Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Ein völlig entwurzelter Mensch

Gericht Ein völlig entwurzelter Mensch

Wegen "Verbreitung pornografischer Schriften" stand ein Kirchhainer vor dem Jugendgericht Kirchhain. Die eigentliche Straftat geriet während der Hauptverhandlung zur Nebensache.

Voriger Artikel
Mindestlohn lässt Fahrpreise steigen
Nächster Artikel
Schule feiert sich und ihre Vielfalt

Wegen "Verbreitung pornografischer Schriften" stand ein Kirchhainer vor dem Jugendgericht Kirchhain

Quelle: Thorben Wengert/pixelio.de

Kirchhain. Oberamtsanwalt Reinhard Hormel warf dem Angeklagten vor, am 27. September und am 1. Oktober 2014 einem 14-jährigen Mädchen über Whatsapp Fotos seines erigierten Penis geschickt zu haben.

Der heute 20-Jährige räumte den Tatvorwurf unumwunden ein. Er habe das Mädchen über Whatsapp kennengelernt. „Sie hat mir gegenüber ihr Alter mit 16 angegeben und mir Bilder von ihrem Intimbereich geschickt. Ich habe ihr Bilder von meinem Intimbereich geschickt“, erklärte er. Zu einem persönlichen Treffen mit der Jugendlichen sei es nie gekommen, auch wenn er sich dieses gewünscht hätte, führte er weiter vor Jugendrichter Joachim Filmer aus.

Damit war die Beweisaufnahme schon abgeschlossen. Die 14-jährige war als Zeugin nicht geladen worden, da diese während ihrer polizeilichen Vernehmung eingeräumt hatte, ihren Whatsapp-Partner über ihr wahres Alter getäuscht zu haben.

Viel schwieriger war für Joachim Filmer und Reinhard Hormel die Frage, wie mit dem Angeklagten umzugehen ist. Dieser erwies sich als völlig entwurzelter Mensch ohne Zuhause, ohne familiäre Bindung, ohne Ausbildung, ohne Arbeit, ohne eigenes Einkommen und derzeit ohne Perspektive.

Der Hauptschul-Absolvent gab an, eine Ausbildung nach eineinhalb Jahren „wegen schlechter schulischer Leistungen“ abgebrochen zu haben. Seitdem habe er keine Ausbildungsstelle mehr bekommen. Auch seinen Job als Regaleinräumer habe er verloren. Mit seiner Mutter und seinem Stiefvater sei er völlig zerstritten. Derzeit sei er mittellos und lebe bei Freunden und auf deren Kosten.

Kein Job, keine Wohnung, kein Geld, kein Rückhalt

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe berichtete von einer unsteten Jugend des Angeklagten, der ursprünglich im Haushalt seiner Mutter aufgewachsen sei. Die Mutter habe ihn mehrfach rausgeworfen; gleiches sei ihm bei seinem Stiefvater widerfahren.

Die Begleiterin des Angeklagten, die diesen derzeit ehrenamtlich sozialpädagogisch betreut, sprach von einer dramatischen Situation. Ihr Schützling dürfe noch nicht einmal besuchsweise zu seiner Mutter und zum Stiefvater kommen. Seine Anschrift beim Stiefvater sei eine reine Meldeadresse. Der junge Mann habe keinen Wohnsitz und beziehe deshalb auch keine staatlichen Leistungen und sei mittellos. Er wisse um seine persönlichen Probleme und Defizite und habe deshalb aus eigenem Antrieb das Jugendamt um Hilfe gebeten. Vergeblich, denn für den Heranwachsenden gebe es keine passenden Angebote. „Er muss dringend angedockt werden“, appellierte die Frau an das Gericht.

„Es besteht Hilfebedarf in großem Umfang“, konstatierte Jugendrichter Joachim Filmer, der sich außer Stande sah, eine Institution aus dem Hut zu zaubern, die den Wohnsitzlosen aufnehmen und voranbringen könne.

Da sich ein Mittelloser schlecht zu einer Geldstrafe verurteilen lässt, regte die Jugendgerichtshilfe für den Angeklagten die Teilnahme an einem sozialen Training an.

Diesen Gedanken griffen das Gericht und die Staatsanwaltschaft auf und verständigten sich darauf, das Verfahren vorläufig einzustellen und dem Angeklagten zur Festigung seiner Persönlichkeit die Teilnahme an einem viermonatigen sozialen Training der Jugendkonflikthilfe aufzuerlegen. Absolviert der Angeklagte diesen Kurs vollständig, ist die Sache erledigt. Besucht er den Kurs nicht oder bricht er ihn ab, wird neu verhandelt.

Das Urteil wurde sofort rechtskräftig.

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Von Redakteur Florian Lerchbacher

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr