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Ein völlig sinnfreier Raubüberfall

Lange Haftstrafe für 29-Jährigen Ein völlig sinnfreier Raubüberfall

Zum zweiten Mal befasste sich gestern eine Strafkammer des Marburger Landgerichts mit einem vollendeten und einem versuchten Raubüberfall auf eine Kirchhainer Spielothek.

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Junge Männer aus Stadtallendorf statteten dieser Kirchhainer Spielothek Anfang 2012 gleich zweimal ungebetenen Besuch ab.

Quelle: Matthias Mayer

Marburg / Kirchhain. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte dem Revisionsbegehren der Verteidigung eines Angeklagten gegen das Urteil der 3. Großen Strafkammer vom 29. Oktober 2014 zum Teil stattgegeben. Die 1. Große Strafkammer verhandelte gestern unter Vorsitz von Richter Gernot Christ den vollendeten Raubüberfall neu, wobei sie als Jugendkammer agierte. Einer der drei Angeklagten war zur Tatzeit ein Heranwachsender, der im Oktober 2014 nach Jugendrecht verurteilt worden war.

Was hat sich in den frühen Morgenstunden des 12. Januar 2012 ereignet? Der Spielfilm des von Dummheit und Dilettantismus geprägten Tatgeschehens im Zeitraffer:

Der gänzlich unbescholtene Haupttäter A hat Alkohol getrunken, zu mitternächtlicher Stunde kein Geld mehr in der Tasche und will noch nicht nach Hause. Er langweilt sich und ruft B an. A: Wollen wir Geld machen, eine Spielothek überfallen? B: Machen wir. A: Ich brauche eine Waffe. B: Bringe ich mit. A: Und dann brauchen wir noch einen Fahrer mit Fluchtauto. B: Kann ich besorgen.

B ruft C an, der besitzt einen VW Golf und ist spontan dabei. Und dann wird auch noch D herbeitelefoniert, der erst im Auto etwas von einem Überfall erfährt. Er hält das für ein Spiel.

Aufsicht mit der Waffe bedroht

Als das Quartett an der Kirchhainer Spielothek ankommt, wird aus dem Spiel bitterer Ernst. A und B maskieren sich. A nimmt die Schreckschusspistole an sich. C und D bleiben im Auto und sind mitten drin in einem kriminellen Geschehen mit einer Strafandrohung von mindestens fünf Jahren. B steht vor der Spielothek Schmiere, während A reingeht und die Aufsicht mit der Waffe bedroht. Die Frau glaubt an einen Scherz und lacht. Darauf lädt A die Waffe durch und richtet sie auf den Kopf der Frau. Sie händigt A Fünf-Euro-Scheine und Münzgeld aus und drückt den Alarmknopf. Dass die großen Scheine in der Kasse bleiben, entgeht dem Räuber. Er lässt sich mit 370 Euro abspeisen, die er in eine blaue Tüte steckt.

A verlässt die Spielothek. Das Quartett braust davon Richtung Wallau - in die nächste Spielothek. Nicht um diese auszurauben, sondern um die vorher verteilte Beute zu verzocken. Unterwegs wird die von B gestellte Tatwaffe, eine Walther P 22, aus dem Auto heraus entsorgt.

A ist nach der sinnfreien ersten Tat die Lust am Rauben nicht vergangen. Er bereitet am 6. Februar 2012 den nächsten Überfall auf die Kirchhainer Spielothek vor. B ist diesmal nicht dabei. C fährt wieder das Auto, und D stellt - so die Aussagen von A und C während der ersten Hauptverhandlung - die Tatwaffe, wieder eine Schreckschusspistole, diesmal das Modell Walther P 99. C bleibt im Auto sitzen, und D steht an einer unsinnigen Stelle Schmiere - 30 Meter von der Eingangstür entfernt. An der rüttelt A vergeblich. Die Tür ist wegen des Schichtwechsels verschlossen. Das Trio zieht ab.

Haupttäter tritt lediglich als Zeuge auf

A, B, C und D sind Freunde und haben einige Gemeinsamkeiten. Sie sind türkischer Abstammung, leben in Stadtallendorf, haben Probleme mit Alkohol und zum Teil auch mit Drogen. Hinter ihnen liegen gebrochene schulische Biografien und vor ihnen eine gewisse Perspektivlosigkeit. Sie leben in den Tag hinein. Allein B hat eine abgeschlossene Berufsausbildung. B, C und D besaßen zur Tatzeit Schreckschusswaffen. Die Modelle Walther P 99, P 88 und P 22, wie D während der ersten Hauptverhandlung in dieser Strafsache vor Gericht präzise repetiert.

Die gestrige Verhandlung dreht sich um den 29-jährigen B, den 25-jährigen C und den 23-jährigen D, die ihre Taten schon während der ersten Hauptverhandlung gestanden haben. Der Haupttäter A wurde in einem abgetrennten Verfahren rechtskräftig zu einer Jugendstrafe verurteilt, die er inzwischen verbüßt hat. Er tritt gestern lediglich als Zeuge auf.

Vor allem für den mit einem dutzend Vorstrafen belasteten B steht viel auf dem Spiel. Er wird aus der JVA Kassel vorgeführt, wo er bis zum 18. Januar 2020 Reststrafen abzusitzen hat. Dazu komm noch die Freiheitsstrafe von sechs Jahren, die die 3. Strafkammer im Oktober 2014 unter Einbeziehung zweier weiterer Urteile des Marburger Landgerichts und des Kirchhainer Amtsgerichts gegen B wegen räuberischer Erpressung in einem besonders schweren Fall und wegen versuchter räuberischer Erpressung verhängt hat. C und D wurden wegen Beihilfe jeweils zu einer Freiheitsstrafe beziehungsweise Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt.

Zentrale Frage: War die Pistole geladen?

Für die gestrige Hauptverhandlung gibt der BGH B und dessen Verteidiger einen gewichtigen Hebel mit. Die Kammer soll laut BGH prüfen, ob die eingesetzte Pistole im Sinne des Gesetzes tatsächlich eine Waffe ist. Merkmal für eine Schreckschusspistole: Sie muss geladen und funktionsfähig sein.

B sagt aus, dass die Waffe nicht geladen gewesen sei. Man könne A keine geladene Waffe übergeben, sagt er und setzt sich damit in Widerspruch zu seiner Aussage vor der Polizei am 14. April 2013, als er auf ganzer Linie reinen Tisch machte und mit seinen Aussagen half, 18 Straftaten im Ostkreis aufzuklären.

A sagt im Zeugenstand, dass er die Waffe mit einer Knallkugel geladen habe, weiß aber nicht, wer ihm diese gegeben hat. Während seines Prozesses hatte er angegeben, von B eine geladene Waffe erhalten zu haben. Die Wirksamkeit der WaltherP 22 beschreibt ein Polizist, der früher Schießausbilder für Spezialkommandos der hessischen Polizei war. Die Waffe sei geeignet, schwerste Verletzungen bis hin zum Tod hervorzurufen, sagt der Fachmann. Ein weiterer Beamter bestätigt die Angaben Bs zur Munitionierung der Waffe. Solche Details würden wörtlich protokolliert, sagt er.

Kammer: Waffe war geladen und funktionstüchtig

Der Kammer reicht das, um B erneut wegen räuberischer Erpressung in einem besonders schweren Fall zu verurteilen. „Die Kammer hat keinen Zweifel daran, dass die Waffe geladen und funktionstüchtig war“, sagt Gernot Christ. Die Gesamtstrafe für die vollendete und versuchte räuberische Erpressung unter Einbeziehung des Kirchhainer und des Marburger Urteils: vier Jahre und neun Monate. Strafmildernd wertet die Kammer die Aussagebereitschaft Bs und die lange Verfahrensdauer.

D kommt mit einer richterlichen Ermahnung davon. D hätte nicht zu einer Jugendstrafe verurteilt werden dürfen, da Voraussetzungen wie schädliche Neigungen und die Schwere der Schuld fehlten. Bewährungshilfe und Jugendgerichtshilfe hatten D und C, die sich beide in der Berufsausbildung befinden, eine gute Entwicklung bescheinigt. Die Bewährungsstrafe für C wurde von zwei Jahren auf ein Jahr und neun Monate reduziert.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Matthias Mayer

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