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Ein Termin, zwei Spaten, drei Projekte

Energiewende Ein Termin, zwei Spaten, drei Projekte

Gleich drei Projekte auf einmal wurden gestern in Erfurtshausen in Angriff genommen. Insgesamt verbauen die Energie-genossen und die Stadt Amöneburg knapp vier Millionen Euro.

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Heinrich Keßler ist der „Kümmerer“ der Energiegenossen. Hier steht er vor einer Karte mit der geplanten Netz-Trasse.

Erfurtshausen. 114 von 180 Gebäuden lassen sich an das Nahwärmenetz der Energiegenossenschaft anschließen. Die Bewohner profitieren gleich doppelt von dem Entschluss, sich an dem Projekt zu beteiligen: Neben kostengünstiger Wärme bekommen sie bald auch pfeilschnelles Internet, denn die Energiegenossen lassen in Kooperation mit den Stadtwerken Marburg auch gleich noch Glasfaserkabel unter der Erde verschwinden. Wer sich (bisher) nicht zum Anschluss ans Netz entschlossen hat, der könnte zumindest von dem Internet-Projekt profitieren, denn dort, wo kein Glasfasernetz verlegt wird, kommen Leerrohre hin, um zumindest die notwendigen Voraussetzungen für einen schnellen Zugang in die virtuelle Welt zu schaffen.

Fast sechs Kilometer lang wird die Trasse, die unter der Erde verschwindet und an der Biogasanlage von Rudi und Martin Schick beginnt. Fast drei Millionen Euro investieren die Genossen in das Netz, die Hausanschlüsse und die Nahwärmezentrale mit zwei Holzhackschnitzelkesseln, die in einer alten Halle entstehen soll.

Auf das Verbrennen von rund 350000 Liter Heizöl jährlich können die Erfurtshäuser dank der Nahwärme künftig verzichten - wodurch etwa 850 Tonnen Kohlendioxid weniger in die Luft geblasen werden. Stattdessen nutzen die Energiegenossen rund drei Millionen Kilowattstunden von der Biogasanlage - eigentlich sind es sogar 3,75 Millionen Kilowattstunden, doch etwa ein Viertel der Wärme geht auf dem Weg von der Anlage zu den Abnehmern verloren.

Die Energiegenossen nutzen künftig also das „Abfallprodukt“ Wärme von der Biogasanlage. Ebenfalls als eine Art „Abfallprodukt“ bezeichnete Bernd Riehl vom Vorstand der Energiegenossenschaft die Verlegung des Glasfasernetzes - auf die Idee seien die Erfurtshäuser eher durch Zufall gestoßen. Allerdings animierte dieses zusätzliche Plus noch einige Bürger, sich doch ans Nahwärmenetz anzuschließen. Die Zahl der Anschlüsse ist seit der Gründung der Genossenschaft noch einmal von 88 auf 114 gestiegen.

Amöneburgs Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg betonte in diesem Zusammenhang, dass Erfurtshausen oft als „am Rande des Kreises liegende Ortschaft“ bezeichnet werde. Dies sei aber falsch: „Das Dorf liegt ganz weit vorne!“ Unter den Bürgern habe sich nach der größtenteils in Eigenleistung erledigten Sanierung des Dorfgemeinschaftshauses eine Dynamik entwickelt, die beinahe schon beängstigend sei und nun in dem Doppelprojekt gipfele an das sich die Stadt anschloss: In Ring- und Hauptstraße lässt die Kommune den Kanal erneuern. „So zeigen wir, dass alle an einem Strang ziehen“, sagte er, betonte jedoch, dass der Kanal tiefer liegen werde als das Nahwärmenetz. Daher werde dieser als erstes verlegt - und nicht alles in einem Aufwasch.

„Sie packen Sachen an, die auf die Zukunft ausgerichtet sind. So sorgen Sie dafür, dass der Ort attraktiv bleibt - für die Bewohner aber auch für die, die nach- oder dazukommen wollen“, lobte Kreisbeigeordneter Dr. Karsten McGovern: „Die Gemeinschaft wächst noch weiter, und der ländliche Raum wird noch attraktiver.“

Voll des Lobes war auch Erhard Müller, der Vorsitzende der Genossenschaft. Er erinnerte während des gestrigen Festaktes im Bürgerhaus zunächst an die Entstehungsgeschichte der Idee für ein Nahwärmenetz und die sukzessive Weiterentwicklung bis hin zur Umsetzung. Dabei ließ er auch nicht den Ölpreis außer Acht, der in 30 Jahren von etwa 30 auf 80 Cent gestiegen sei. Dann zollte er zunächst Architektin Ivonne Linne größten Respekt für ihre Vorarbeiten und hob hervor, dass die Energiegenossen ohne die Bürgschaft der Stadt ihre Kredite nicht zu den „sehr günstigen Bedingungen“ bekommen hätten. Besonders lobte Müller allerdings Heinrich Keßler, der zwar weder in Aufsichtsrat noch Vorstand der Genossen sei, aber alles wisse und sich um alles kümmere. Falls also Probleme während der Bauarbeiten auftreten, sollten sich Bürger nicht bei den Arbeitern beschweren sondern beim Vorstand - oder eben bei Keßler, der nun auch den Ehrentitel „Kümmerer“ trage.

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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