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Eine absolut unerklärliche Tat

Angriff auf 20-Jährige Eine absolut unerklärliche Tat

Was bringt einen Mann dazu, eine am Boden liegende Frau ohne erkennbaren Grund zweimal vor die Stirn zu treten? Die Hauptverhandlung um diesen Fall vor dem Kirchhainer Amtsgericht brachte keine Aufklärung.

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Nur wenige Schritte vom Weindorf entfernt ereignete sich der rohe Angriff auf eine 20-jährige Marburgerin.

Quelle: Archivfoto

Stadtallendorf. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme hat sich am 7. September 2014 gegen 3.25 Uhr Folgendes ereignet: Tausende Menschen haben im Weindorf anlässlich des Stadtallendorfer Heimat- und Soldatenfestes friedlich gefeiert. Eine sechs- bis siebenköpfige Gruppe mit Feiernden aus Kirchhain und Marburg verlässt das Festgelände im Heinz-Lang-Park und bewegt sich auf dem Bürgersteig der Herrenwaldstraße in Richtung Pusteblumen-Kreisel. Der Plan: weiterfeiern in Kirchhain.

Eine 20-jährige Marburgerin läuft ein Stück voraus, um in Ruhe ein Taxi bestellen zu können. Dabei stößt sie auf einen 27-jährigen Stadtallendorfer, der auf sie einen stark alkoholisierten Eindruck macht. Er hantiert hilflos mit einem Gegenstand, möglicherweise ein Handy, das er, so die dunkle Erinnerung der Marburgerin, wohl auch fallen ließ. Sie will dem Unbekannten helfen und fragt diesen, ob sie für ihn auch ein Taxi bestellen soll. Daraufhin stößt der Mann sie in ein Gebüsch.

Nach dem Schubser zwei Tritte gegen die Stirn

Die 20-Jährige weiß nicht, wie ihr geschieht. Sie will sich aufrappeln und bekommt einen heftigen Tritt gegen die Stirn. Sie sackt zusammen, schützt instinktiv ihren Kopf mit den Händen und kassiert sogleich einen zweiten Tritt gegen die Stirn. In diesem Moment verliert die auf nationaler Ebene erfolgreiche Leistungssportlerin das Bewusstsein. Aus ihrer Ohnmacht erwacht sie erst, als Polizei und Rettungsdienst vor Ort sind.

Ein 23-jähriger Student aus der nachfolgenden Gruppe hat den ersten Tritt gegen seine Freundin gesehen und eilt dazu mit dem Ziel, den Angreifer umzurennen. Das misslingt. Beim Versuch, den Angreifer festzuhalten, bekommt er Unterstützung durch einen 23-jährigen Kirchhainer, der auf dem Kopf des Aggressors eine Weinflasche zertrümmerte. Ein Verfahren gegen diesen wurde inzwischen vorläufig eingestellt. Während das Gerangel zwischen den drei Männern noch im Gange ist, kümmert sich eine 22-jährige Studentin aus Kirchhain um das Opfer, bei dem eine große Beule, ein Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades sowie Stauchungen der Halswirbelsäule und des Daumens diagnostiziert werden. Noch heute leidet die Marburgerin körperlich wie psychisch unter den Tatfolgen. Ihren Plan, nach der Abi-Pause wieder in den Leistungssport einzusteigen, gab sie auf, weil sie beim Krafttraining regelmäßig Kopfschmerzen bekommt.

Der Angeklagte hatte zur Tatzeit 2,1 Promille. Er gab an, von der Gruppe beleidigt worden zu sein. Richter Joachim Filmer wertete dies als Schutzbehauptung. Er und Amtsanwältin Tina Grün stützten sich auf die Aussagen der vier Zeugen. Und diese klangen glaubwürdig. Die Zeugen sagten nur das aus, was sie tatsächlich gesehen haben und ließen keine Belastungstendenzen erkennen.

Gerhard Wiegand, Verteidiger des Angeklagten und Carsten Dalkowski, Rechtsanwalt der als Nebenklägerin auftretenden 20-Jährigen, einigten sich am Rande der Verhandlung auf die Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 3000 Euro. Dies und die Reue und das Teilgeständnis des Angeklagten, der Lebensgefährtin und Kind zu versorgen hat, hinderten Amtsanwältin Tina Grün jedoch nicht, wegen gefährlicher Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von einem Jahr ohne Bewährung zu beantragen.

Angeklagter schlug schon einmal brutal zu

Das Problem: Der Angeklagte beging die rohe Tat während laufender Bewährung: Am 13. März 2010 hatte er mit drei Mittätern in einer Stadtallendorfer Disco derart rabiat mit Flasche, Aschenbecher und Barhocker auf einen Mann eingeschlagen, dass dieser ein Auge verlor.

Während Carsten Dalkowski sich dem Antrag der Anklage anschloss, beantragte Gerhard Wiegand für seinen Mandanten eine neunmonatige Freiheitsstrafe mit Bewährung. Die Bewährung habe sich sein Mandant durch sein frühzeitiges Bemühen um einen Täter-Opfer-Ausgleich, seine Einsicht, seine Reue und durch die deutlich verminderte Schuldfähigkeit verdient.

Letztere erkannte auch Richter Joachim Filmer an. Der verurteilte den Stadtallendorfer wegen gefährlicher Körperverletzung im Zustand verminderter Schuldfähigkeit zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr, die auf drei Jahre zur Bewährung auszusetzen ist. Bewährungsauflage: Der Angeklagte muss das Schmerzensgeld in monatlichen Raten von 150 Euro bezahlen. Der Richter sprach von einem unfassbaren Tatgeschehen: „Es ist mir nicht erklärlich, warum der Angeklagte das Opfer geschubst hat. Spätestens nach dem Schubser hätte nichts mehr passieren dürfen.“ Filmer ermahnte den Angeklagten eindringlich, sich nicht mehr „so zuzudröhnen“, da er spätestens jetzt wisse, wozu er unter Alkohol-Einfluss in der Lage sei.

von Matthias Mayer

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