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Entlausung, Schiebewurst und Neustart

Das wäre mal einer Entlausung, Schiebewurst und Neustart

Wenn Gerhard Weinert an seine Vertreibung und den Neustart in Albshausen denkt, strahlt sein Gesicht. „Das war das Beste, was uns passieren konnte“, sagt der 77-Jährige.

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Seinen Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge hat Gerhard Weinert sorgsam aufbewahrt. Der 77-jährige Zeitzeuge schreibt die Erinnerungen an seine Vertreibung für seine Nachkommen auf.

Quelle: Nadine Weigel

Albshausen. Ende August 1946. Bahnhof Halsdorf: Quietschend öffnet sich die schwere Tür des Viehwaggons. Aus dem Zugabteil mit der Nummer 32 steigen 25 Menschen. Erschöpft. Erleichtert. Sieben Tage waren sie unterwegs. „In einer Ecke des Waggons stand ein Eimer, in den man sich erleichtern konnte“, erinnert sich Gerhard Weinert an den Tag vor 70 Jahren, der sein Leben verändern sollte.

Einer von 2,8 Millionen Sudentendeutschen

Sieben Jahre war der kleine Gerhard damals alt, als er mit seinem Vater Wilhelm, seiner schwangeren Mutter Maria und seiner kleinen Schwester Bruni aus Hrozntín, dem damaligen Lichtenstadt, Sudentenland, vertrieben wurde. Bis ins frühe 20. Jahrhundert gehörte das Gebiet zu Österreich-Ungarn und in der Zwischenkriegszeit zur neugegründeten Tschechoslowakei. 1938 hatte Hitler das Gebiet des Vielvölkerstaates Tschechoslowakei besetzt und ins Deutsche Reich eingegliedert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die tschechoslowakische Regierung die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe vertreiben und enteignen. 2,8 Millionen Sudetendeutsche kamen nach Deutschland.

Unter ihnen auch Gerhard Weinert und seine Familie. Er war die Nummer 6239/16489. Sie steht in seinem Ausweis für Vertriebene und Flüchtlinge. Liebevoll streicht er über das gut erhaltene Dokument. 70 Jahre ist es nun alt, doch wegwerfen wird er es wohl nie. Zu wertvoll sind die Erinnerungen, die damit verknüpft sind. Mittlerweile ist Weinert Urgroßvater. Er ist sich seiner Rolle als Zeitzeuge bewusst. Deshalb ist er aktuell damit befasst, seine Erinnerungen an die Vertreibung aufzuschreiben. Damit die Vergangenheit, seine persönliche Lebensgeschichte, nicht in Vergessenheit gerät.

Für Weinerts Familie war die Vertreibung aus dem Sudetenland eine Reise ins Ungewisse. Für den kleinen Gerhard hingegen eine wahre Abenteuerfahrt: Pro Person durften die vertriebenen 50 Kilogramm Gepäck mitnehmen ohne Wertgegenstände wie Silber oder Gold. Lediglich 1000 Reichsmark waren erlaubt, deshalb nähte der Vater, seines Zeichens Schneider von Beruf, die goldenen Eheringe in das Lederdreieck der Sockenhalter ein. In der Naht von „Gerdchens“ neuer Schirmmütze war Geld eingenäht.

„Bei einem Halt in Fürth wurden wir alle entlaust. Da sah man aus, als wäre man in einen Mehlsack gefallen“, erzählt Weinert lachend.

Nach der siebentägigen Reise im Viehwaggon kam die Familie in Halsdorf an. „Dort wurden wir von einem Bauern mit Leiterwagen abgeholt und nach Albshausen gebracht. Er hat das Gepäck gefahren. Wir sind gelaufen“, erinnert sich der Bauingenieur, der heute in Bauerbach lebt.

Zahl der Dorfbewohner stieg durch Geflüchtete rasant an

In Albshausen angekommen wurden die „Flüchtlinge“ mitten im Dorf vom damaligen Bürgermeister empfangen. „Eine Frau kam zu mir und schenkte mir Zwetschgen“, erinnert sich Weinert an diese simple Geste des Willkommens. Doch es war nicht nur die Handvoll Zwetschgen, die dem kleinen Gerhard sein Leben in der fremden, neuen Heimat etwas leichter machte. „Das ganze Dorf hat uns gut aufgenommen“. Dabei hatte sich aufgrund des Zuzugs der Flüchtlinge die Einwohnerzahl im kleinen Albshausen rasant erhöht. Laut Statistischem Bundesamt zählte das Dorf im Jahr 1939 insgesamt 265 Einwohner. „Durch die Flüchtlinge und Vertriebenen erhöhte sich die Zahl der Einwohner auf circa 420“, sagt Weinert, der viel über die Historie Albshausens geforscht hat. Obwohl auf jedem Hof, in dem von Landwirtschaft geprägten Dorf Vertriebene untergebracht waren und alle Bewohner zusammenrücken mussten, habe er sich nie „fremd“ gefühlt. Dabei waren die Anfangsjahre in Albshausen sehr beschwerlich. Weinerts zogen in die „Neue Schule“. Im Dachgeschoss des Dorflehrers bewohnten sie zu fünft - nachdem auch der kleine Bruder noch geboren wurde - ein 15 Quadratmeter großes Zimmer. Weil dies so klein war, schliefen Gerhard und sein Vater auf dem nicht ausgebauten Dachboden. „Besonders im sehr kalten und schneereichen Winter 1946/47 war das eine harte Angelegenheit, denn oft war morgens sogar die Bettdecke bereift.“

Auch wenn der Start in das neue Leben hart war, ist sich Weinert rückblickend sicher, dass die Vertreibung das Beste gewesen ist, was seiner Familie passieren konnte. Er ist dankbar.

„Für die Leute, die uns aufnehmen mussten, war es sicher nicht leicht, aber wir sind immer gut behandelt worden.“ Lediglich in der Schule habe man erkennen können, welche Kinder „Vertriebene“ waren und welche nicht. Daran, dass die Bauernkinder stets das bessere Essen mit in der Schule hatten. Während die Töchter und Söhne der Landwirte von zuhause immer eine schöne rote Wurst mit in den Unterricht bekamen, habe es bei den Vertriebenen immer nur „Schiebewurst“ gegeben. „Das war ein Stück Brot mit ein, zwei Scheibchen Wurst drauf, die wir immer hin und her geschoben haben“, erklärt Gerhard Weinert mit einem Schmunzeln.

Zwar habe stets Armut geherrscht, trotzdem habe er sich in der Dorfgemeinschaft immer willkommen gefühlt. Als Kind war es vor allem eine Frau, die bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat: Elisabeth Claar. Sie habe den „dünnen Flüchtlingsjungen“ unter ihre Fittiche genommen und immer gut versorgt. „Für mich war sie stets die heilige Elisabeth“, betont der 77-Jährige, der von seiner Zeit in Albshausen erzählt als sei es erst gestern gewesen. An fast jeden Namen erinnert er sich. Eine Anekdote jagt die nächste. Das Manuskript seiner „Memoiren“ umfasst bereits 16 Seiten. Gewidmet seiner Tochter Monika und der Enkelin Jessica.

Erinnerung ist heute präsenter denn je

Die Erinnerung an seine persönliche Vergangenheit scheint allgegenwärtig zu sein. Das aktuelle Weltgeschehen trägt dazu noch einmal bei: Krieg, Vertreibung und Flucht berühren den ehemaligen Bauingenieur sehr. Er kann nachvollziehen, warum so viele Menschen vor Hunger und Krieg fliehen. Es sei ganz normal, für seine Kinder eine bessere Zukunft zu wollen. Er ärgert sich, dass die EU nicht in der Lage ist, zwei Millionen Geflüchtete aufzunehmen. Dies sei ein Armutszeugnis, ist er sich sicher.

Als einer, der Flucht und Vertreibung miterlebt hat, fühlt er mit den Menschen und hofft auf ein Ende des weltweiten Leids.

„Der einzige Unterschied zu uns damals ist doch nur, dass wir deutsch gesprochen haben“, betont Weinert.

von Nadine Weigel

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