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Einzelne „Engel“ bringen Helfer weiter

Menschen in Not Einzelne „Engel“ bringen Helfer weiter

Die verzweifelte Lage von rund 10000 Flüchtlingen im Camp Idomeni bewegte neun Freiwillige dazu, mit großem Einsatz zu helfen. Unter ihnen war Joachim Boucsein aus Hertingshausen.

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Die Helfer gaben im Lager Eko Hilfsgüter an notleidende Flüchtlinge aus.

Quelle: Privatfotos

Hertingshausen. Der Entschluss, sich „Maulbronn hilft“ anzuschließen, fiel bei Boucsein Anfang März. Maulbronn liegt in Baden-Württemberg. Neun Freiwillige fanden sich über das soziale Netzwerk Facebook zusammen. Türken, Italiener, Griechen und Deutsche. Kopf und Initiator ist Theofanis Morkotinis aus Maulbronn, der Grieche hat seine Wurzeln nahe dem Ort Idomeni. Über einen früheren Hertingshäuser wurde Boucsein auf die Initiative aufmerksam. Boucsein ist in der Flüchtlingshilfe vor Ort aktiv, etwa beim Runden Tisch Asyl in Wohra. Ihn bewegten die Fernsehbilder aus dem wilden Lager Idomeni seit langem. Er nutzte die Möglichkeit, selbst zu helfen.

Etwa 12 Tonnen Hilfsgüter, verteilt auf 4 Transporter, brachten die Freiwilligen nach Griechenland. Die Spenden stammen zu einem Teil auch aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. Boucsein hat sie eingesammelt, vor allem in Marburg und unterstützt von mehreren Studenten. All das lief über Facebook. „Wir haben fast ausschließlich für Kinder gesammelt“, sagt Joachim Boucsein. Versuche, vorher den Einsatz mit griechischen Behörden zu koordinieren, brachten nichts. Teilweise bekamen die deutschen Helfer noch nicht mal Antwort.

Von dem, was vor ihnen lag, hatten die neun Freiwilligen nur begrenzte Vorstellungen. Start ihrer Reise war am 20. März in Maulbronn, am Ostersonntag kehrte die Gruppe erschöpft aber wohlbehalten dorthin wieder zurück. Dazwischen lagen Tage mit teils kaum vorstellbaren Eindrücken und Erlebnissen, die Boucsein der OP schilderte. Die Freiwilligen haben in sehr kurzer Zeit Erfahrungen sammeln müssen.

Keine Unterstützung durch große Organisationen

Auf Hilfe großer Organisationen wie beispielsweise dem Internationalen Roten Kreuz durften sie dabei nicht hoffen. „Wir haben das Rote Kreuz dort nicht erlebt“, sagt Boucsein. Das gilt auch für andere Organisationen. Freiwillige Helfer wurden für die neun aus Deutschland zu ihren wertvollsten Unterstützern und immer wieder auch Flüchtlinge selbst, die mit anfassten. Joachim Boucsein nennt Namen wie „Kuba“, einen Kölner, oder Hassan, einen Syrer. Bei ihrem ersten Aufenthalt in Idomeni, bei dem sie versuchen, Hilfsgüter zu verteilen, läuft einiges schief, auch aus der fehlenden Erfahrung der Ehrenamtlichen heraus und mangels Unterstützung. Sie werden, als sie ihre Wagen aufgestellt haben, der Lage nicht mehr Herr. So groß ist der Andrang. Ein privater Fernsehsender bringt einen Beitrag, der suggerierte, dass die Helfer selbst in Gefahr geraten sind.

Dem widerspricht Boucsein ganz energisch. „Wir wurden weder bedroht noch ausgeraubt“, betont er. Doch immer wieder bekommen die Helfer wertvollen Rat von Einheimischen wie auch schon länger vor Ort arbeitenden „Volunteers“, Freiwilligen. Durch sie werden sie auf das Lager Eko aufmerksam, etwa zehn Kilometer von Idomeni entfernt. 2000 bis 3000 Flüchtlinge, überwiegend Syrer. Wie die Menschen in Idomeni haben sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Die Hoffnung, dass sich die Grenze nach Mazedonien doch noch öffnen könnte, was unwahrscheinlich ist.

Dort sehen Boucsein und seine Begleiter wieder haarsträubende Bilder mitten in Europa. Verzweifelte Augen, Kranke. Aber dort bringen sie einen Teil ihrer Hilfsgüter an die Menschen. „Wir haben zuerst sechs Stunden lang Decken ausgegeben“, berichtet Boucsein. Ein Möbelkonzern und Privatleute hatten sie gestiftet. Danach folgten Hygieneartikel. Ihre Wagen hatten sie ähnlich einer Wagenburg aufgestellt, so gewährleisteten sie, dass sie ihre Spenden geordnet übergeben konnten. Durch Kontakte vor Ort und endlos viele Gespräche stießen sie auf eine griechische Hilfsorganisation. Sie übernahm viele Güter, denn die neun mussten zurück nach Deutschland.

Flüchtling bringt Helfern Tee

Bilder, Dokumente und andere Belege beweisen, dass alle Hilfsgüter zu den Menschen kamen, die sie brauchen. Vor Ort kauften die Helfer von Spendengeldern etwas in Eko sehr dringend benötigtes: 20 Tonnen Brennholz. Ein Händler ließ sich überreden, es noch am Karfreitag anzuliefern. Boucsein hat viele Einheimische getroffen, die selbst helfen. Er hat auch selbst Hilfe erlebt. Etwa von einem geflüchteten Syrer, der nichts mehr außer seiner Familie hat. Er merkte, dass die Helfer aus Deutschland froren, ging zu einer Tankstelle, machte dort Wasser für Tee heiß. Dafür zahlte er einen Euro.

Boucsein, selbst Krankenpfleger, berichtet aber auch von verzweifelten Augen von Frauen und Kindern, die zweieinhalb Stunden im Schlamm an einer privaten Essensausgabe warten müssen, um ein Brötchen zu bekommen. Mitten in Europa. „Maulbronn hilft“ will weitermachen. Aus der Gruppe wird ein Verein, sie sprechen über einen zweiten Konvoi.

von Michael Rinde

 
KONTAKT
Kontakt zu der Gruppe „Maulbronn hilft“ gibt es über Facebook, www.facebook.com/groups/1756481964563196/?fref=ts, lautet der Link. Die öffentliche Gruppe hat, Stand 4. April, 2156 Mitglieder.
 
 
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