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Ein schneller Ruck und großes Hundeleid

XXL Ein schneller Ruck und großes Hundeleid

Ob Pferd oder Hund, dem XXL-Ostfriesen Tamme Hanken genügt oft ein Blick auf den Bewegungsapparat, es folgt ein resoluter Ruck, ein flotter Spruch und fast jeder Tierhalter verlässt mit einem Lächeln das Freiluft-Behandlungszimmer.

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Mit einem resoluten Griff öffnet Tamme Hanken das Maul von Ulrich Schmidts Pferd und erkennt einen Mangelschaden. Die Fehlstellung von Pointer „Hermes“ untersucht er mit den Händen.
Fotos: Karin Waldhüter

Kirchhain. Tamme Hanken schaut und hört genau hin: „Zeig mir den Gang Deines Pferdes und ich sage dir, was Du für Mucken hast“, erklärt der als XXL-Ostfriese bekannte Chiropraktiker und bittet Ulrich Schmidt, der aus Kirtorf-Wahlen nach Kirchhain gekommen ist, sich gleich neben seinen Appaloosa „Camels-Sleepy-Son“ zu stellen. Denn die Körperhaltung des Reiters wirke sich auf den Rücken des Tieres aus.

Schon bei der Vorführung hat der 2,06 Meter große Ostfriese einen Doppelklang der Hufe gehört. Noch ein Blick ins Maul des Tieres, ein Streichen über den Rücken, ein Blick auf den Sattel, ein explosiver Ruck am Hinterlauf und Tamme Hanken wendet sich dem Halter zu. 180 Euro muss Ulrich Schmidt für die Behandlung seines Pferdes bezahlen. „Ich denke, es hat sich gelohnt“, sagt er überzeugt.

Zum zweiten Mal in diesem Jahr ist Tamme Hanken zu Gast beim Kirchhainer Reit- und Fahrvereins Ohmtal. Während beim ersten Besuch ein Riesenandrang und Volksfeststimmung herrschte, haben heute nur etwa 50 Besucher den Weg auf das Gelände des Reit- und Fahrvereins gefunden und sechs Pferde und 26 Hunde stehen auf der Behandlungsliste. Im Januar waren es allein 20 bis 25 Pferde und alle Termine waren ausgebucht. „Die Nachfrage war damals so groß, dass wir uns entschieden haben noch einen weiteren Termin anzubieten“, berichtet der Vorsitzende des Reitvereins Helmut Neyses.

Eine bewegende Vorgeschichte endet an diesem Tag bei Tamme Hanken. Der Leidensweg, den Pointer „Hermes“ mit seinen Besitzern Isolde und Wilfried Reinhard von Bracht-Siedlung nach Kirchhain geführt hat, ist lang und beginnt in der Türkei. Als erstes fallen die verkrümmten Vorderpfoten des Pointers ins Auge. „Wir vermuten, dass die Vorderbeine des Hundes zusammengebunden wurden“, berichtet das Ehepaar das auch „Setti“, ihren blinden Irish Setter, mitgebracht hat.

„Hermes“ ist einer von vier Hunden, die das Paar aus einem Tierheim in türkischen Manavgat, befreit hat. Während eines Urlaubs im vergangen Jahr erschütterten die Verhältnisse in dem türkischen Tierheim die beiden Brachter. Als Sofortmaßnahme kauft das Paar zunächst Futter für die abgemagerten und mit Wunden übersäten Tiere. Eine Intervention beim örtlichen Bürgermeister bleibt ohne Ergebnis. Schließlich beschließen die Eheleute, drei Hunde aus dem Tierheim mit nach Deutschland zu nehmen. Auf der Straße finden sie noch einen Welpen, den sie ebenfalls zur Quarantäne für vier Monate in ein Tierhotel unterbringen. Für Impfungen, Blutuntersuchungen, Tierhotelkosten und Flug nimmt das Ehepaar Kosten in Höhe von 4 000 Euro auf sich.

„Wenn man wie ich mit 30 Jahren zum Sterben nach Hause geschickt wird, da hat man gelernt, dass Gott nicht die Kirche, sondern das Gott in uns selber ist“, erklärt der 67-jährige Tierliebhaber seine Motivation. Drei der geretteten Tiere haben ein neues Zuhause gefunden. Nur für „Hermes“ hat sich noch kein neues Zuhause gefunden. Er lebt gemeinsam mit drei weiteren Hunden und drei Katzen bei Familie Reinhard.

Auch heute noch sieht man „Hermes“ die Spuren der Misshandlungen an. „Heimatland“, entfährt es Tamme Hanken beim Anblick des Tieres. „Ihr seid liebe Leute, wenn ihr Hunde vor einem solchen Dasein rettet“, würdigt Tamme Hanken die Rettungsaktion und rät, statt Trockenfutter „Hermes“ mit Pansen und „Essen das zu Hause anfällt“, zu füttern. Weiter diagnostiziert er einen Eisenmangel und befürchtet, dass die Fehlstellung der Vorderpfoten zu Arthrose führen könnte.

von Karin Waldhüter

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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