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Ein Windrad ist komplett in Bürgerhand

Energiewende Ein Windrad ist komplett in Bürgerhand

Zahlreiche Windräder drehen sich bereits rund um Neustadt. Die neuesten vier stehen im Wald bei Mengsberg. Am Trillrodt und am Dreiherrenstein dürfen indes nun weniger Anlagen entstehen, als einst geplant worden war.

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Im Wald bei Mengsberg drehen sich vier neue Windräder – eines davon befindet sich komplett in Bürgerhand.Foto: Florian Lerchbacher

Neustadt. Ein Windrad statt derer zwei am Trillrodt und vier statt sechs am Dreiherrenstein (zwischen Neustadt und Arnshain) –so lauten die neuen Pläne der Energiegenossenschaft Vogelsberg und von Rudewig Windpower. Aus Gründen des Naturschutzes sind die Vorhaben geschrumpft, dafür sollen die neuen Anlagen höher und effizienter werden, wie Mengsbergs Windkraft-Guru Michael Rudewig auf Nachfrage dieser Zeitung berichtet. Er plant nun mit Windrädern, die 230 Meter hoch sind und eine Leistung von 4,2 Megawatt haben.

Die Projekte seien allerdings trotz des abgesegneten Teilregionalplans Energie Mittelhessen noch lange kein Selbstläufer, ergänzt er: „Wir müssen erst mal die Genehmigung vom Regierungspräsidium bekommen. Wenn wir die haben, dürfen wir an der Ausschreibung teilnehmen und uns bei der Bundesnetzagentur bewerben.“ Was folge sei ein „kompliziertes Bieterverfahren“, das vier Mal im Jahr stattfinde und bei dem quasi der Reihe nach die Anlagen mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis zum Zuge kommen.

Das Genehmigungsverfahren ist, so Rudewig, für den frühen Sommer geplant – für den zwischen Erksdorf und Neustadt liegenden Trillrodt gibt es sogar ein förmliches Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung, weil in diesem Bereich mehr als 20 Windräder stehen und dies somit als Windpark gilt. Ziel sei es, die Projekte in der zweiten Hälfte des Jahres 2018 umzusetzen.

Die Proteste gegen die Windkraft halten sich rund um Neustadt jedenfalls in Grenzen. Lediglich gegen die vier Windräder im Wald bei Mengsberg, für die es aus der Nachbarkommune Kritik gehagelt hatte, gab es mit 37 Anträgen überdurchschnittlich viele, wie Thorsten Haas, der stellvertretende Pressesprecher des Regierungspräsidiums, mitteilt. Er sei „fleißig beklagt worden“, erklärt Rudewig. Vier Hauptverfahren seien noch offen – Bedenken rund um die vier Anlagen, die sich bereits drehen, habe er aber keine, erläutert er und verweist auf acht gewonnene Eilverfahren.

Einwände blieben erfolglos

Zum Trillrodt gab es mit zwölf Stück nur „wenig bis durchschnittlich“ viele Anträge.

Am Dreiherrenstein gab es mit sechs Anträgen nur wenige, wie Haas mitteilt. Ein kleiner Teil des Windvorranggebietes, das sich in einer Flora-Fauna-Habitat-Schutzzone befindet, wurde aus dem Teilregionalplan gestrichen.

Der Neustädter Clemens Zinser hatte die Ablehnung des Gebiets gefordert und eine „Umzingelung“ der Stadt mit Windrädern kritisiert. Er führte zudem an, die Stadt „ersticke“ am Durchgangsverkehr und werde in Zukunft durch die Autobahn 49 zusätzliche Umweltbelastungen ertragen müssen. Noch dazu gab er an, Neustadt sei durch 120 Asylbewerber und die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (er schrieb von mindestens 1200 Personen – wobei dies die maximale Kapazität der Einrichtung ist), die sich in der Stadt bewegten, dauerhaft belastet. Deswegen hätten die Bürger ein Recht auf ein unbeeinträchtigtes, stadtnahes Schutz- und Erholungsgebiet „Unter den Tälern“. Diese Einwände hätten zu keiner Änderung geführt, heißt es aus dem Regierungspräsidium mit dem Zusatz: „Das Gebiet war in dieser Ausdehnung bereits Gegenstand der ersten Offenlage. Damals hatte sich Herr Zinser übrigens nicht geäußert.“ Neustadts Bürgermeister Thomas Groll kommentierte Zinsers Einlassung mit dem Hinweis, dass jedes Thema kontrovers diskutierbar sei. „Aber man sollte aufpassen, mit was für Themen man dies verknüpft“, sagte er mit Verweis insbesondere auf die Flüchtlinge aber auch der Autobahn.

Städtische Einnahme sinkt

Die Stadt wird übrigens über die Windenergie durch das Schrumpfen der Pläne weniger Einnahmen aus Pacht und Einspeisevergütung generieren – dank der leistungsstärkeren Anlagen hält sich der „Verlust“ jedoch in Grenzen: Beim Dreiherrenstein rechnet sie statt ursprünglich 150000 Euro „nur“ noch mit jährlich 140000 Euro – beim Trillrodt geht sie von 35000 statt 50000 Euro aus. Platz für weitere Anlagen auf Neustädter Gebiet sieht der Bürgermeister nicht.

In Sachen „Bürgerbeteiligung“ an Dreiherrenstein und Trillrodt erklärt Rudewig, dass diese von seiner und Seiten der Energiegenossenschaft Vogelsberg weiterhin ermöglicht werden soll: „Wir müssen sehen, zu welchem Preis wir beim Verfahren der Bundesnetzagentur den Zuschlag bekommen und welche Rendite wir anbieten können.“

In seiner Heimat Mengsberg gibt es jedenfalls eine Besonderheit. Dort befindet sich ein Windrad komplett in Bürgerhand. Er hatte Waldinteressenten, Mengsbergern und gebürtigen Mengsbergern die Möglichkeit gegeben, sich zu beteiligen: 65 Personen im Alter von 3 bis 83 Jahren machten davon Gebrauch. Sie mussten mindestens 2500 Euro anlegen – ein bewusst niedrig angesetzter Betrag, wie Rudewig einwirft. Maximalbetrag waren 75000 Euro. So seien 1,2 Millionen Euro an Eigenkapital zusammengekommen, den Rest habe eine Bank vorgestreckt, freut sich Rudewig über die gute Resonanz auf seine Idee. Er hatte extra die Genossenschaft „Bürgerwindenergieanlage Mengsberg“ gegründet: „Oft sind es nur Anteile, aber hier befindet sich ein komplettes Windrad in Bürgerhand.“

von Florian Lerchbacher

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