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Entgiftung, Therapie, Eigeninitiative

Drogensucht Entgiftung, Therapie, Eigeninitiative

Völlig ungewohnte Situation vor dem Kirchhainer Amtsgericht: Noch vor der Verlesung des Anklagesatzes fielen die für den Ausgang eines Strafprozesses entscheidenden Worte.

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Einen Joint zu rauchen gilt in der Szene als lässliche Sünde, ist aber strafbar. Foto: dpa

Quelle: Torsten Leukert

Kirchhain. Der 35-jährige Angeklagte hatte gerade die Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen gemacht, als ihn sein Verteidiger Senol Özgüven dazu animierte, dem unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer tagenden Gericht noch von seiner aktuellen persönlichen Entwicklung zu berichten.

Und der Stadtallendorfer legte los, erzählte von massiven Alkoholproblemen und einer weniger schwerwiegenden Neigung zum Cannabis-Konsum. „Ich habe die letzten zehn Jahre meines Leben praktisch weggeschmissen. So wollte ich nicht mehr weiterleben“, erklärte der Saisonarbeiter, der seine Problemlage seinem Arbeitgeber offenbarte.

Der ließ den Mann nicht fallen, sondern reagierte mit großartiger Fürsorge. Das Unternehmen riet seinem Mitarbeiter zu einer stationären Entgiftung und einer stationären Therapie, stellte ihm für die nächsten Schritte eine Sozialarbeiterin an die Seite, die den Alkoholkranken persönlich zum Antritt der stationären Therapie chauffierte und ihn auch heute noch betreut. Und der Arbeitgeber verlängerte sogar die Saisonarbeit des Angeklagten auf zehn bis elf Monate jährlich, „damit ich keine Zeit habe, auf dumme Gedanken zu kommen“, wie der heute in einer festen Beziehung lebende Mann erklärte. „Ich lebe seit dem 2. März abstinent, habe mein Ausgehverhalten geändert, weiß aber auch, dass ich noch nicht über den Berg bin. Deshalb besuche ich die ambulante Drogenberatung der Diakonie“, sagte er.

Ein zu Hoffnung ermutigendes Abschluss-Gutachten aus der Klinik und die durchweg negativen Bluttests rundeten das positive Bild ab. Was Angeklagte nach ihrer Straftat tun oder nicht tun, nennen die Juristen „Nachtat-Verhalten“. In dieser Disziplin verdiente sich der Angeklagte eine glatte 1.

Dazu zählte auch das Geständnis des Angeklagten, nachdem Staatsanwältin Kathrin Ortmüller endlich dazu gekommen war, die Anklage zu verlesen. Danach hat der Stadtallendorfer zwischen August und September 2014 in acht Fällen jeweils 3,3 Gramm Cannabis für 50 Euro zum Eigengebrauch gekauft. Dazu bekannte sich der Angeklagte, der durch die Telefonüberwachung seines Dealers aufgeflogen war.

Wie umgehen mit dem geläuterten Kiffer? Senol Özgüven brachte eine Verfahrenseinstellung ins Spiel. Dabei wollten Staatsanwältin und Gericht wegen zweier einschlägiger Vorstrafen nicht mitmachen.

Da sich der Angeklagte gerade auf den letzten Meter seiner Privatinsolvenz befindet, wollte Richter Joachim Filmer den Mann nicht zusätzlich finanziell belasten und regte eine Geldstrafe unter Vorbehalt an. Dem schloss sich Staatsanwältin Kathrin Ortmüller an und beantragte wegen unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln in acht Fällen eine Gesamtgeldstrafe in Höhe von 70 Tagessätzen à 30 Euro, deren Vollstreckung sie auf ein Jahr zur Bewährung aussetzte. Bewährungsauflage: Der Angeklagte muss während der Bewährungszeit seine Heiltherapie fortsetzen und das dem Gericht regelmäßig nachweisen. Die Verteidigung unterstützte diesen Antrag. Joachim Filmer setzte ihn eins zu eins im Urteil um. Der Richter würdigte die Anstrengungen des Angeklagten und dessen Unterstützung durch den Arbeitgeber. „Ohne Ihre eigenen Aktivitäten wäre für Sie heute wahrscheinlich eine Freiheitsstrafe auf Bewährung herausgekommen“, qualifizierte er den Wert der Eigeninitiative.

von Matthias Mayer

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