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Eine Hilfe für angehende Helfer

Bürgerhilfe Eine Hilfe für angehende Helfer

Die Mardorfer Bürgerhilfe ist ein Musterbeispiel für funktionierendes soziales Engagement. Tipps für Initiativen, die den gleichen Weg einschlagen wollen, gibt es nun in einem "Werkzeugkoffer".

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Marilena von Köppen (von rechts) und Margret Müller sind die Autoren des „Werkzeugkoffers“ – an dessen Entstehung aber auch Ruth Schlichting und die Vorstandsmitglieder der Bürgerhilfe maßgeblichen Anteil hatten. Fotos: Florian Lerchbacher

Mardorf. Eigentlich ist‘s nur logisch, dass das Erfolgsrezept der Mardorfer Bürgerhilfe nun auch in schriftlicher Form bei der Stabsstelle Altenhilfe des Landkreises Marburg-Biedenkopf in Buchform erhältlich ist. Seit vier Jahren gibt es das soziale Projekt nun in dem Amöneburger Stadtteil. Über 100 Menschen haben sich inzwischen zu Bürgerhelfern schulen lassen - und ebenso viele nehmen ihre Unterstützung in Anspruch. Im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen und Initiativen, in denen ehrenamtliches Engagement gefragt ist, nimmt die Zahl der Freiwilligen in Mardorf stetig zu. Entsprechend flattern immer wieder Anfragen von ähnlichen Initiativen - die sich auf den Weg machen wollen oder Probleme beim Aufbau haben - ins Schwesternhaus, ob Mitglieder der Bürgerhilfe nicht Tipps geben und Tricks verraten könnten. Können sie natürlich und machen sie auch, doch nun wird es einfacher, denn es gibt diese Hinweise auch auf Papier: Der sogenannte „Werkzeugkoffer“ - eine „Hilfe für Helfer“ - ist Resultat der wissenschaftlichen Begleitung des Projektes durch die „Frankfurt University of Applied Sciences“ in Person von Margret Müller und insbesondere ihrer Mitarbeiterin Marilena von Köppen, die drei Jahre lang die Arbeit der Bürgerhilfe verfolgte.

„Unsere Erfahrungen sind natürlich nicht eins zu eins auf andere Initiativen übertragbar, aber zumindest können durch sie auftretende Fragen beantwortet und einige Ängste genommen werden“, betonte Burkhard Wachtel, der Vorsitzende des Bürgervereins, der zudem bei der Stadt nicht nur als Seniorenbeauftragter fungiert, sondern auch deutschlandweit der erste Leiter eines kommunalen Amtes für Nachbarschaftshilfe ist. Dies stellte Bürgermeister Michael Plettenberg verbunden mit dem Hinweis heraus, dass Wachtel sich somit auch beruflich für die Bürgerhilfe alle benötigte Zeit nehmen kann.

Ein großes Plus, so von Köppen: Die Unterstützung durch die Stadt sei ein wichtiger Faktor für eine funktionierende Bürgerhilfe. Für Plettenberg fast selbstverständlich: Die Gemeinde profitiere schließlich auch davon, stellte er heraus.

Es läuft also. Aber sollten bei der Bürgerhilfe dennoch einmal die Köpfe rauchen oder Probleme auftreten, dann haben die Mardorfer einen konkreten Tipp: Sie greifen zu Schokoküssen. Der Hinweis auf Nervennahrung ist zwar im neuen „Werkzeugkoffer“ nicht enthalten, dafür aber viele andere Ansätze zur Problemlösung.

Im Endeffekt besteht das Buch aus zehn Kapiteln mit den Themen Bedarf, Verankerung in der Kommune, Rechtliches, Finanzen, Praktisches, Leitungsteam, Fachkraft, Hilfesuchende, Helfer sowie Schulung/Begleitung. Zunächst wird in jedem Abschnitt eine Herausforderung, also ein Grundproblem oder eine Sorge geschildert, dann geht es an die Lösungsansätze.

„Es treten gerade zu Beginn eines solchen Projektes viele Fragen auf: Wer braucht Hilfe? Trauen wir uns zu, eine Bürgerhilfe zu gründen? Welche Schritte müssen wir gehen und welche rechtlichen Vorgaben beachten?“, erläuterte von Köppen während der Präsentation des Werkzeugkoffers - der eben auch die entsprechenden Antworten enthält. Für die ersten Schritte sei es beispielsweise wichtig, in Erfahrung zu bringen, welche Hilfsangebote im Ort wirklich benötigt werden. „Am Tisch planen“ sei dabei kein guter Weg. Sie animierte die Gäste - die beispielsweise extra aus Niederzwehren (bei Kassel) angereist waren - direkt auf die betroffenen Menschen oder die pflegenden Angehörigen zuzugehen und sich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen. Ebenso essentiell sei aber auch, gleich zu Beginn die Unterschiede zu professionellen Pflegediensten herauszustellen und klar zu machen, dass sie keine Konkurrenz seien, wohl aber eine Ergänzung und ein wertvolles Mittel, um älteren Menschen ein längeres, selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. „Es gibt auch Leistungen, die Profis nicht erbringen“, erläuterte von Köppen.

Sie widmete sich unter anderem auch dem Punkt, was zu bedenken sei, wenn eine Bürgerhilfe geplant wird. Die „Heimat“ spiele eine wichtige Rolle: „Kommunale Gebäude erhöhen das Vertrauen, dass etwas Offizielles dahintersteht (...). Das Schwesternhaus war zudem optimal, weil dort früher Nonnen lebten, die sich stets um alte Menschen kümmerten.“ Weitere erste Tipps: Das Gebäude sollte gut erreichbar liegen, am besten barrierefrei und möglichst hell sein, um eine positive Atmosphäre zu schaffen: „Die Menschen sollen sich wohl dort fühlen.“ Als weiteren Vorteil, wenn ein kommunales Gebäude genutzt wird, bezeichnete sie Synergieeffekte: Die neue Initiative könnte dann auf die vorhandene Infrastruktur wie beispielsweise Telefonanschlüsse oder Bürogegenstände wie Kopiergeräte oder Fax zurückgreifen.

„Sie werden viel Verantwortung tragen, müssen sich aber auch klar machen: Ohne Ihre Arbeit geht es nicht“, ergänzte Margret Müller und machte den Gästen Mut: Sie sollten teamfähig sein - oder zumindest lernen, dies zu sein -, Verantwortung tragen, aber auch auf Schultern verteilen und sich nicht hinter fehlendem Fachwissen verstecken: „Sie werden es sich erarbeiten.“

Apropos Fachwissen: Ingelore Falkenberg, eine der Bürgerhelferinnen, widmete sich dem Thema Schulungen. Sie komme aus einem Pflegeberuf und habe sich anfangs gefragt, warum sie dennoch eine Fortbildung zum Bürgerhelfer machen solle. Ein Grund sei, dass Bürgerhelfer in fremde Haushalte kommen und mit ihnen unbekannten Situationen konfrontiert werden, erklärte Müller. Der Austausch mit zum Beispiel Demenzkranken und deren Angehörigen sei speziell - darauf müssten die Helfer vorbereitet sein.

Viele weitere Beispiele für Fragen und ihre Antworten beziehungsweise das „richtige Werkzeug“ kamen während der Präsentation noch zur Sprache. Eindrucksvoll war aber auch die Wortmeldung von Vinzenz Wehner, der die Unterstützung der Bürgerhilfe in Anspruch nimmt. „Ich bin ein selbständiges Leben gewohnt und will Wünsche äußern“, berichtete er. Daher sei es der falsche Weg, wenn Helfer kämen und sich seine Erklärungen gar nicht erst anhörten, sondern glaubten, Bescheid zu wissen und erklären zu müssen, wie der Hase läuft: „Dann fühle ich mich behandelt wie ein Paket.“

„Sie müssen sich immer wieder reflektieren und gegebenenfalls auch ihre Ansichten relativeren“, resümierte Müller. Gleichzeitig dürften die Helfer aber auch sich selber nicht vergessen: „Ihre Engagement ist Freude, aber auch Belastung. Fragen Sie sich: Was kann und will ich leisten - aber auch, was nicht!“ Ihre Botschaft an alle, die ein niedrigschwelliges Angebot wie die Bürgerhilfe auf die Beine stellen wollen: „Traut Euch!“

Landrätin Kirsten Fründt sprach während der Vorstellung des Werkzeugkoffers von einem „guten Tag fürs Ehrenamt, die Senioren und die Stabsstelle Altenhilfe“. Deren Leiterin, Ruth Schlichting, bezeichnete sie als „Mutter der Bürgerhilfe“. Die „gute Seele“ der Initiative ist derweil Koordinationskraft Christina Stettin, die ein echter Glücksgriff für die Mardorfer war und deren Leistung - ebenso wie die Leistung aller anderen ehrenamtlichen Helfer in den verschiedenen Funktionen beim Bürgerverein - nicht hoch genug zu loben ist.

von Florian Lerchbacher

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