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Ein Projekt von Bürgern für Bürger

Bürgerhilfe Ein Projekt von Bürgern für Bürger

Das Projekt ist bisher einzigartig im Landkreis, sollte aber Vorbildcharakter haben: Zum Jahresbeginn nahm die Bürgerhilfe Amöneburg ihre Arbeit auf. Schaltzentrale ist das Schwesternhaus Mardorf.

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Ingelore Falkenberg und Martin Kewald-Stapf sind zwei der
Bürgerhelfer, die sich in Amöneburg um ihre Mitmenschen kümmern.
Im Hintergrund ist das
Schwesternhaus
zu sehen – die
Schaltzentrale
des Projektes.

Amöneburg. „Ich habe jahrelang meinen Mann gepflegt. Ich weiß, was es bedeutet, wenn man Entlastung braucht“, sagt Elisabeth Rhiel-Stempfle und erklärt so, warum sie sich als Bürgerhelferin zur Verfügung stellt. Es sind die alltäglichen Dinge, bei dem die Mitarbeiter des Projektes die Senioren und hilfsbedürftigen Menschen unterstützen wollen: beim Zubereiten von Mahlzeiten, beim Lesen der Zeitung, beim An- und Ausziehen oder beim Spaziergehen. Sie übernehmen „niederschwellige“ Aufgaben, um die sich professionelle Pflegedienste nicht kümmern können - Kleinigkeiten, die jedoch das Zünglein an der Waage sein können bei der Frage, ob ein Mensch ins Senioren- oder Pflegeheim muss oder weiter in der häuslichen Umgebung bleiben kann.

„Das ist ein spannendes Projekt. Eins, das die Zukunft aufzeigt, denn irgendwie so muss es gehen: mit einer Mischung aus professionellen Diensten und semiprofessioneller Unterstützung“, erklärt Koordindationskraft Christina Stettin, die Mittlerin zwischen Hilfsbedürftigen und Helfern ist und ihr Büro im Mardorfer Schwesternhaus hat. „Der Zuwachs an Pflegebedürftigen wird immer größer. Das können Kommunen und Institutionen nicht finanzieren - und die Menschen wollen es auch nicht“, ergänzt Ruth Schlichting von der Altenhilfe des Landkreises. Entsprechend sei der „Hilfemix“ ein seit Jahren diskutiertes Thema - aber auch eines, das die Spitzenverbände der Pflegekassen fördern: „Das setzt aber auch eine Professionalisierung der Helfer voraus“, erklärt sie und berichtet über 62 Stunden Ausbildung, in deren Genuss die Amöneburger Bürgerhelfer kamen (die OP berichtete).

Die Zeiten hätten sich geändert, Familienverbände wie früher gebe es nur noch selten und Verwandte lebten oftmals weit voneinander entfernt, sagt Martin Kewald-Stapf, der ebenso wie seine Frau Christine zu den 19 Vorreitern gehört, die sich als Bürgerhelfer engagieren und ihre Mitmenschen unterstützen wollen. Daran müssten sich auch Dorfgemeinschaften gewöhnen und füreinander da sein. Vielen Menschen sei es allerdings lieber, nicht von direkten Nachbarn geholfen zu bekommen, betont Schlichting - daher sei es sinnvoll, dass sich das Projekt auf die Großgemeinde Amöneburg erstreckt und nicht auf die Dörfer beschränkt, aus denen die Helfer kommen.

Fünf Betreuungsverträge hat die Bürgerhilfe bisher abgeschlossen, „und noch mal so viele Bürger sind am überlegen“, berichtet Hildegard Kräling, die als Alltagshelferin unterwegs ist - das Angebot der Bürgerhilfe aber zum Beispiel während ihres Urlaubs wohl auch für ihre Mutter in Anspruch nehmen will: „Oft ist es einfach nur wichtig, dass die Menschen wissen, einen Ansprechpartner zu haben, der für eine Stunde täglich vorbeikommt und nach dem Rechten schaut. Das gibt Sicherheit.“

Für diese Sicherheit sorgt dabei auch eine gewisse Bezahlung, hebt Schlichting hervor. Zum einen sei ein Entgelt für regelmäßige Dienste nur fair, zum anderen mache es vieles einfacher - sowohl für Helfer als auch für die Empfänger, da so nicht das Gefühl aufkommen müsse, ständig dankbar zu sein.

Zehn oder zwölf Euro kostet eine Stunde Bürgerhilfe unter der Woche - ein Teil davon geht an die Freiwilligen, die allerdings eher die „gute Sache“ im Sinn haben. Die Rüdigheimerin Ingelore Falkenberg ist seit dem vergangenen Jahr Rentnerin und engagiert sich bereits an anderer Stelle sozial. „Von 100 Prozent Beruf einfach auf Nichtstun zurückschalten - das ging nicht“, erinnert sie sich. „Aktiv sein ist die beste Altersprophylaxe“, wirft Schlichting ein. „Mitverantwortung für alte Menschen ist ein wichtiges Motiv - vielleicht auch in der Hoffnung, dass einem selbst später auch geholfen wird“, kommentiert sie - und spricht Christine Stapf aus dem Herzen.

Eine Seniorin habe die Bürgerhilfe zum Beispiel schon vor dem Umzug ins Seniorenheim „bewahrt“, sagt Stettin. Sie habe befürchtet, die Selbständigkeit aufgeben zu müssen, weil sie nicht mehr alleine die Dusche betreten könne. Nun kommt in diesen Situationen eine Bürgerhelferin vorbei, die einfach nur da sein muss, um Sicherheit zu geben: „Nun kann sie weiter zu Hause wohnen.“

In diesem Fall ist die Hilfestellung einfach zu geben, es gibt aber auch schwierigere Voraussetzungen: „Demenz ist besonders im ländlichen Raum noch ein Tabuthema“, sagt Schlichting. „Das Stigma wollen wir abbauen“, ergänzt Rhiel-Stempfle. Die Bürgerhelfer haben eine Fortbildung zum Umgang mit Demenzkranken erhalten, zudem ist Stettin bei dem Thema Expertin - die Voraussetzungen sind also gegeben, damit Menschen, die an Demenz leiden, und ihre Familien die Bürgerhilfe in Anspruch nehmen können, ohne sich Sorgen machen zu müssen.

Jetzt gilt es, das Projekt in Amöneburg zu etablieren. Besonderes Interesse hat die Fachhochschule Frankfurt, die für die wissenschaftliche Begleitung zuständig ist und den Verlauf und die Fortschritte im Auge behält. „Es handelt sich um ein lernendes Projekt - die Erfahrungen sind von essentieller Bedeutung für die wissenschaftlichen Untersuchungen“, wirft Peter Fischer ein, einer der Initiatoren der Bürgerhilfe.

Am 15. März beginnt die nächste Qualifizierung von Alltagshelfern. Sieben Anmeldungen liegen bereits vor, auf acht weitere hofft die Bürgerhilfe. Auch für Jugendliche sei die Initiative interessant, betonen die Verantwortlichen. Die Mitglieder des Kinder- und Jugendbeirats haben sich bereits beteiligt, indem sie Infoblätter verteilten. „Sie haben wir auch angedacht für unsere Liste B und Aufgaben wie Rasenmähen oder Laubfegen - also Dinge, die sich neben der Schule problemlos bewältigen lassen“, erklärt Fischer.

Das Angebot ist da, jetzt muss es nur noch genutzt werden. „Traut euch“, sagt Hildegard Kräling. „Das gilt für beide Seiten“, betont Burkhard Wachtel, der Seniorenbeauftragte der Stadt Amöneburg.

Das Angebot der Bürgerhilfe im Überblick

- Beratung durch das Bürgerbüro und Hilfe bei Kontakten mit Behörden und dem Stellen von Anträgen (unentgeltlich)

- Angebote für die Gemeinschaft, zum Beispiel Info- und Vortragsveranstaltungen, Erzähl- und Singstunden, Gedächtnistraining, Spielenachmittage und andere Aktivierungsangebote (unentgeltlich)

- Hauswirtschaftliche und pflegerische Alltagshilfen, zum Beispiel beim Einkaufen, bei der Hauswirtschaft, bei der Essenszubereitung, beim An- und Ausziehen oder bei der Körperpflege (kostenpflichtig)

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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