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„Es geht auch um den Verlust von Heimat“

Vierter Baggersee für Niederwald „Es geht auch um den Verlust von Heimat“

Die Niederwälder haben ihren Kampf gegen einen weiteren Baggersee noch nicht aufgegeben. Eine im Herbst gegründete Bürgerinitiative hat gegen das Vorhaben jetzt Unterschriften gesammelt.

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Hans-Joachim Degen (links) und Björn Schäfer zeigen die Unterschriftenliste gegen eine weitere Auskiesungsfläche.

Niederwald. Das Ergebnis stellten die beiden BI-Sprecher Hans-Joachim Degen und Björn Schäfer am Donnerstagabend dieser Zeitung vor: 498 wahlberechtigte Niederwälder haben unterschrieben. Das sind 75 Prozent der Wahlberechtigten Einwohner des drittgrößten Kirchhainer Stadtteils. Die von Minderjährigen mit Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten geleisteten Unterschriften wurden für die Auswertung nicht berücksichtigt.

Wofür oder wogegen haben die Niederwälder mit verfassungsgebender Mehrheit unterschrieben? Die Frage beantwortet der sperrige Name der BI, der gleichzeitig auch Programm ist: „Kein Kiesabbau in Richtung Ortslage Niederwald mit offenen Wasserflächen“. Die diese Forderung unterstützenden 498 Unterschriften übergab die BI am Freitag dem Gießener Regierungspräsidenten, der zuständigen Aufsichts- und Genehmigungsbehörde.

Was ist bisher passiert? Die Kirchhainer Stadtverordnetenversammlung hat im Juni mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen CDU, Grüne und FDP einen Beschluss zur Änderung des Flächennutzungsplans, zur Aufstellung eines Bebauungsplans und zum Abschluss eines städtebaulichen Vertrags mit dem örtlichen Kieswerk gefasst. Danach soll dem Betreiber ermöglicht werden, nordwestlich des bisherigen Abbaues auf einer 14,1 Hektar großen Ackerfläche Kies abzubauen.

Vierter Baggersee reicht nur für vier jahre

Als nächster Schritt folgt die Offenlage der Planungen, während der auch die Niederwälder Bürger ihre Einwände gegen das Vorhaben vorbringen können. Die Bürgerschaft für dieses Möglichkeit zu mobilisieren sei ein wichtiges Anliegen der BI und der Unterschriftenaktion, sagte Björn Schäfer, der gleichzeitig feststellte, dass weder Dorf noch BI gegen den Kiesabbau oder gegen das Kieswerk seien. Der gemeinsame Wunsch sei, dass das Kieswerk die für viele Jahre reichenden Kiesvorkommen im Ohmrückhaltebecken ausbeuten dürfe. Dem steht derzeit noch die hydraulische Grundbruch-Problematik im Wege, wie diese Zeitung mehrfach berichtete.

Was die BI besonders beängstigt ist, „dass jetzt im rasenden Tempo für Niederwald bleibende Tatsachen geschaffen werden“, wie sich Björn Schäfer ausdrückte. Er meint damit die Saugrüssel-Technologie der Schwimmbagger die den als „Ausweichfläche 1“ bezeichneten aktuellen Kiessee in wenigen Jahren ausgebeutet hat. In der tat: Die Kiesvorräte des neuen Sees sind schon fast völlig erschöpft, ohne dass dieser in der aktuellen Auflage des ADAC- Städte- und Gemeinde-Atlas eingezeichnet ist.

„Das Entstehen der ersten beiden Baggerseen zog sich noch über Jahrzehnte hin“, sagte Hans-Joachim Degen, der erwartet, dass die geplante „Ausweichfläche 2“ innerhalb von nur vier Jahren ausgebeutet sein wird. Was kommt dann? Die BI hat zur Verdeutlichung der Problematik schon einmal die „Ausweichfläche 3“ in einer Skizze dargestellt, die bis an Anzefahr heranreicht und sich aus nördöstlicher Richtung bis auf 50 Meter an die Niederwälder Bebauungsgrenze nähert.

Niederwald habe schon drei Baggerseen, von denen kein einziger verfüllt sei, klagte Degen. Er sieht in den Expansionsplänen nicht nur steigende Gefahren für spielende Kinder an den nicht eingezäunten Wasserlöchern mit ihren steilen und zehn Meter tief abfallenden Uferböschungen, die Gefahr Gebäudeschäden für und den Wertverlust der Immobilien im Neubaugebiet; für ihn „geht es auch um den Verlust von Heimat.“

Es schmerze ihn, wenn er aus Richtung Kirchhain auf Niederwald zufahre und sehe statt einer Kulturlandschaft links und rechts nicht zurückgebaute Erdwälle. Niederwald verfüge jetzt schon als drittgrößter Stadtteil Kirchhains nur die zweitkleinste Gemarkung. Nur Himmelsberg sei in dieser Hinsicht noch kleiner. Weitere Seen würden das Problem noch verstärken.

Die beiden BI-Sprecher kündigten an, die Ergebnisse ihrer Unterschriftenaktion aus dem Kieswerk-Betreiber und der Stadt Kirchhain vorzustellen.

Wie der RP auf die Niederwälder Aktion reagiert ist offen. Immerhin hat die Gießener Behörde zuletzt die Windkraftpläne eines Investors bei Burgholz jüngst gestoppt. Der Grund: Die unzumutbaren Belastung durch Windräder für Emsdorf von drei Seiten.

von Matthias Mayer

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