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Ein früher Wetterfolg fixt an

Spielsucht Ein früher Wetterfolg fixt an

Mit einer „Bodenzeitung“ hatten Experten in der Stadtallendorfer Stadtmitte für das Thema „Sportwetten - riskant oder nicht?“ sensibilisiert. Sie stießen auf großes Interesse bei Passanten.

von Michael Rinde

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Dieter Schmitz und Lydia Berthold weisen auf die „Bodenzeitung“, die Passanten dazu animierte, sich mit Sportwetten etwas näher auseinanderzusetzen. Foto: Michael Rinde

Stadtallendorf. Mit rund 120 Betroffenen war Dieter Schmitz, Fachberater in Sachen Spielsucht allein im vergangenen Jahr wegen ihrer akuten Problem kreisweit im Gespräch. Zwar bleibt das klassische Glücksspiel am Automaten in Spielhalle oder Gaststätte das Problem Nummer eins. Doch Sportwetten gewinnen beim großen Komplex Spielsucht zunehmend an Bedeutung. Das ist nicht nur eine statistische Aussage, es entspricht auch dem Erfahrungswert von Dieter Schmitz vor Ort. „Dabei geschieht es häufig, dass Spielsüchtige sowohl am Automaten Geld verlieren als auch permanent Sportwetten am Laufen haben“, betont er im Gespräch mit der OP.

Für ihren jüngsten Aktionstag hatten die Hessische Landesstelle gegen die Suchtgefahren und die Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werkes Oberhessen, die Frage formuliert, ob Sportwetten ein Risiko darstellen. Aus der Berater-Erfahrung heraus ist das eine rein rhetorische Frage. In 13 hessischen Städten gab es den Aktionstag. Darunter war auch Stadtallendorf. Schmitz und Lydia Berthold standen zwei Stunden lang in der Stadtmitte, vorher waren sie in Schwalmstadt. Zu ihren Füßen lag eine „Bodenzeitung“, Passanten sollten mit Klebepunkten dort gemachte Aussagen befürworten. Darunter befand sich auch die Aussage „Wer durch Glückspielen Probleme bekommt, ist selber schuld“. Doch dem ist beileibe nicht so, wie Schmitz verdeutlicht. Denn Spielsucht geht bei der überwiegenden Zahl der Betroffenen mit anderen persönlichen Konflikten oder Sorgen einher. Darin unterscheidet sich die Spielsucht nicht von anderen Suchterkrankungen.

Rund 50 Passanten, so schätzt Schmitz, ließen sich in Stadtallendorf auf ein Gespräch ein, informierten sich über Sportwetten und das Problem Spielsucht.

Einige Zahlen verdeutlichen das Ausmaß des Problems Spielsucht: Nach der jüngsten Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gab es im vergangenen Jahr im Landkreis rund 2400 „problematische und pathologische Glücksspieler“. Bundesweit machten Sportwett-Anbieter im Jahr 2012 rund 6,8 Milliarden Umsatz.

Häufig sind es die kleinen Erfolgserlebnisse bei der Wette im Verein, die Jugendliche mit der Sportwette in erste Berührung bringen. Dieter Schmitz weiß aus seiner Arbeit, dass die späteren großen Erfolgserlebnisse mitunter der Auslöser für den Gang in die Spielsucht sein können. So gewann ein Betroffener mit dem Einsatz von einem Euro auf einen Sieg seines Bundesligavereins 1000 Euro auf einen Schlag. „Fortan war er angefixt“, sagt Schmitz. Wer der Sportwette verfallen sei, der steige immer tiefer in das Geschehen ein, verbringe Nächte damit, um Informationen für die Wetten zu sammeln. „Ein Süchtiger muss ständig etwas am Laufen haben“, sagt Schmitz. Das kann am Ende die wirtschaftliche Existenz kosten oder einen Betroffenen sozial isolieren.

In Stadtallendorf gibt es derzeit zwei Annahmestellen für Sportwetten. Die jüngste in der Niederkleiner Straße ist umstritten. Sie eröffnete im November vergangenen Jahres. Betreiber „Tipico“ kämpft aktuell um eine der 20 bundesweiten Lizenzen vor Gericht (die OP berichtete). Stadt und Landkreis hatten nach Wegen gesucht, die Annahmestelle zu verhindern. Der Versuch, auf der baurechtlichen Schiene eine Schließung zu erreichen, scheiterte, weil der Betreiber nachbesserte. Eine Option, diese Sportwetten-Annahme doch noch schließen zu können, bliebe jetzt nur noch, wenn „Tipico“ die Genehmigung am Ende tatsächlich vom Land verweigert wird. „Sollte sich die Chance ergeben, dass wir das tun können, dann werden wir das auch machen“,betont Bürgermeister Christian Somogyi. Schmitz begrüßt es, dass Städte und Gemeinden, darunter Stadtallendorf und Kirchhain, die Spielapparate-Steuer angehoben haben. Auch die Möglichkeit, dass sich Spieler seit 2012 bundesweit für Glücksspielgeräte in Spielhallen sperren lassen können, sei eine Hilfe.

von Michael Rinde

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