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Ein tönender Beweis

Amtsgericht Ein tönender Beweis

Auch 25 Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Grenze ist das Ossi-Wessi-Denken noch nicht überwunden. Das zeigte ein Prozess vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

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Kirchhain. Ein 47-jähriger Handwerker aus dem Ostkreis saß auf der Anklagebank, weil er am 18. Mai seinen Nachbarn mit den Worten „Du dummer Ossi, du Arschloch“ beleidigt haben soll. Wegen dieses Vorwurfs war der Mann zunächst durch einen Strafbefehl zu einer Geldstrafe in Höhe von 35 Tagessätze à 25 Euro verurteilt worden. Gegen diesen Strafbefehl hatte er Einspruch eingelegt.

Der Angeklagte bestritt diesen Vorwurf: „Das habe ich nicht gesagt“. Vielmehr hielt er seinem Nachbarn vor, die Kündigung seiner Wohnung wegen Eigenbedarfs nicht verkraftet zu haben. Dieser habe fortan nur Stunk gemacht und bei jeder Gelegenheit quergeschossen, sagte er.

Das Opfer der Verbalinjurien, ein 31-jähriger Mann, sagte jedoch im Zeugenstand etwas ganz anderes aus. Am besagten Tag habe der Angeklagte sein Auto zweimal zurückgesetzt und so für ihn die Auffahrt zum Haus blockiert. Die vorsätzliche Parkmanöver habe er fotografiert, woraufhin er von dem Angeklagten als „Mietnomade“ beschimpft worden sei. Der Streit sei dann im Hausflur fortgesetzt worden, sagte der Zeuge, der dann zur Überraschung des Angeklagten einen tönenden Beweis aus der Tasche zauberte und den Mitschnitt des Streitgesprächs von seinem Handy abspielte. Darauf war zumindest die Beleidigung „Du dummer Ossi“ deutlich zu verstehen.

Dem Angeklagten reichte das nicht, worauf die Komplimente gefährlich tief durch den Gerichtssaal schwirrten. „Du kannst auch mal was zugeben“, herrschte der Zeuge den Angeklagten an. „Bezahl du erst mal deine restliche Miete“, konterte dieser. „Es ist alles bezahlt“, hallte es zurück. „Es geht nicht nur um die Miete, sondern auch um die großen Schäden, die du im Haus angerichtet hast“, gab der Angeklagte zurück. „Die Schäden gab es schon vorher, die habe ich beim Einzug fotografiert“, feuerte es aus dem Zeugenstand zurück. „Du hast die Hunde mit Steinen beworfen“, schlug der Angeklagte ein neues Kapitel der feindseligen Konversation auf, die Richter Joachim Filmer abrupt beendete.

Er verlas das Vorstrafenregister des Angeklagten, das - obwohl übersichtlich - tief blicken ließ: Eine Verurteilung wegen Betrugs 2006 und zwei Verurteilungen wegen Beleidigungen aus den Jahren 2013 und 2014. „30 Tage nach Ihrer letzten Verurteilung wegen Beleidigung sind Sie wieder einschlägig tätig geworden“, stellte Joachim Filmer fest und riet dem Mann, seinen Einspruch gegen den Strafbefehl zurückzuziehen.

Der Angeklagte lehnte das trotz der Beweislage ab und machte aus seinem persönlichen Problem das des Gerichts: „Woher wollen Sie das Geld für die Bezahlung meiner Strafe nehmen - bei meinem Einkommen von 880 Euro?“ Seine Frage entbehrt nicht einer gewissen Originalität. Die prompte Antwort des Richters, dass er die Geldstrafe auch abarbeiten oder in 35 Tagen Strafhaft absitzen könne, entsprach so gar nicht den Vorstellungen des Angeklagten. Er blieb bei seiner Haltung.

Das veranlasste die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft, eine Geldstrafe in Höhe von 45 Tagessätzen à 25 Euro wegen Beleidigung zu beantragen. Dem folgte das Gericht im Urteil. „Sie haben das Geschehen mit Ihrem Parkmanöver provoziert und den Geschädigten dann in alter Manier beleidigt. Das Geschehen passt zu Ihnen“, stellte Filmer fest.

von Matthias Mayer

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