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„Eine schwierige Geschichte“

Versuchter Totschlag „Eine schwierige Geschichte“

Der Prozess gegen einen verwirrten 26-jährigen Iraner, der in Neustadt einen Landsmann mit einem Messer umbringen wollte, endete wegen Schuldunfähigkeit mit der Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung.

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Marburg/Neustadt. Da die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde, reiste der Angeklagte - wie vorbereitet - in seine Heimat aus.

Der Vorsitzende Richter der 6. Strafkammer des Landgerichts Marburg, Dr. Frank Oehm, hatte die Urteilsverkündung eigens auf 8 Uhr vorverlegt, damit der Angeklagte noch am gleichen Tag der Ausreiseanweisung des Regierungspräsidiums Gießen nachkommen konnte. Er dürfte inzwischen in Teheran angekommen sein.

Nach dem Bericht des psychiatrischen Gutachtens (diese Zeitung berichtete gestern ausführlich) hatten es sowohl Staatsanwaltschaft, Nebenklage, wie auch Verteidiger Peter Thiel als erwiesen angesehen, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat wegen einer paranoiden Schizophrenie schuldunfähig gewesen sei. Da von dem Mann weiterhin Gefahr für andere ausgehe, sei eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik dringend erforderlich, hatte die Gutachterin vor der Kammer erklärt.

Genau diese Sachverhalte berücksichtigte die 6. Strafkammer bei ihrem Urteil. Rechtlich sei die Tat als versuchter Totschlag zu werten. Der im Prozessverlauf diskutierte Vorwurf der Heimtücke sei nicht zu ­beweisen. Die Aussetzung zur Bewährung sei nur in besonderen Fällen möglich und „eine schwierige Geschichte“, erläuterte Dr. Frank Oehm während der Urteilsbegründung.

Da die Prognose des Angeklagten in Deutschland wesentlich schlechter sei als in seinem Heimatland, wo er die Sprache beherrsche, die Gepflogenheiten kenne und ein soziales Umfeld vorfinde, wurde auf Bewährung erkannt.

Für den Fall eines Verbleibs in Deutschland habe dem Angeklagten eine lebenslange Unterbringung in einer forensischen Psychiatrie gedroht, verdeutlichte der Vorsitzende Richter. Das Wagnis einer Bewährung sei in diesem Fall allein durch die verabredete psychiatrische Behandlung des 26-Jährigen in seinem Heimatland zu rechtfertigen.

Die Kammer verfügte, dass der Iraner direkt nach Ankunft in der Heimat, das Marburger Landgericht darüber zu informieren und sich in psychiatrische Behandlung zu begeben hat. Rechtlich könne man dem Angeklagten nicht, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, vorschreiben, wo er zu wohnen habe. Auch eine erneute Einreise nach Deutschland könne­ nicht verboten werden. Ihm wurde deshalb ein Bewährungshelfer in Deutschland zugewiesen, wobei jedem im Saal klar war, dass dieser wohl nie für den 26-jährigen Flüchtling tätig werde, der in Neustadt einen Mann mit einem Messerstich lebensgefährlich verletzt hatte.

In wieweit der durch die Bewährung vorübergehend freie Mann den Weisungen des Gerichts folgen wird, werde man wohl nicht überprüfen können, bekannte die Kammer.

In Begleitung eines Psychiaters fuhr der Iraner nach Prozess­ende zur Ausreise nach Frankfurt. Da er nicht auf Lufthansa gebucht war, dürfte er sein Flugzeug um 16 Uhr auch bekommen haben.

von Heinz-Dieter Henkel

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