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Erst der Alkohol, dann der Griff zu illegalen Drogen

Mildes Urteil Erst der Alkohol, dann der Griff zu illegalen Drogen

Einen kurzen Prozess erlebten die Beteiligten vor dem Amtsgericht Marburg in der Verhandlung gegen einen 36 Jahre alten Neustädter, der wegen des Besitzes von Drogen in nicht geringen Mengen angeklagt war.

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Marburg/Neustadt. Ganze 35 Minuten vergingen von der Verlesung der Anklageschrift durch Staatsanwältin Kathrin Ortmüller bis zur Verkündung des Urteils durch Richter Dominik Best. Weitere drei Minuten brauchte dieser für die Erläuterungen zu dem Urteil. Und keine fünf Minuten später war Gerichtssaal 154 wieder verschlossen. Ermöglicht wurde der zügige Verfahrensverlauf durch das umfassende Geständnis des ­Angeklagten, das dem Schöffengericht eine aufwendige Beweisaufnahme ersparte.

Am 20. und 21. Januar dieses Jahres war zunächst der Angeklagte und dann dessen Wohnung durchsucht worden. Dabei wurden Betäubungsmittel gefunden, deren Wirkstoffgehalt zusammen die strafrechtlich bedeutsame Grenze zu den „nicht geringen Mengen“ überschritt. Da der Angeklagte den unerlaubten Besitz der bei ihm und in seiner Wohnung gefundenen Drogen zugab, verzichtete das Gericht auf die Vernehmung von Zeugen. So wurde im Zuge der Beweisaufnahme lediglich das Gutachten zu den beschlagnahmten Betäubungsmitteln und deren Wirkstoffgehalt verlesen.

Der Neustädter machte vor dem Gericht schwere Schicksalsschläge für sein Abgleiten in die Drogensucht verantwortlich. Er habe den Tod seines kleinen Sohnes, der nur ein halbes Jahr alt geworden sei, nicht verkraften können. Später habe ihm zudem die Trennung von seiner Lebensgefährtin zugesetzt, sagte der Angeklagte.

„Ich habe am Leben vorbei gelebt“

Der Mann gab an, zunächst Alkohol in großen Mengen getrunken zu haben. Über den Alkohol sei er schließlich an illegale Drogen geraten, bekannte er. „Ich habe am Leben vorbei gelebt. Mir ist alles über den Kopf gewachsen“, schilderte er seine damalige Situation. Über einen langen Zeitraum hatte der gelernte Gebäudereiniger in einem Stadtallendorfer Unternehmen gearbeitet. Da er während der Arbeit zunächst nicht trank, fiel seine Suchtproblematik geraume Zeit nicht auf. Schließlich wurde ihm doch gekündigt.

Auf die Frage, wie er denn seinen Drogenkonsum finanziert habe, gab der Angeklagte an, stets sparsam gelebt zu haben. Inzwischen hat der Neustädter einen Alkoholentzug hinter sich. Während der Behandlung wurde festgestellt, dass der Mann an ADS und depressiven Verstimmungen leidet. Vor Gericht machte der Neustädter einen aufgeräumten und konzentrierten Eindruck.

Da der Angeklagte bisher noch ohne Vorstrafen war und für die Verfahrensbeteiligten glaubhaft versicherte, nicht mit Drogen gehandelt zu haben, war man sich schnell einig, den Angeklagten wegen des unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringen Mengen in einem minderschweren Fall zu verurteilen. So beantragte die Staatsanwaltschaft eine neunmonatige Freiheitsstrafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. Die Verteidigung warb für ein geringeres Strafmaß, plädierte für eine sechsmonatige Bewährungsstrafe und hielt hier eine zweijährige Bewährungszeit für ausreichend.

Kaum fünf Minuten benötigte das Schöffengericht, um das Urteil zu verkünden. Es verurteilte den umfänglich geständigen Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten, die es auf zweieinhalb Jahre zur Bewährung aussetzte. Bewährungsauflage des Gerichts: Der Angeklagte muss sich spätestens sechs Monate nach der Urteilsverkündung in eine stationäre Sucht-Nachsorge begeben haben.

Ausschlaggebend für das milde Urteil sei die günstige Sozialprognose, betonte Richter Best nach der Urteilsverkündung.

von Heinz-Dieter Henkel

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