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Eine antike Sprache ganz modern

Lateinwoche Eine antike Sprache ganz modern

Was für viele Schüler ein Horror ist, ist für andere ein Grund nach Amöneburg zu kommen. Mit der Lateinwoche wollen die Teilnehmer eine tote Sprache lebendig halten.

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Zum römischen Essen im Amöneburger Johanneshaus stießen die Teilnehmer der Lateinwoche mit Honigwein an.

Quelle: Peter Gassner

Amöneburg. Für einen kurzen Moment wähnt man sich am Mittelmeer. Als Thomas Görzhäuser eine Ansprache hält, kommt es einem Laien so vor, als spreche er Italienisch. Fließend spricht Görzhäuser auf Latein - so, als sei das selbstverständlich. Er berichtet den Anwesenden im Saal vom bevorstehenden Mahl und streut scheinbar ein paar Scherze ein. Der ganze Saal lacht, hat offenbar verstanden, was Görzhäuser sagte. Seine Aussprache hat mit dem Unterrichts-Latein jedoch wenig zu tun. Viel lebendiger, viel wohlklingender ist das, was über seine Lippen kommt. „Latein ist eine südländische Sprache“, sagt Görzhäuser.

Die Beschäftigung mit Latein hat in seiner Familie Tradition. Schon der Großvater war Lateinlehrer, so wie Thomas Görzhäuser heute. Schon früh interessierte er sich daher für diese eigentlich so antike Sprache. „Für mich war sie immer ein Zugang zu einer fremden Welt“, erläutert er. Nachdem er seine Kenntnisse im Laufe des Studiums vertiefte, „ist es jetzt ein schönes Erlebnis, diese Sprache einmal auf eine völlig andere Weise zu erleben“.

Bei der Lateinwoche in Amöneburg, die vom vergangenen Samstag bis zum heutigen Samstag andauerte, tauschten sich 51 Menschen fast ausschließlich auf Latein aus. Bei Gesprächen, Übungen und Hobbygruppen erweiterten sie auf diese Weise ihren Wortschatz und praktizierten einen seltenen, lebendigen Ansatz im Umgang mit Latein.

Aus ganz Deutschland und darüber hinaus kamen die Teilnehmer. Auch aus Spanien, Holland, Frankreich, Belgien und der Schweiz waren einige Gäste angereist. Außer im Johanneshaus, wo die Lateinwoche beheimatet war, waren sie auch in den umliegenden Hotels untergebracht. „Der Berg ist fest in römischer Hand“, scherzte Lateinlehrer Thomas von Stieglitz.

Viele Studenten und Schüler unter Teilnehmern

Unter den Teilnehmern waren einige Lateinlehrer, Ärzte und Juristen vertreten. Ungewöhnlich aber sind in Amöneburg die vielen jungen Teilnehmer. „So viele Schüler und Studenten wie hier gibt es bei keiner anderen Lateinwoche in Deutschland“, berichtete von Stieglitz.

Schon als Student habe er gedacht: „Es muss möglich sein, diese Sprache auch zu sprechen“, erinnerte sich von Stieglitz - auf Lateinwochen wie der in Amöneburg, die bereits seit 1989 ausgerichtet wird, besteht dazu die Möglichkeit. „Es ist für uns - die wir in unseren Berufen täglich damit zu tun haben - eben auch eine gute Übung. Im Alltag kann man ja sonst mit niemandem auf Latein reden“, ergänzte er.

Es gehe „nicht darum, die Antike nachzuspielen“, erklärte er. Das römische Essen mit Mostbrötchen (mustacci), lukanischen Würsten (lucanie), Datteln (dactyli) und Honigwein (mulsum), das am Donnerstag gereicht wurde, bildete in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Stattdessen gehe es darum, die Sprache lebendig und modern zu halten. Dementsprechend bemühe man sich, über Dinge aus dem heutigen Alltag zu sprechen und dabei auch Vokabeln für Wörter wie Computer oder Smartphone zu verwenden.

Einer der Teilnehmer setzt dies übrigens konsequent auch in seinem Unterricht durch - mit seinen Schülern spricht Wolfram Bohmhammel auf Latein. „Für die Schüler ist das nichts Besonderes - die kennen das ja auch von anderen Sprachen“, sagt er.

von Peter Gassner

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