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Erinnerung, Wehmut und Freude

100 Jahre Wohratalbahn Erinnerung, Wehmut und Freude

Die Aktiven Störche Ernsthausen riefen zur 100-Jahr-Feier der Wohratalbahn, und gut 1000 Menschen kamen gestern in die Wambach.

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Feiern im Grünen: Über den Tag gesehen kamen gestern mehr als 1 000 Besucher zur 100-Jahr-Feier der Wohratalbahn am Bahnhof Ernsthausen-Wambach. Fotos (5): Matthias Mayer

Ernsthausen. In den Gesprächen am Rande des Jubiläumsfestes vermischten sich Erinnerungen an die Bahn mit ein wenig Wehmut darüber, dass es den Verkehrsträger Eisenbahn im Wohratal nicht mehr gibt, mit ganz viel Freude über das, was die Gastgeber Aktive Störche Ernsthausen mit der detailgetreuen Rekonstruktion des kleinen Bahnhofs Ernsthausen-Wambach für die Allgemeinheit geschaffen haben.

Diese große Leistung würdigte auch Rauschenbergs Bürgermeister Michael Emmerich. Die Wohratalbahn lebe viele Jahre nach ihrem Ende in den Herzen der Menschen weiter. Das gelte besonders für das ehrenamtliche Engagement der Aktiven Störche, das dem Verein den Denkmalschutzpreis des Landkreises eingebracht habe.

Der Vereinsvorsitzende Dieter Barthelmeß, der durch das Programm führte, nutzte den Anlass, um die Aktiven Störche Walter Linne und Heinrich Gerber zu würdigen. „Ohne deren Einsatz gäbe es das Bahnhäuschen nicht“, stellte er fest.

Begehrte Gesprächspartner waren gestern Zeitzeugen. Zu diesen gehört auch Gerhard Weinert aus Bauerbach, der prägende Kindheitserinnerungen mit der Wohratalbahn verbindet. Für den aus der Nähe von Karlsbad stammenden Sudetendeutschen endete die Vertreibung aus der Heimat praktisch auf dem Gleis der Wohratalbahn.

„Ich bin im August 1946 mit meiner Familie in einem Güterzug über das Gleis der Wohra­talbahn gerollt. Der Zug hielt in Halsdorf, wir wurden ausgeladen. Am Bahnhof hat der Bürgermeister die Flüchtlinge auf verschiedene Quartiere verteilt“, erinnert sich Gerhard Weinert, dessen damals vierköpfige Familie zunächst in einem Zimmer in Albshausen unterkam. Später fuhr der heute pensionierte Ingenieur mit dem Schienenbus auf der Wohratalbahn nach Kirchhain.

Die Schienenbus-Ära hat der Marburger Lokführer Dieter Weber auf dieser Strecke nicht mehr erlebt, wohl aber den Güterzugdienst. Zu einer Zeit, als es in Marburg noch eine Bahnbetriebswerk gab, sei er morgens mit einer Lok nach Kirchhain gefahren, habe dort leere Schüttgut-Waggons übernommen und nach Niederofleiden zum Basaltwerk gebracht, um den Rückweg mit der vollen Last eines Basaltzugs anzutreten. „Wenn es dann Bedarf gab, habe ich dann Güterzüge auf der Wohratalbahn gefahren“, sagt Dieter Weber, der als Kind unweit der Strecke in Rauschenberg gelebt hat.

Zwischen Tempo 50 km/hund Schrittgeschwindigkeit

Die Streckendetails sind ihm noch gut in Erinnerung: Höchstgeschwindigkeit 50 km/h, Gefahrenstelle der Bahnübergang an der B3 bei Halsdorf, Langsamfahrstelle hinter Gemünden auf der Kellerwaldbahn in der Steigung nach Gilserberg. „Im Wald trockneten die Holzschwellen nicht mehr und wurden morsch. Zuletzt fuhren wir dort nur noch Schrittgeschwindigkeit“, erinnert sich Dieter Weber. Bis zum Endbahnhof der Verlängerung der Wohratalbahn in Zimmersrode ist er nie gefahren. Die Strecke wurde hinter Gilserberg stillgelegt, nachdem eine Bahnbrücke in Jesberg bei einem Lkw-Unfall beschädigt worden war. Sein erster Einsatz jenseits von Gilserberg: Als Lokführer führte er den Bauzug, der das Teilstück demontierte.

In seiner Berufslaufbahn hat der Lokführer fast alle Baureihen gefahren: Von der Kleinstlok Köf3 über den Schienenbus bis hin zur legendären IC- und D-Zug-Lok 103. Dieter Weber war auf vielen Magistralen und Nebenstrecken unterwegs; gleichwohl sind ihm Wohratal- und Kellerwaldbahn immer besonders nahe geblieben. Er würdigte die Bahnstrecke mit einer Ode über 18 Strophen, die er zur Freude der Besucher vortrug.

Lokführer trug Frackund Zylinder

Im Bahnhaus warteten die von Konrad Weisheit zusammengestellte Foto-Dokumentation über die Wohratalbahn und die Sanierungsarbeiten der Aktiven Störche und ein Film von Herbert Schildwächter auf die Besucher. Letzterer hat mit eigenem Filmen und mit dem Material anderer Autoren der Wohra­talbahn ein eindrucksvolles filmisches Denkmal gesetzt. Zu sehen sind skurrile Szenen. So Lokführer Gerhard Moll, der am 28. Mai 1972 mit Frack, Zylinder und Zigarre in Kirchhain über den Bahnsteig stolziert, ehe er an der Spitze des Abschiedszugs im Führerstand einer preußischen T3 Richtung Gemünden dampft. Oder das Huhn, das gemütlich bei Ernsthausen über das Gleis spaziert, das gerade erst ein Güterzug passiert hat. Aber es sind auch Sequenzen zu sehen, die auf das Ende der Bahn hindeuten. Die Dieselloks hatten mal zwei, mal drei, aber nie mehr als vier Güterwaggons am Haken. Und so steht der Abrisszug am Ende des Films.

n Eine zweite Jubiläumsfeier für die Wohratalbahn findet am Sonntag, 18. Mai, im alten Bahnhof von Gemünden statt. Wie Karl Wagner von einer Interessengemeinschaft ehemaliger Eisenbahner mitteilte, werden ab 11 Uhr Fotos und Dokumente sowie Modelle der eingesetzten Fahrzeuge gezeigt. Der Eisenbahn-Historiker Volker Haupt stellt die Strecke in einem Vortrag vor. Zudem sind Filme von Herbert Schildwächter und Heinz Feußner zu sehen.

von Matthias Mayer

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