Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Ein klares Lob geht auch ohne Worte

Intensivklassen Ein klares Lob geht auch ohne Worte

Zunächst geht es um einfache Worte und ihre Bedeutung, erst später um Grammatik für die Kinder der immer größer werdenden Intensivklasse an der Stadtallendorfer Grundschule II.

Stadtallendorf. Das Wort „Fenster“ steht unter dem Fenster im Raum der Intensivklasse, Heizkörper, Spiegel oder Fensterbank sind ebenfalls mit Beschriftungen versehen. Gerade haben die 13 Schüler an diesem Morgen angefangen, die Bezeichnungen der zwölf Kalendermonate kennenzulernen. Die Kinder kommen aus Mazedonien, der Ukraine, aus Syrien und Afghanistan. Sie sind Flüchtlinge, die die deutsche Sprache erlernen. Einige von ihnen sind schon drei Monate im Intensivunterricht, andere sind gerade hinzugestoßen. Auf zwei weitere Kinder wartet Lehrerin Anika Sika-Landmesser noch. Sie sollen bald in Stadtallendorf ankommen, sind mit ihren Familien aus Afghanistan geflohen, können, das weiß die Grundschule II bereits, weder lesen noch schreiben. So sieht die Ausgangssituation zu Beginn dieses Schuljahres aus. Und Rektorin Elfriede Wollmer geht davon aus, dass weitere Kinder bald hinzukommen. Aktuell stehen 19 Kinder auf der Liste der Intensivklasse. „Das ist schon die Grenze, bei der wir eine zweite Klasse werden einrichten müssen“, sagt Wollmer im Gespräch mit der OP.

Bei allen Unterschieden: Die Kinder, die die Klasse besuchen, lernen hörbar erfolgreich. Am Ende der Unterrichtsstunde steht ein Spiel. Die Kinder sitzen im Kreis, Lehrerin Sika-Landmesser mittendrin. Sie reicht Zettel mit Symbolen herum, mit einem Doktor oder einem Lehrer darauf. Dann gilt es, gemeinsam einen Satz aufzusagen: „Lehrer, Doktor, Polizist, sag, wann Dein Geburtstag ist.“ Er kommt den Kindern flüssig von den Lippen. Ihre Lehrerin ist nach den ersten Unterrichtstagen zufrieden. „Die Kinder sind alle sehr lieb“, sagt sie.

Anika Sika-Landmesser hat die Intensivklasse in diesem Schuljahr übernommen. Vorher hatte eine Lehrerin, die Deutsch als Fremdsprache auch studiert hatte, die früheren Intensivkurse geleitet. Doch sie hat keinen neuen Vertrag bekommen. „Ich muss mir aneignen, was ich brauche“, sagt die Klassenlehrerin. Ein wenig sei dies, wie von null auf hundert.

Während sie sich leise am Rande des Unterrichts mit der OP unterhält, geht Leonie Ulrich von Kind zu Kind. Sie absolviert an der Südschule gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) und unterstützt Landmesser. Wie viel Deutsch die Kinder bereits können, ist sehr unterschiedlich. Bei manchen sei zu merken, dass die Eltern schon einige Worte Deutsch sprächen und länger im Lande seien. Andere Kinder fangen im wahrsten Sinne bei null an. Pavel spricht aber zumindest Englisch. So wird er auch mal zum Dolmetscher für zwei syrische Mädchen. Ansonsten nimmt Anika Sika-Landmesser auch mal die Hände zu Hilfe. Als sie Kindern zeigen will, dass sie ordentlich aufgeräumt haben, zeigt sie mit dem Daumen nach oben. Die beiden Mädchen freut das. Sie lächeln etwas verlegen.

Kein System im System

In der Vergangenheit hatte die Grundschule II den Intensivunterricht auch für Kinder aus Nachbarstädten angeboten. Das Schulamt hat die Zahl der Intensivklassen aber zwischenzeitlich erhöht (die OP berichtete). Es kämen aber noch Kinder aus Neustadt nach Stadtallendorf, sagt Schulleiterin Wollmer. Die Grundschule II nimmt vor allem Flüchtlingskinder aus dem gesamten Stadtallendorfer Stadtgebiet auf. Wobei der größte Teil der Kinder aus dem direkten Einzugsgebiet der Schule kämen, erklärt Elfriede Wollmer. Mit Integration hat die Grundschule II in Stadtallendorf jahrzehntelange Erfahrung. Dennoch, die jetzige Situation ist etwas Neues. „Wir wissen nicht, wie viele Kinder es in diesem Schuljahr noch werden“, erläutert Wollmer. Manches wird auch von Zufällen abhängen, etwa, ob weitere größere Flüchtlingsfamilien nach Stadtallendorf kommen. Vor drei Jahren begannen an der Grundschule II erste Intensivkurse für Flüchtlingskinder, am Anfang mit sechs Schülern. Ohne solche Angebote ginge es überhaupt nicht, macht Wollmer klar. Natürlich frage sich die Schule, ob die Ressourcen ausreichen werden. „Das Schulamt gibt uns, was ihm möglich ist“, antwortet sie auf eine Frage nach der ausreichenden Unterstützung.

Doch wie geht es angesichts steigender Flüchtlingszahlen weiter? Elfriede Wollmer hält es auf die Dauer für unvermeidlich, an allen Grundschul-Standorten derartige Intensivklassen einzurichten. Sie hält es für eine Integration der Kinder auch wichtig, dass sie Zug um Zug auch reguläre Klassen besuchen, zumindest stundenweise, denn ein „System im System“ sollte es nicht geben.

Nach der Unterrichtsstunde bei Anika Sika-Landmesser frühstücken die Kinder gemeinsam. Pavel packt seinen kleinen Rucksack. Er geht jetzt zum Sport. Auf die Frage, ob ihm das Spaß macht, strahlt er und nickt.

von Michael Rinde

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostkreis