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Ein Porträt mit tragischer Geschichte

7. Straßenmalerfestival in Neustadt Ein Porträt mit tragischer Geschichte

Das Neustädter Straßenmalerfestival hat in den vergangenen sieben Jahren herausragende Bilder hervorgebracht. Aber noch nie gab es ein Bild mit einer derart atemberaubenden Geschichte wie das, das Marion Ruthardt gestern malte.

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Die Duisburger Künstlerin Marion Ruthardt malt das Porträt einer Neustädterin, die seit 35 Jahren auf die Rückkehr ihres vermissten Sohnes Mohammed wartet.

Quelle: Matthias Mayer

Neustadt. Die Duisburger Künstlerin gehört zu den Gründungsmüttern des Neustädter Festivals. Sie war bei allen sieben Festivals dabei, malte nicht nur selbst, sondern leitete auch den Nachwuchs an, vermittelte Kontakte zu anderen Profis und trägt wesentlich dazu bei, dass das Neustädter Festival trotz des Mini-Budgets sein Niveau bis heute hält.

Wer sich so verdient gemacht hat, bekommt in Neustadt selbstverständlich einen Stammplatz. Und wenige Schritte von diesem entfernt befindet sich eine Bank an der Marktstraße. Und von ihrem Arbeitsplatz aus hat Marion Ruthardt Jahr für Jahr eine Frau sitzen sehen - mit Kopftuch und der stets gleichen weißen Strickjacke. Und mit einem Foto in der Hand, das zwei kleine Jungen zeigt.

Hinter dieser Beständigkeit muss eine Geschichte stehen, und die hat sich Marion Ruthardt über das Wochenende in Neustadt von der Familie der Frau erzählen lassen.

Vierjähriger verschwand vor Marburger Klinik

Der Inhalt: Das Foto entstand 1980 und zeigt die beiden Söhne der aus der Türkei stammenden Frau, die damals drei und vier Jahre alt waren. Die Familie begibt sich in diesem Jahr zu einem Krankenbesuch in der Marburger Onkologie in der Robert-Koch-Straße. Kinder haben damals noch keinen Zutritt in Krankenhäusern. Deshalb müssen die beiden Söhne vor der Klinik warten. Als die Erwachsenen zurückkehren, steht nur noch der Dreijährige vor dem Krankenhaus. Der vierjährige Mohammed ist spurlos verschwunden - und bleibt es bis zum heutigen Tag. Nie gab es ein Lebenszeichen, nie wurde ein Kinderleichnam gefunden.

Aus der letztgenannten Tatsache schöpft Mohammeds Mutter Hoffnung. Sie lebt in der Hoffnung, dass ihr Sohn wiederkommt, oder dass jemand vorbei kommt, der ihren Sohn auf dem Foto erkennt.

Mohammeds Geschwister haben Marion Ruthardt erzählt, dass ihre Mutter seit dem schrecklichen Geschehen zwar traumatisiert, aber keineswegs lebensuntüchtig ist. Sie seien voller Fürsorge und Liebe aufgezogen worden. Zugleich gestatteten sie Marion Ruthardt nicht nur, ihre Mutter zu porträtieren, sondern auch, die Geschichte hinter dem Bild weiter zu tragen. Die leise Hoffnung der Familie: Mohammed könnte noch leben, um vom nunmehr 35 Jahre währenden Warten der Mutter erfahren und sich bei der Familie in Neustadt melden.

So hat Marion Ruthard den Hilferuf der Familie voller Hingabe auf den Asphalt gemalt und damit ungewollt den Rest des Festivals etwas in den Schatten gestellt. Auch Roswitha Trümpert hat die Geschichte tief beeindruckt. Die still auf der Bank sitzende Frau sei zwar in Neustadt bekannt gewesen, nicht aber der Hintergrund ihres Verhaltens. „Sie hat nie jemanden angesprochen und etwas von ihrem Schicksal erzählt“, sagte die Vorsitzende des Arbeitskreises Straßenmalerfestival Neustadt gegenüber der OP. Das Verschwinden des Kindes habe in der Stadt seinerzeit großes Entsetzen ausgelöst.

Auf dem 250 Meter langem Bilderteppich gab es gestern Vormittag noch einige größere Lücken. In den Nachwuchsklassen fehlten diesmal einige bekannte Namen, was möglicherweise dem späten Sommerferien-Termin geschuldet ist. Die Veranstalter setzten am späten Vormittag auf die Kindergarten-Kinder, die erfahrungsgemäß erst relativ spät zur Marktstraße kommen.

Von den Profis gab es drei gesundheitsbedingte Absagen - darunter auch die von Udo Lindenthal, die Roswitha Trümpert besonders nahe ging. Der erkrankte Künstler hatte seine Karriere in Neustadt beenden wollen, sich dann aber wegen eines weiteren Krankenhaus-Aufenthalts bei der AK-Vorsitzenden telefonisch abmelden müssen.

Nachtarbeiter schwimmt das Bild davon

Trotzdem bekamen die Besucher wieder großartige Bilder zu sehen, die bei erschwerten Bedingungen entstanden. Sonntag früh um 4.30 Uhr ging ein Platzregen über Neustadt nieder, der trotz Planen und Fixierung alle Künstler zum Nachbessern zwang. Und gestern erreichte die spätsommerliche Hitze in der Altstadt tropische Werte und machte das Malen ohne Sonnenschirm zur Tortur.

Großes Pech hatte ein Neustädter Pizzabäcker, der mit seinem Bild erst nach Dienstschluss in der Nacht begann und um 4.30 Uhr nahezu fertig war. Dann kam der große Regen, und die Farbenpracht schwamm davon, da der unglückliche Künstler weder Fixierflüssigkeit noch Plane besaß.

  • Ein weiterer Bericht mit den Ergebnissen folgt.

von Matthias Mayer

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