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„Eine menschliche Sauerei“

Todkranken Freund betrogen „Eine menschliche Sauerei“

Im Gegensatz zu den Gerichtsshows führt bei den echten Gerichtsverhandlungen kein Aufnahme­leiter, sondern das Leben Regie. Das bekamen die Besucher am Tag der Justiz in Kirchhain zu spüren.

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Wegen Computerbetrugs musste sich ein Angeklagter vor Gericht verantworten.

Quelle: Arvhivfoto

Kirchhain. Zur Lebenswirklichkeit vor Gericht gehört, dass Termine verschoben oder aufgehoben werden, dass wichtige Zeugen absagen oder der Angeklagte nicht erscheint. So geriet dann der Programmpunkt „Strafsachen zum Anfassen“ etwas aus den Fugen.

Ein Angeklagter hatte sich am Morgen krankgemeldet, und ob die verbliebenen Delinquenten auftauchen würden, stellte der erfahrene Strafrichter Joachim Filmer arg in Zweifel. Zumindest der Zeitplan verschob sich um 75 Minuten nach hinten, sodass die ersten Besucher zunächst mal von dannen zogen.

Moralisch höchst verwerfliche Taten

Die beiden verbliebenen Fälle hätten auch einer Gerichtsshow zu Ehren gereicht, denn es ging um moralisch höchst verwerfliche Taten mit Empörfaktor: Einen Computerbetrug, begangen von einem Angeklagten an dessen bestem und zudem todkranken Freund, und um ein delikates Delikt, das die Juristen Beischlafdiebstahl nennen.

Zum ersten verbliebenen Termin erschien der Angeklagte auf den letzten Drücker - mit 15-minütiger Verspätung. Staatsanwalt Jonathan Poppe warf dem 32-jährigen Stadtallendorfer vor, am 2. Mai und am 31. Mai mit der EC-Karte und der PIN 390 Euro beziehungsweise 425 Euro widerrechtlich abgehoben und für sich verwandt zu haben.

Der leutselige Angeklagte, der den Richter zunächst dutzte, wies die Vorwürfe weit von sich. Den vermeintlich Geschädigten bezeichnete der Hartz-IV-Bezieher als seinen besten Freund. Weil dieser nur noch sehr schlecht habe laufen können, habe er auf Bitten des Freundes mit dessen EC-Karte am 2. Mai 390 Euro abgehoben und ihm übergeben. Das könne sein Onkel bezeugen.

Die EC-Karte habe er behalten, da sein Freund bei ihm noch Schulden in Höhe von etwa 250 Euro gehabt habe. „Mitte des Monats ist er dann gestorben“, sagte der Angeklagte, der am 31. Mai ein zweites Mal das Konto seines von der Grundsicherung lebenden Freundes komplett leer räumte.

Die Art und Höhe der Schulden vermochte der Angeklagte nicht zu benennen. Er sprach von geschnorrten oder mitgebrachten Zigaretten. Und warum er den kompletten Betrag behalten habe, wusste er ebenso wenig zu sagen.

Kein Geld, aber das Schlachtfeld eines Gelages

Die 27-jährige Tochter des Geschädigten, die das Verfahren mit ihrer Anzeige ins Rollen gebracht habe, zeichnete im Zeugenstand ein ganz anderes Bild. Danach wurde ihr Vater noch am 2. Mai in die Klinik eingeliefert, die er nicht mehr lebend verlassen sollte. Im Auftrag ihres Vaters ging sie am 4. Mai in dessen Wohnung, um Geld und EC-Karte für Einkäufe für den Vater zu holen.

In der Wohnung fand sie keinen Cent und keine EC-Karte - dafür aber ein einziges Schlachtfeld, dass von einem großen Gelage zeugte. „Offenbar haben dort seine ,Freunde‘ groß gefeiert, nachdem er in die Klinik gekommen war“, mutmaßte sie.

Sie könne sich vorstellen, dass ihr schwerstkranker Vater den Angeklagten mit dem Abheben des Geldes im ersten Fall beauftragt haben könnte - nicht aber für den zweiten Fall, den ihr erst am 16. Juni verstorbener Vater noch erlebt habe.

Erste Tat war nicht nachzuweisen

Richter Joachim Filmer kam zu dem Schluss, dass der Geschädigte zwar keine Chance gehabt habe, die verschwundenen 390 Euro noch auszugeben, aber letztlich könne sich auch ein anderer Zechkumpane das Geld angeeignet haben. Weil dem Angeklagten die erste Tat nicht nachzuweisen war, wurde das Verfahren in diesem Punkt mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft eingestellt.

Staatsanwalt Jonathan Poppe warf dem wegen gemeinschaftlichen Diebstahls vorbestraften Angeklagten vor, im zweiten Fall nach dem Motto „er kann sich nicht wehren, der stirbt sowieso bald“ das Vertrauen und die hilflose Lage des Geschädigten ausgenutzt zu haben und sagte: „Sie hätten die EC-Karte nicht behalten und noch weniger ein zweites Mal benutzen dürfen.“

Die unbefugte Nutzung der PIN sei rechtlich ein Computerbetrug. Der Staatsanwalt beantragte, den Angeklagten wegen Computerbetrugs in einem Fall zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 15 Euro zu verurteilten.

Gericht folgt Antrag der Staatsanwaltschaft

Das Gericht folgte diesem Antrag. „Sie haben einen hilflosen Menschen, den sie als ihren besten Freund bezeichnen, noch zu Lebzeiten beklaut. Das ist eine menschliche Sauerei“, redete Joachim Filmer während der Urteilsbegründung Klartext.

Der zweite Fall bewegte sich moralisch auf ähnlichem Niveau. Ein junger Mann hatte auf einer Single-Börse im Internet eine Stadtallendorferin kennengelernt. Die jungen Leute verabredeten sich und verbrachten ein Wochenende in der Wohnung des Mannes.

Die Frau blieb noch dort, als der Mann am Montagmorgen zur Arbeit ging. Als er abends heimkam dann die böse Überraschung: Die neue Liebe war verschwunden - und mit ihr alles Bargeld, Laptop, der Schmuck - und zwei Flaschen Schnaps.

Liebste, Bargeld, Laptop, Schmuck und Schnaps weg

Wie Joachim Filmer berichtete, trägt die Dame noch immer die Kette ihres geprellten Liebhabers. Fotos im Internet belegten das.

Der Konfrontation mit ihrem Opfer entzog sich die Angeklagte, indem sie der Hauptverhandlung fernblieb. Das gab Joachim Filmer und Jonathan Poppe die Gelegenheit, die Besucher mit einem anderen Instrument der Strafgerichtsbarkeit bekannt zu machen: dem Strafbefehl. Dieser erlaubt es, innerhalb eines bestimmten Strafrahmens Angeklagte auch in deren Abwesenheit zu verurteilen.

Auf Antrag des Staatsanwalts erließ das Gericht einen Strafbefehl gegen die junge Frau, die eine Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen à 15 Euro bezahlen muss.

von Matthias Mayer

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