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Ein Kümmerer wendet sich neuen Aufgaben zu

Manfred Barth im Interview Ein Kümmerer wendet sich neuen Aufgaben zu

Die Amtszeit von Rauschenbergs Bürgermeister Manfred Barth endet zwar erst am 31. März, aber schon am heutigen Montag wird er ab 19 Uhr in der Mehrzweckhalle Bracht verabschiedet.

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Bei dieser Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wird gleichzeitig sein Nachfolger Michael Emmerich in das Amt eingeführt.  Im OP-Interview zog der scheidende Bürgermeister nach 18 Amtsjahren Bilanz.

OP: Was machen Sie am 1. April?
Manfred Barth: Der 1. April fällt auf den Ostermontag – genau so wie vor 18 Jahren bei meinem Amtsantritt. Ich werde das Osterfest begehen wie sonst auch – im Kreise meiner Familie.
OP: Ab er diesmal ist der 1. April ein besonderer Tag für Sie.
Barth: Na klar.  Es ist der erste Tag, an dem ich nicht mehr im Amt bin. Das muss in meinem Innersten erst einmal ankommen. Ich stelle mir vor, dass ich durch die Stadt gehe, etwas sehe oder ich auf etwas angesprochen werde, was nicht in Ordnung ist. Ich meine, dass ich mich darum kümmern müsste. Aber ich bin nicht mehr der hauptamtliche Kümmerer von Rauschenberg. Es geht mich formal Vieles nichts mehr an. Es wird eine Zeit dauern, bis ich das verinnerlicht habe.
OP: Ist Ihr Abschied vom Amt des „hauptamtlichen Kümmerers“ eher mit Erleichterung oder mit Wehmut verbunden?
Barth: Beides zu gleichen Teilen. Wenn ich erleichtert bin, dann nicht, weil mir das Amt schwergefallen ist. Ich bin 18 Jahre lang sehr gern Bürgermeister von Rauschenberg gewesen und bin das auch noch bis zum letzten Tag. Das ist ein großes Glück.  Ich empfinde Erleichterung, weil ich mich seit einiger Zeit auf mein Leben nach dem 1. April vorbereite, bestimmte berufliche Dispositionen getroffen habe. Ich freue mich einfach auf neue Aufgaben.
OP: Können Sie ihre beruflichen Dispositionen präzisieren?
Barth: Ich bin seit 20 Jahren mit einem Lehrauftrag für den Hessischen Verwaltungsschulverband tätig. Diese Dozententätigkeit  werde ich deutlich ausweiten. Das mache ich sehr gern; bisher war das für mich eher ein Hobby.  Zum anderen möchte ich als gerichtlich bestellter Betreuer tätig werden, mich um Menschen kümmern, die eine Betreuung brauchen. Das habe ich vor meiner Bürgermeister-Zeit zehn Jahre lang ehrenamtlich gemacht und würde das jetzt gern auf einer professionellen Ebene tun.

OP : Bürgermeister und Kämmerer können in Zeiten struktureller Haushaltsdefizite nicht im Gewand des Wohltäters durch die Stadt ziehen. Hat die Unterfinanzierung der Kommunen durch das Land Einfluss auf Ihre Entscheidung gehabt, nicht für eine vierte Amtszeit zu kandidieren?
Barth: Nur zu einem geringen Teil, denn es ist eine Herausforderung, mit wenig Geld auszukommen. Man kann auch politisch gestalten, ohne Geld in die Hand nehmen zu müssen. Dann sind Phantasie und Kreativität gefragt.
Rauschenberg ist schon immer – auch vor meiner Zeit – eine finanzschwache Gemeinde gewesen. Wir haben noch nie viel Geld gehabt.  Die Situation hat sich zwar deutlich verschlechtert durch die Rahmenbedingungen, unter denen so viele Landgemeinden leiden, aber wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass wir auch mit wenig Geld etwas gestalten können. Wir haben in den vergangenen vier, fünf Jahren sehr viel investiert in den Erhalt der Infrastruktur – zu Lasten unseres Kontostandes. Aber die Zeiten der großen Investitionen sind vorbei, weil das Wesentliche getan ist. Nebenbei haben wir zusammen mit den Bürgern vieles bewirkt, ohne das große Geld in die Hand zu nehmen: Ich denke an die Kinderbetreuung, die kommunale Infra­struktur, die Gestaltung der Gemeinschaftsräume in der Kernstadt. So sehe ich auch für den Amtsantritt meines Nachfolgers Michael Emmerich keine negativen Vorzeichen. Auch er wird trotz der finanziellen Rahmenbedingungen Politik für die Bürgerinnen und Bürger gestalten können.
Spitzenposition bei der Kinderbetreuung

OP:   Hatten Sie vor ihrem Amtsantritt vor 18 Jahren bestimmte Vorstellungen von dem, was Sie in Rauschenberg bewegen wollten?
Barth: Ja. Mir war schon klar,  dass in Rauschenberg einige Investitionen nachzuholen waren. Wenn ich nur an den Kindergarten in Bracht denke: Der bestand aus zwei Räumen, einer Küche und Toiletten – mehr war da nicht. Das durfte nicht so bleiben. Die Erwartungshaltung an die Kinderbetreuung war damals schon wesentlich höher, als das, was wir bieten konnten.  Das Problem haben wir innerhalb weniger Jahre gelöst. Auch der Kindergarten in der Kernstadt ist heute mit dem damaligen Zustand nicht mehr vergleichbar. Vor 18 Jahren waren die meisten Gemeinden weiter als wir. Das haben wir aufgeholt, Bei der Kinderbetreuung haben wir heute eine Spitzenposition inne.
Auch bei den Bürgerhäusern hatten wir einen erheblichen Rückstand. Zu einer Zeit, als benachbarte Kommunen aus finanziellen Gründen die Schließung von Gemeinschaftshäusern erwogen,  haben wir angefangen, über neue Bürgerhäuser nachzudenken und diese auch realisiert:  die Mehrzweckhalle in Bracht und das Storchennest in Ernsthausen, die heute unsere größten Gemeinschaftshäuser sind.
„Die Dorfgemeinschaften haben sehr gewonnen“
Ich halte die Entscheidungen für die Mehrzweckhalle und das Storchennest nach wie vor für richtig. Die Nutzung der beiden Häuser zeigt,  dass wir in beiden Orten ein deutliches Defizit hatten und dass die Dorfgemeinschaften in Bracht und Ernsthausen sehr gewonnen haben. Das Thema Gemeinschaftshaus für die Kernstadt begleitete mich schon durch meine ganze Amtszeit.  Im Herbst werden wir es auch dank des großen Engagements der Bürger und Vereine zu einem guten Ende führen.  Dieses Engagement zeigt uns, dass es für das Haus einen großen Bedarf gibt. Ich bin froh, dass wir diese Lücke jetzt schließen können.
Auch unter der Erde mussten wir als Pflichtaufgabe einige Millionen Euro verbauen. Der jetzt aufgelöste Sanierungsstau rund um die Rauschenberger Leitungsnetze war vor meinem Amtsantritt ebenfalls schon absehbar.
OP: Der geradezu vorbildliche Ausbau der Kinderbetreuung und die Investitionen in die Gemeinschaftshäuser sollen Rauschenberg als attraktive Wohnstadt stärken. Wo sehen Sie im Kampf gegen Leerstand in den Ortskernen und Bevölkerungsschwund noch Handlungsbedarf?
Barth: Es gab Begehrlichkeiten gegenüber der Politik, mehr Bauplätze in der Kernstadt und in den Stadtteilen zu schaffen. Dies haben wir auch getan, aber nicht in dem Umfang, wie dies immer wieder gefordert worden war. Ich bin froh, dass wir heute keine neuen Baugebiete in den Randlagen mehr ausweisen, sondern uns darauf konzentrieren, Freiflächen und Baulücken in der Innenstadt und in den Ortskernen zu erschließen. Das ist für mich der richtige Weg. Wir haben in der Kernstadt nur das Problem, dass viele dieser Flächen in privater Hand sind und nur zögerlich auf den Markt kommen.
OP: Was macht für Sie Rauschenberg aus?
Barth: Man wohnt in Rauschenberg unheimlich schön, lebt zusammen mit einer sehr aufgeschlossenen und netten Bevölkerung. Die Umgebung der Kernstadt und der Stadtteile ist wunderschön, es gibt Berge, Wälder, Felder und Auen. Und das alles vor der Haustür. Von keinem Platz der Kernstadt ist der Fußweg in den Wald oder ins Feld länger als zehn Minuten.
OP: Gibt es etwas, das Sie in ­Rauschenberg vermissen?
Barth: Es wäre schön, wenn es die Infrastruktur von einst noch gäbe – wir hatten früher mehrere Bäcker, Metzger und zwei Schuster. Auch der Schlecker-Markt fehlt und wenn es ein Edeka-Lädchen zusätzlich gäbe, wäre das toll. Dem steht die Abstimmung mit den Autoreifen entgegen. Wenn die Bürger mit dem Auto zum Einkaufen auf die grüne Wiese fahren, bleibt der Umsatz im Ort auf der Strecke. Wir versuchen mit Unterstützung von Interessenten diese Entwicklung zu einem kleinen Teil wieder rückgängig zu machen. Das werden wir aber nie ganz schaffen. Die Zeit ist  vorbei.
Das halbleere Glas und
das Andorra-Syndrom

OP: Verfolgt man die Diskussionen in den städtischen Gremien, gewinnt man den Eindruck, in Rauschenberg ist das Glas grundsätzlich halbleer. Wie kommt es zu einer so pessimistischen Grundhaltung in einer Stadt, die beispielsweise bei der Kinderbetreuung und den erneuerbaren Energien kreisweit Spitze ist?
Barth: In den zurückliegenden Wahlkämpfen wurde jeweils gefordert, die Außendarstellung Rauschenbergs müsse besser werden. Mich erinnert das an das Andorra-Syndrom. Das heißt: Ich behaupte, es gibt eine schlechte Darstellung, befördere selbst negative Diskussionen und beklage dann die schlechte Außendarstellung, die ich selbst bewirkt habe.
Natürlich soll die Politik Missstände aufgreifen, die Parlamentarier sind dazu da, neue Projekte zu fordern. Aber sie sollten nach meiner Überzeugung dabei immer im Auge behalten, was schon da ist, was schon geschaffen wurde. Und da muss ich sagen: Es kann sich sehen lassen, was in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten in Rauschenberg passiert ist.
OP: Herausragend ist die Position Rauschenbergs bei den erneuerbaren Energien. Die Stadt  hat als erste Kommune des Kreises zwei Bioenergiedörfer, ein drittes befindet sich in der Prüfphase. Als das Wort Energiewende noch nicht erfunden war, gab‘s in Rauschenberg schon den ersten Windpark des Landkreises; ein zweiter ist in Planung. Was hat den Boom der grünen Energien in der Stadt ermöglicht?
Barth: Ohne die Bauherrn der drei Biogasanlagen und des Windparks gäbe es die Einrichtungen heute nicht. Die Leistung der Politik: Wir haben alle Projekte zur ökologischen Energiegewinnung vorbehaltlos unterstützt. Die Zustimmung ging durch alle Fraktionen. So geht der Windpark „Auf der Hecke“ zwischen Ernsthausen und Josbach auf einen Prüfantrag der CDU-Fraktion zurück. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Wir haben die Sache geprüft und baurechtlich auf den Weg gebracht. Allein die Suche nach einem Investor hat etwas länger gedauert. Was mich stolz auf unser Parlament macht: Alle grundlegenden Beschlüsse zu den grünen Energien wurden einstimmig und vor allem vor Fukushima und vor der Energiewende gefasst.
OP: Welches Projekt, welche  Entwicklung aus den vergangenen 18 Jahren macht Sie besonders stolz?
Barth: Das ist die hohe Betreuungsqualität, die wir in unseren Kindertagesstätten bieten können. Die hat uns viel Geld gekostet. Gleichwohl bieten wir diese hochwertige Betreuungsleistung im Vergleich zu unseren Nachbarn sehr günstig an.
Dazu kommen die gute Qualität und Auslastung unserer neuen Gemeinschaftshäuser. Die haben wir nachweisbar in Bracht und in Ernsthausen und wir werden sie auch in der Kernstadt bekommen. Das gelingt nur im Einklang mit der Bevölkerung und den Vereinen. Wir haben vor der Planung den Bedarf geprüft, der sich nach dem Bau als richtig erwiesen hat.
Hinzu kommt das überaus große Engagement der Rauschenberger für ihre Gemeinschaftshäuser. Wir haben für alle Gemeinschaftshäuser ungewöhnlich niedrige Unterhaltungskosten, weil die Bewirtschaftung und die Unterhaltung praktisch ehrenamtlich betrieben wird. Unsere ehrenamtlichen Hausmeister arbeiten für ein kleines Taschengeld.
OP: Das funktioniert ohne vertraglich fixierte Übergabe an Trägervereine, wie dies die Stadt Kirchhain forciert?
Barth: Ja. Wir überlegen, vielleicht für die Kratz‘sche Scheune einen Trägerverein zu gründen. Aber das wäre letztlich nur ein Etikett auf etwas, was es schon gibt. Denken Sie an die riesigen Eigenleistungen, die für die Gemeinschaftshäuser in Albshausen und in Josbach oder auch in Ernsthausen erbracht wurden. In Bracht haben die Vereine die komplette Fassade der Mehrzweckhalle gestrichen, die Stadt hat das Geld für die Farbe gegeben. Das Geld für eine Fachfirma hätten wir nicht gehabt. Das funktioniert geräuschlos und zuverlässig in allen Stadtteilen – selbst in Wolfshaute, unserem kleinsten Dorf. Dort haben die Bürger ihr Backhaus zum Schwabendorfer Jubiläum in ein Schmuckstück verwandelt.
OP: Was hätten Sie gern noch erreicht?
Barth: Ich hätte gern mehr Flächen für Gewerbe ausgewiesen. Ein Gebiet wird jetzt erweitert. Eine Firma für Motorrad-Zubehör will dort eine neue Halle bauen. Schön wäre noch etwas Vorratsland. Wie haben einen Bebauungsplan für das Gelände hinter der ehemaligen Tapetenfabrik praktisch fertig. Es scheitert an den Konditionen für die Grundstücke.
OP: Wo sehen sie Rauschenberg in zehn Jahren?
Barth: Ich sehe Rauschenberg in zehn Jahren als sehr gute Wohnstadt mit einer immer noch sehr guten Infrastruktur für die Bewohner: Supermarkt, Arzt, Apotheke, Grundschule, Kindergarten, Freibad und viele Freizeitmöglichkeiten. Ich hoffe, dass es dann für einige der jetzt leer stehenden Häuser eine attraktive Nutzung gibt. Dazu hat die Arbeitsgruppe Leerstandsmanagement schon vielversprechende Ideen entwickelt. Ich glaube, dass wir in Zehn Jahren neue Leute in alten Häusern haben. Das kriegen wir hin.
OP: Werden Sie dann noch in Rauschenberg leben?
Barth: Ja.

Im Blickpunkt:

Manfred Barth ist ein vielseitig interessierter Mensch. Der 55-Jährige Diplom-Verwaltungswirt liebt die Musik, spielt Mandoline und Gitarre,  ist ausgebildeter Rettungsschwimmer und gelegentlich ehrenamtlicher Bademeister im Rauschenberger Freibad,  fährt gern Motorrad, interessiert sich für Literatur, Religion und Glaube und hat eine große Affinität zum Fußball, zur Leichtathletik und zum Skifahren.  Barth wurde in Halsdorf geboren, wuchs in Stadtallendorf auf und lebt seit 1995 mit seiner Frau Sabine in Rauschenberg. Die Eheleute haben zwei Söhne. 26 Jahre lang gehörte der Politiker der SPD an, die er im Sommer 2011 verließ.

von Matthias Mayer

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