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Landgericht

"Er kam, um mich umzubringen"

Nach einer blutigen Auseinandersetzung in Neustadt steht der vermeint­liche Täter seit gestern vor dem Marburger Schwurgericht. Mit einem Messer soll der geistig verwirrte Mann auf einen Flüchtling eingestochen haben.
Das Themenfoto zeigt einen damaligen Bewohner der Neustädter Erstaufnahmeeinrichtung beim Passieren der Pforte. Archivfoto: Thorsten Richter

Das Themenfoto zeigt einen damaligen Bewohner der Neustädter Erstaufnahmeeinrichtung beim Passieren der Pforte. Archivfoto: Thorsten Richter

Neustadt. Versuchten Totschlag wirft die Staatsanwaltschaft dem 26 Jahre alten Täter vor, der versucht haben soll „einen Menschen zu töten, ohne Mörder zu sein“, heißt es in der Anklageschrift. Am gestrigen Dienstag begann der aufwendige Prozess vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts. Der Angeklagte gilt als schuldunfähig, im Mittelpunkt des Verfahrens steht neben der Tat selbst eine Unterbringung in eine psychiatrische Einrichtung.

Mit unbewegtem Gesicht und scheinbar ruhig vernahm der gebürtige Iraner am ersten Verhandlungstag die Übersetzung der Anklage. Demnach soll er Anfang Mai dieses Jahres Verursacher eines blutigen Zwischenfalls in der Erstaufnahme-Außenstelle in Neustadt gewesen sein. Ohne Vorwarnung soll er zur Mittagszeit einen weiteren Bewohner von hinten angegriffen haben, während sich das Opfer auf dem Weg zum Speisesaal befand.

Laut Anklage stach der Beschuldigte den Geschädigten urplötzlich mit einem Küchenmesser in den Rücken. Die etwa elf Zentimeter lange Klinge drang in die Lunge des getroffenen Mannes ein. Nachdem dieser sich umdrehte, attackierte sein Gegenüber ihn erneut, stach in Richtung seines Gesichts und fügte ihm eine „tiefe Stichverletzung“ an der linken Wange zu. Anwesende kamen dem Opfer zu Hilfe, trennten die beiden Kontrahenten voneinander. Der Geschädigte wurde mit einer „lebensbedrohlichen Lungenverletzung“ ins Krankenhaus eingeliefert. Er konnte nur durch eine Operation gerettet werden.

Der Täter sitzt seitdem in der geschlossenen Psychiatrie, er soll an paranoider Schizophrenie erkrankt sein und gilt als schuldunfähig. Eine psychiatrische Sachverständige begleitet den Prozess.

Der Angeklagte selbst machte keine Angaben zur Sache. Wie sein Verteidiger Peter Thiel mitteilte, scheinen die Vorwürfe „aus seiner Sicht der Wahrheit zu entsprechen“. Zum Hintergrund der Bluttat ist derzeit noch wenig bekannt. Angeblich soll der Täter aus dem Glauben heraus gehandelt haben, vergewaltigt worden zu sein, teilte der vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm aus den Akten mit.

Dies hatte der Beschuldigte gegenüber der Polizei erwähnt, nicht in Gegenwart des späteren Opfers, das den ungenauen Vorwurf bestreitet. Die beiden Männer kannten sich bereits einige Monate lang vom Sehen aus der Erstaufnahmeeinrichtung.

Sie trafen sich wenige Tage vor der Tat in einem nahen Park, der als beliebter Treffpunkt der Bewohner galt, erklärte der Geschädigte vor Gericht die Vorgeschichte der Tat. Während er dort gemeinsam mit Bekannten saß, stieß der Angeklagte hinzu, erschien freundlich, doch stark angetrunken und konnte kaum noch laufen: „Er war richtig betrunken, ihm ging es gar nicht gut“, so der Zeuge.

Mehrmals sei der Bekannte schmerzhaft hingefallen, er selber half ihm schließlich zurück in das Camp, brachte ihn gemeinsam mit einem Security-Mitarbeiter auf sein Zimmer. Später habe der Angeklagte über Schmerzen am ganzen Körper geklagt und hakte nach, ob ihn jemand geschlagen hätte und verdächtigte scheinbar den anderen Bewohner. Wenige Tage später habe er ihn völlig unerwartet und „hinterrücks“ angegriffen, „er kam, um mich umzubringen“, so der Geschädigte.

Warum der Andere dermaßen ausrastete und sein Leben bedrohte, konnte er sich nicht erklären. „Wir haben uns gegenseitig respektiert“, erklärte er frustriert vor Gericht. Seelisch angeschlagen oder krank wirkte der Andere ihm gegenüber nicht. Worte zwischen Täter und Opfer fielen indes keine vor Gericht, den Großteil der Vernehmung verfolgte der Angeklagte weiterhin still, starrte meist mit gesenktem Kopf vor sich hin und vermied es, das potenzielle Opfer anzusehen. Mit den Verletzungen hat der Geschädigte bis heute zu kämpfen, seelisch wie körperlich: Er litt vor einigen Wochen an einer Lungenentzündung, hustete zeitweise Blut, hervorgerufen durch die Lungenverletzung, so der Zeuge.

Wie der zuständige Rechtsmediziner vor Gericht mitteilte wurden am Opfer die besagten Wunden festgestellt, jedoch keine Abwehrverletzungen, was auf einen überraschenden Angriff hindeutet. Durch den Stich in den mittleren Rücken kollabierte die Lunge des Opfers - durch eine schnelle Operation zwar „keine konkrete“, dabei aber eine „potenziell lebensgefährliche Verletzung“, stellte der Mediziner fest. Die vermeintliche Tatwaffe komme dafür in Betracht. Um den rund sieben Zentimeter tiefen Schnitt zu verursachen, hatte der Angreifer dabei so einige Kraft aufwenden müssen - „man muss schon kräftig und wuchtig zustechen“, befand der Sachverständige.

Alkohol spielte an diesem Tag und bei dem Angriff indes wohl keine Rolle, möglicherweise dagegen Medikamente oder eher die Abwesenheit derer, die der seelisch gestörte Angeklagte eigentlich hätte einnehmen sollen, bestätigte die Sachverständige. In seinem Blut wurden zwar Anzeichen für ein Antiepileptikum gefunden, jedoch keine Rückstände eines Medikaments gegen Psychosen.

- Der Prozess wird am 31. Oktober um 9 Uhr im Landgericht fortgesetzt.

von Ina Tannert


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