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"Er ist mein Held. Mein Lebensretter"

Stammzellen-Spende "Er ist mein Held. Mein Lebensretter"

Eine verheerende Verwechslung verhinderte im vergangenen Jahr, dass Carlos Reinaldo Valia aus Argentinien seinen Lebensretter aus Schweinsberg traf.  Nun ist die Überraschung gelungen.

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Dieser Infusionsbeutel mit Christopher Hofmanns (links) Stammzellen rettete Carlos Valia das Leben. Der Argentinier wurde von Christophers Familie als Geburtstagsüberraschung eingeflogen.

Quelle: Nadine Weigel

Schweinsberg. Es ist ein kleines Wunder. Dass Carlos jetzt auf dem Marktplatz in Schweinsberg steht, daran war noch vor vier Jahren nicht zu denken. Damals lag Carlos Reinaldo Valia mehr tot als lebendig in einer Klinik in seiner Heimat Argentinien. Mit kahlem Kopf, aufgedunsenem Gesicht  und blutunterlaufenen Augen. Diagnose Blutkrebs. Keine Chemotherapie half. Die Leukämie hatte den heute 32-Jährigen mitten aus dem Leben gerissen. „Ich dachte, ich müsste sterben“, sagt Carlos. Er ist angespannt. Gleich wird er auf den Mann treffen, der ihm sein Leben gerettet hat: Christopher Hofmann.

Der sitzt hundert Meter weiter in seinem frisch renovierten Fachwerkhaus und ahnt nichts. Unter einem Vorwand hat sich seine Frau Antje zusammen mit ihrer Schwiegermutter Monika und Tochter Clara aus dem Haus geschlichen.  Heimlich sind sie nach Frankfurt gefahren und haben Carlos vom Flughafen abgeholt.  Die Familie hat Geld zusammengelegt, um dem Argentinier das Flugticket zu bezahlen. Der Überraschungsbesuch  ist das Geburtstagsgeschenk für Christopher, der mit den beiden anderen Kindern zu Hause ist – und von nichts einen blassen Schimmer hat. „Es war super schwer, das geheim zu halten. Ich hab‘s meinem kleinen Bruder erzählt und bestimmt tausendmal meinen Barbies. Ich  durfte ja nix verraten“, erzählt die achtjährige Clara ganz aufgeregt.






 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Es war im Jahr 2007, als sich Christopher und Antje Hofmann bei der DKMS registrieren ließen. Damals wurde ein Knochenmarkspender für ein leukämiekrankes Mädchen aus der Gegend gesucht. Damals passte es nicht, aber vier Jahre später kam ein Brief von der DKMS.   Es gebe einen Leukämiekranken, zu dem Christophers Gewebemerkmale passen. „Ich habe da gar nicht drüber nachgedacht, zu helfen war für mich selbstverständlich“, erinnert sich Familienvater Christopher später.

Für Carlos war es die letzte Rettung. „Als der Doktor mir sagte, dass es einen passenden Spender gebe, konnte ich mich gar nicht freuen, weil es mir so schlecht ging“, sagt er und streicht sich durch das verschwitzte Haar. Er ist seit  zig Stunden unterwegs. Am Vortag ist er in der argentinischen Megametropole Buenos Aires mit seinen 13 Millionen Einwohnern gestartet. Jetzt steht er 12 000 Kilometer von zu Hause entfernt auf dem verlassenen Marktplatz in Schweinsberg mit seinen knapp über 1 000 Einwohnern.  Ein Traktor rumpelt vorbei. Carlos ist nervös, genauso wie die drei Hofmann-Frauen.  „Ich bin gespannt, wie der Papa reagiert, wenn der Carlos plötzlich vor der Tür steht. Ich glaube aber nicht, dass er weint“, meint Clara und hüpft hibbelig auf und nieder. Carlos kramt aus seiner Reisetasche ein schwarzes T-Shirt. Darauf zu sehen ist ein Bild von Christopher mit der Aufschrift „We love you, Christopher Hofmann.“

Gleich ist es so weit. Endlich. Denn eigentlich wollte Carlos seinen Lebensretter schon vor einem Jahr treffen. Seine Familie in Argentinien hatte Geld zusammengelegt, damit er seinem Helden persönlich danken kann.
Doch es kam anders. Eine unglaubliche Verwechslung verhinderte das Treffen. Zusammen mit seinen Eltern war Carlos  nach Deutschland  geflogen und nach Stadtallendorf gefahren. Am Bahnhof gab er dem Taxifahrer die damalige Adresse der Hofmanns: Lilienstraße in Stadtallendorf-Schweinsberg. Doch der Taxifahrer brachte die Argentinier in die Lilien‘thal‘straße nach Stadtallendorf.

Ein verheerender Fehler: Während die Hofmanns sehnsüchtig in Schweinsberg auf Carlos warteten, stand dieser nur wenige Kilometer entfernt vor einem verschlossenen Haus. „Es war schrecklich, die Kinder haben geweint“, erinnert sich Antje und erklärt, „wir konnten ihn telefonisch nicht erreichen.“ Nach stundenlangem Warten fährt Carlos zurück zum Flughafen und hinterlässt einen Zettel vor der Tür mit der Aufschrift: „Hier ist ein Geschenk für dich. Danke, dass du  mein Leben gerettet hast. Für mich bist du ein Held.“ Als sich der Argentinier später per E-Mail meldet, ist  der Schock für Familie Hofmann groß. „Wir waren fassungslos und traurig“, so Antje.

Doch nun ist die Trauer verflogen, die Aufregung steigt. Clara klingelt kichernd an der Haustür. Papa Christopher öffnet die Tür. Beim Anblick von Carlos klappt ihm der Unterkiefer herunter. Er zittert. „Ich wusste, hier stimmt etwas nicht“, sagt er und geht einen Schritt nach vorne. Und dann liegen sie sich in den Armen. Carlos aus Argentinien und sein Lebensretter aus Schweinsberg. Antje weint. Die beiden Männer klopfen sich gerührt, aber standhaft,  auf die Schultern. Dass er weiche Knie hatte, gesteht Christopher erst später. Erst als Carlos die ganze Familie mit Geschenken überhäuft hat. Erst als beide ein bisschen zur Ruhe gekommen sind. Erst als sie nach einem gemeinsamen Abendessen am großen Holztisch sitzen und darüber nachdenken, dass Carlos ohne Christophers Hilfe nicht mehr am Leben wäre.

„Er ist mein Held. Mein Lebensretter“, sagt Carlos. Zwei Jahre hat es gedauert, bis sich Carlos Körper an die Stammzellen von Christopher gewöhnt hatte. Noch immer muss er täglich dutzende Tabletten nehmen, damit sein Körper keine Abstoßungsreaktionen zeigt. Aber das nimmt er gerne in Kauf, sagt er.

Sein größter Wunsch ist, eine ähnlich tolle Familie wie Christopher zu haben. „Meine Freundin und ich versuchen gerade ein Kind zu bekommen, aber nach dieser Krankheit ist es schwierig“, bedauert Carlos  und kramt etwas ganz Besonderes hervor: den Infusionsbeutel, dessen Inhalt sein Leben gerettet hat. „Der hängt bei mir in einem Bilderrahmen, damit ich nie vergesse, was für ein Glück ich hatte.“
Christopher staunt nicht schlecht, als Carlos berichtet, dass er und Christopher nun die gleiche Blutgruppe haben. „Ich würde es immer wieder machen“, sagt der 35-Jährige. „Es tut überhaupt nicht weh. Es ist ein kleiner Pieks, der Großes bewirken kann.“

von Nadine Weigel

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