewährung auf drei Jahre –sowie einer Geldstrafe in Höhe von 3 000 Euro, die der junge Mann an „Bob“, eine Aktion der Polizei Mittelhessen gegen Alkohol im Straßenverkehr, und den Bund gegen Alkohol im Straßenverkehr zahlen muss. Zudem wurde ihm der Führerschein entzogen.

Der 26-Jährige war unter erheblichem Alkoholeinfluss – laut Gesetz, so Filmer, im Zustand absoluter Fahruntüchtigkeit – am Tag der deutschen Einheit des vergangenen Jahres von Biedenkopf nach Stadtallendorf unterwegs. Kurz vor der Ausfahrt Kirchhain kam er von seiner Fahrspur auf die Gegenfahrbahn, wo er mit dem entgegenkommenden Auto der 51-Jährigen kollidierte. Ein Sachverständiger erklärte, die getötete Frau habe keine Chance gehabt, den Unfall zu verhindern. Sie hatte ihre zwei Töchter und eine Freundin auf der Kirmes abgeholt und war auf dem Weg nach Hause.

Die Bitte um Entschuldigung

Die drei Mädchen erlitten schwere Verletzungen – bei der 14 Jahre alten Freundin, die als einzige während der Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht als Zeugin aussagte, ist durch den heftigen Aufprall unter anderem ein Stück Niere abgestorben. Eine der Töchter hatte aufgrund eines Aortenanrisses mehrere Stunden am Herzen operiert werden müssen. Der Angeklagte gab zwar an, keine Erinnerungen mehr an seine Fahrt zu haben. Nichtsdestotrotz zeigte er sich voll geständig. Warum er nach dem Genuss einer unbestimmten Menge Alkohols entgegen seines ursprünglichen Plans nicht bei einem Bekannten in Biedenkopf übernachtete, sondern doch noch die Heimfahrt antrat, konnte er nicht erklären. Er könne sich erst wieder daran erinnern, dass ein Feuerwehrmann das Dach seines Autowracks abgeschnitten habe, um ihn zu befreien, berichtete der Stadtallendorfer, der die Anzefahrer Familie in seinem Schlusswort um Entschuldigung bat.

Die Staatsanwältin forderte anderthalb Jahre auf Bewährung, eine Geldstrafe in Höhe von 3 000 Euro und den Entzug der Fahrerlaubnis. „Was ist eine angemessene Strafe für den Tod eines Menschen und die schweren Verletzungen der Mädchen?“, fragte sie und betonte: „Es ist schwierig. Die seelischen Verletzungen sind nicht in Paragrafen zu fassen.“ Nur eine Geldstrafe, die gemäß Gesetz auch möglich gewesen wäre, halte sie angesichts der Auswirkungen des Unfalls nicht für ausreichend.

Der Anwalt des Angeklagten verzichtete darauf, ein Strafmaß vorzuschlagen. Er stellte aber noch einmal heraus, dass sich der junge Mann vom ersten Tag an bewusst gewesen sei, dass er etwas angerichtet habe, das ihn sein Leben lang begleiten werde.

Ehemann der Getöteten äuißert sich

Auch Richter Joachim Filmer hob während der Urteilsverkündung hervor, dass eine gerechte Ahndung der Tat sehr schwierig sei, da eine Frau getötet und eine Familie in ihren Grundfesten zerrüttet wurde. Es gelte dennoch, rational und ohne Emotionen ein Urteil zu fällen. Zur „Verteidigung der Rechtsordnung“ sei eine Strafe ohne Bewährung nicht notwendig – der Fahrer sei zuvor nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, selbst verletzt worden, voll geständig und habe angesichts der familiären und beruflichen Verhältnisse eine gute Sozialprognose. „Es gibt auf allen Seiten nur Verlierer“, fasste der Richter zusammen und ergänzte: „Wer betrunken Auto fährt, ist charakterlich ungeeignet, ein Fahrzeug zu führen.“ Die Teilnahme am Straßenverkehr sei auch ohne zusätzliche Beeinflussung gefährlich genug.

Norbert Boland, der Ehemann der getöteten Frau, erklärte nach der Verhandlung, dass er sich aus emotionaler Sicht ein Urteil ohne Bewährung gewünscht hätte: „Aber ich nehme es hin. Die Justiz hat Vorgaben – und die wurden gut berücksichtigt.“

von Florian Lerchbacher

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