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Eine Wahl sorgt für zwei Premieren

Türken können erstmals im Ausland ihre Stimme abgeben Eine Wahl sorgt für zwei Premieren

Einmal erst konnte der 42 Jahre alte Neustädter Oguz Yilmaz an einer türkischen Wahl teilnehmen. Zufällig, wie er betont. Nun gibt er bei der Präsidentschaftswahl seine Stimme ab - und wieder spielt der Zufall eine Rolle.

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Stadtallendorf/Neustadt. Bisher mussten im Ausland lebende türkische Staatsbürger in ihre Heimat fahren, wenn sie an einer Wahl teilnehmen wollten. Das hat sich nun geändert: Eine Briefwahl ist zwar noch immer nicht möglich, was das türkische Verfassungsgericht damit begründet, dass das Umfeld einen Wähler beim Abgeben der Stimme beeinflussen könnte. Doch die Reise in die Heimat bleibt den rund 1,5 Millionen, in Deutschland lebenden wahlberechtigten Türken erspart: Sie können in Sport- und Messehallen in Essen, Düsseldorf, Hannover, Berlin, Karlsruhe, München und Frankfurt von heute bis Sonntag ihre Stimme für die Präsidentschaftswahl abgeben -was gleich zwei Premieren auf einmal sind: Zum einen können im Ausland lebende Türken erstmals aus der Ferne ihre Stimme abgeben, zum anderen dürfen die türkischen Staatsbürger erstmals direkt ihren Präsidenten wählen.

Seelsorger als Wahlhelfer

In der Main-Metropole fungiert die Fraport-Arena als Wahllokal - wo übrigens Yusuf Cimen, der Vorbeter der Türkisch-Islamischen Gemeinde Neustadt, als Wahlhelfer fungieren muss. Dies gilt für alle Mitarbeiter der in den sieben Wahl-Städten angesiedelten Generalkonsulate und die 84 Seelsorger der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“. In Frankfurt jedenfalls wollte Oguz Yilmaz zusammen mit seiner Frau wählen gehen. Ein vierstündiges Zeitfenster hatte der Computer für die beiden Neustädter ausgespuckt - was diese nun aber nicht in Anspruch nehmen, weil die Präsidentschaftswahl zufällig in die Zeit ihres Heimaturlaubes fällt.

Erdogan spaltet die Lager

Sein Freund Ugur-Hakan Tezgider glaubt dabei nicht an einen Zufall. Er ist der Ansicht, der als ein Kandidat zur Wahl stehende Recep Tayyip Erdogan habe es eingefädelt, dass der Wahl-Termin auf die Ferienzeit in Deutschland fällt - laut Expertenmeinung sind die meisten in Deutschland lebenden Türken Anhänger des außerhalb seiner Heimat umstrittenen Ministerpräsidenten. Die Theorie, dass Erdogan auf die Stimmen seiner in Deutschland wohnenden Landsleute setzt, untermalt laut Yilmaz auch die Tatsache, dass die UETD - die als Lobby-Organisation der Erdogan-Partei AKP gilt - für die Teilnehmer kostenlose Busfahrten in die sieben Wahllokale in Deutschland organisiert.

Tezgider steht zu Erdogan, auch wenn er mit seiner Politik nicht immer einverstanden ist: „Er hat extrem viel für das Land gemacht. Die Leute schwärmen von ihm“, sagt er und berichtet von neuen Straßen, schnellen Zugverbindungen und anderen infrastrukturellen Verbesserungen. „Das sind Dinge, die es schon seit vielen Jahren geben sollte. Er hat‘s geschafft“, ergänzt er und gibt zu: „Wir Türken sind Menschen, die man mit guten Taten leicht beeinflussen kann. Und das schafft Erdogan.“ Selber wählen will er ihn nicht, stattdessen verzichtet er lieber auf den Besuch der Fraport-Arena.

Ganz anders ist die Einstellung Yilmaz‘ zu Erdogan: Er sehe zwar auch die „guten Taten für die Heimat“, teile aber viele Ansichten des Ministerpräsidenten nicht. Vor allem störe ihn, dass dieser Politik und Religion nicht trenne.

Neuerung sorgt für Freude

Doch wie auch immer die Einstellung zur Politik Erdogans ist: Die beiden Neustädter sind sich einig, dass dieser - unabhängig von möglichen Hintergedanken - den im Ausland lebenden Türken einen großen Gefallen getan habe durch die Genehmigung von Wahllokalen in der Fremde. Die Reise in die Heimat blieb ihnen erspart, stattdessen mussten sie lediglich auf einer Internet-Seite über ihre „Türkische-Republik-Nummer“, die laut Yilmaz etwa der deutschen Steuernummer entspricht, prüfen, ob sie bereits wahlberechtigt sind. Wenn nicht, konnten sie sich ebenfalls über die Homepage registrieren lassen. Danach erhielten sie einen Wahltermin.

Die beiden Neustädter schätzen, dass etwas mehr als die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken die Wahlmöglichkeit nutzen werden - für einige ist dies eine Wahlpremiere. Der Einschätzung schließt sich auch Serdar Özsoy an, der sich stark ehrenamtlich in der Fatih-Moschee in Stadtallendorf engagiert. Er selber ist deutscher Staatsangehöriger, freut sich aber über die Neuerung: „Es ist toll, besonders für jemanden, der seit Generationen hier lebt und nun endlich eine echte Möglichkeit bekommt, mitzuwählen.“ Das Wahlrecht sei schließlich ein hohes Gut, und es sei wichtig, dass auch Menschen, die fernab lebten, die Themen in der Heimat mitbestimmen könnten.

von Florian Lerchbacher

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