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Ein mutiger Start auf dem Rad

Integration Ein mutiger Start auf dem Rad

Aufsteigen und los. Niemand hätte gedacht, dass es so einfach geht. Dank voll entwickeltem Gleichgewichtssinn erlernen Erwachsene das Radfahren leichter als Kinder,  wie eine Gruppe von muslimischen Frauen beweist.

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Die 38-jährige Zübeyde Çakır fährt erstmals Fahrrad und legt ein tolles Tempo vor. Muslimische Frauen könne in Stadtallendorf nun Radfahren lernen.

Quelle: Foto: Nadine Weigel

Stadtallendorf.  Sie sind als Kinder oder Jugendliche zuletzt Rad gefahren – oder sogar noch nie. Für viele Frauen aus dem muslimischen Kulturkreis ist das Fahrrad kein alltägliches Fortbewegungsmittel. Doch jetzt wagen sie es, steigen auf und fahren los. Unter fachkundiger Anleitung eröffnen sich für zwölf Frauen in Stadtallendorf seit dieser Woche neue Freiheiten.

 

Ein Kurs mit zehn Übungseinheiten hat auf dem Platz der Jugendverkehrsschule begonnen. Mobil dank Rad, eigenständig unterwegs und mit gestärktem Selbstvertrauen – so der Ansatz des Kurses, der ein Gemeinschaftsprojekt des Sportkreises Marburg-Biedenkopf, des Landkreises und des Programms „Integration durch Sport“ der Sportjugend Hessen ist.
Wie lernt man eigentlich Rad fahren? Und warum lernen Erwachsene es wohl schneller und besser als Kinder? „Es ist so ähnlich wie beim Schwimmen“, erklärt Polizeioberkommissar Hubert Alexander von der Jugendverkehrsschule des Polizeipräsidiums Mittelhessen und ist selbst überrascht von dem, was er heute beobachten kann. „Wenn die Angst erst überwunden ist, dann geht‘s und man kann es ruckzuck“, erläutert er und hilft einer seiner Fahrschülerinnen bei den Bremsübungen. „Wenn Sie nach hinten treten, bleibt das Rad stehen“, warnt er.

Durch das Rad mehr Mobilität gewinnen

Gleichgewichtsübungen, Kräftigungsübungen, Laufradeln, sicheres Aufsteigen und Anfahren, Lenken und Ausweichen, Schalten, Bremsen, Absteigen und natürlich die Verkehrsregeln – all das gehört zu den Trainingseinheiten der Frauen. Am ersten Übungstag geht es darum, zunächst ein Gefühl für das Fahrrad zu bekommen. Neben Hubert Alexander trainiert die Sportlehrerin Bedra Nurrenklida mit den Frauen, hilft beim Aufsteigen, läuft nebenher, wenn die ersten Fahrversuche noch wackelig sind.

„Ich fühle mich wie ein Kind“, sagt die 37-jährige Ebru Hamurcu und strahlt. Ihr Freund hat sie motiviert, an dem Kurs teilzunehmen. Zuletzt saß sie als Kind auf einem Rad, deshalb sei jetzt alles neu, berichtet sie und braust schon wieder davon.
Die Idee zum Kurs stammt von der türkisch-stämmigen Stadtallendorferin Zehra Demir. Die 42-Jährige ist Sportlotse des Sportkreises Marburg-Biedenkopf und verbindet diese Funktion mit ihrer Arbeit im Büro für Integration. „Rad fahren hat mit selbst immer begeistert“, erzählt Demir. „Ich selbst habe spät angefangen, dann wieder aufgehört und alles verlernt, wie ich feststellen muss.“ Jetzt will sie zusammen mit den anderen Frauen erneut das Radfahren erlernen. „Das zu können, das bedeutet mobil zu sein, unterwegs sein zu können in der Natur – das macht Spaß“, sagt sie und schwärmt davon, wie schön es sei, wenn ganze Familien zusammen Radtouren unternehmen.

Fahrradtour zum Abschluss

Mitradeln können, wenn Ehemann und Kinder auf Tour gehen – das ist auch für die 38-jährige Zübeyde Çakır. Sie sitzt heute erstmals auf dem Rad und fährt. Und wie sie fährt. In einem tollen Tempo. Bremsen geht noch nicht so richtig, deshalb springt sie mit beiden Füßen voraus beherzt vom Sattel, wenn sie stehenbleiben will. Frühere Versuche, ein Rad zu besteigen sind gescheitert, jetzt klappt es und Zübeyde Çakır strahlt übers ganze Gesicht. „Es ist superschön, es ist noch schöner als Autofahren“, sagt sie und lacht. „Mein Mann hat mich immer wieder damit geärgert, dass ich nicht Fahrrad fahren kann. Jetzt kann ich es und freu mich sehr auf die Radtouren mit meinen Kindern.“

Zum Start des Radkurses waren Dr. Thomas Weyrauch von der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus Gießen und der Landeskoordinator des Programms „Integration durch Sport“, Frank Eser aus Frankfurt, nach Stadtallendorf gekommen. Für sie steht der integrative Aspekt des Kurses im Vordergrund. „Solche Kurse sind immer etwas Besonderes. Das Selbstvertrauen wird gestärkt und die Frauen können sich selbständiger in der Gesellschaft bewegen.“ Solange der Kurs läuft, sind die Frauen mit Fahrrädern versorgt. Die Jugendverkehrsschule stellt ihre Bikes zur Verfügung, ein Radgeschäft unterstützt das Angebot und einige Bürger haben Fahrräder gespendet. Für Zübeyde Çakır steht schon nach der ersten Übungseinheit fest, dass sie sich ein eigenes Rad anschaffen wird. Wenn der zehnteilige Kurs erst vorüber ist, können die Teilnehmerinnen den Fahrrad-Führerschein erwerben. Und zum Abschluss ist ein gemeinsamer Fahrradausflug geplant. Im kommenden Jahr wollen die Initiatoren das Training erneut anbieten.

von Carina Becker

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